zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2016 | 01:32 Uhr

Geliebt und geschlagen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Arbeitsstunden für häusliche Gewalt: Paar vor Gericht

Sie sitzen vereint am Tisch im Warteraum des Eutiner Amtsgerichts, wirken vertraut. Doch im Saal trennen sich ihre Wege – sie ist das Opfer, er der Angeklagte. Ein Szenario, das Richter und Staatsanwaltschaft gerade beim Thema häusliche Gewalt häufig erleben.

Martin D.* (27) hat Johanna F.* (35) laut Staatsanwaltschaft in diesem Frühjahr zweimal nachts alkoholisiert rausgeklingelt und ihr eine Kopfnuss sowie mehrere Schläge gegen Oberarme und -schenkel verpasst – so stark, dass großflächige Hämatome entstanden. Der gelernte Fachmann für Systemgastronomie, derzeit arbeitslos, antwortete auf die Frage, ob er aussagen wolle, nur kurz: „Nö.“

Richter Otto Witt rief die Zeugin Johanna F. in den Saal, sie bedeutete ihrem kleinen Sohn, im Zuschauerbereich Platz zu nehmen. Er lächelte ihr nach und schaute seiner Mama und ihrem Freund fortan von hinten zu.

Johanna F. überraschte Richter Otto Witt mit der Aussage: „Wir sind verlobt“. Auf seine Frage nach Personen und Namen, mit denen die Verlobung gefeiert wurde, hakte es an Antworten. Witt: „Ich habe das Gefühl, dass Sie einfach nicht aussagen wollen. Ich kann auch die Kripobeamten vorladen und mir erzählen lassen, welche Aussagen Sie dort gemacht haben.“ Es sei für das Gericht nicht unwichtig, zu wissen, dass beide wieder zusammenleben, dies sei ja aus der gemeinsamen Adresse schon ersichtlich. Gericht und Staatsanwaltschaft könnten in solchen Fällen über vieles nachdenken, so Witt, „aber ich werde es nicht zulassen, dass Sie hier angeben, Sie sind verlobt und glauben, damit ist die Sache vom Tisch“. Witt ergänzt: „Auf nichts können wir kein Urteil fällen. Die Sache mit der Verlobung in dieser Situation finde ich sehr fragwürdig.“ Stille im Saal. Witt half dem Paar auf die Sprünge und erklärte: „Für 50 Stunden gemeinnützige Arbeit bei der Stadt kann die Sache erledigt sein. Aber das kann ich erst entscheiden, wenn ich einen Sachverhalt habe.“ Die Staatsanwältin nickte dem Angeklagten zu. Witt gewährte Johanna F. und Martin D. kurze Bedenkzeit vor dem Saal.

Sie brauchten nicht lang: Wieder auf der Anklagebank sagte der 27-Jährige, dass er sich bei ihr entschuldigt habe. Und: „Ja, es ist so passiert. Es war unter Alkohol und wegen der verlorenen Selbstständigkeit.“

Witt und Staatsanwaltschaft standen zu ihrem Wort, gaben zu Protokoll, dass nach 50 geleisteten Arbeitsstunden bei der Stadt, „vermutlich Bauhof“, das Verfahren eingestellt werde. Und die Staatsanwältin gab einen Rat mit auf den Weg: „Wenn sie als Familie Probleme haben, gehen Sie mal zu ‚pro Familia‘, die haben tolle Angebote.“ Auch im Vorfeld solcher Gerichtsverfahren schalte die Staatsanwaltschaft Sozialpädagogen ein, die in solchen Fällen von häuslicher Gewalt die Betroffenen schon vor Prozesseröffnung kontaktierten und mit Beratungsangeboten unterstützten, betonte die Staatsanwältin.


*Name geändert

zur Startseite

von
erstellt am 27.Sep.2016 | 00:57 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen