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Ostholsteiner Anzeiger

07. Dezember 2016 | 17:28 Uhr

Früher gab es noch Anstand

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Sh:z-Volontärin Andrea Lange ist während der Sommermonate Redaktionsmitglied des Ostholsteiner Anzeigers. Als Kielerin pendelt sie in dieser Zeit jeden Tag nach Eutin und zurück. Unter der Rubrik „Reisetagebuch“ berichtet Andrea Lange von der emotionalen Rennstrecke auf 48 Kilometern. Ob am Lenkrad, im Zugabteil oder unter dem Motorradhelm – einen Grund zum Kommentieren gibt es immer.

Früher gab es noch Anstand – das hörte ich als Kind oft von meinen Großeltern. Ich stellte mir diesen Anstand als befrackten Herrn mit Monokel und Gehstock vor, der bei jeder Dame, die seinen Weg kreuzte, als Zeichen der Ehrerbietung den Zylinder lüftete. Ein hüftsteifer, in die Jahre gekommener Herr, der vor einigen Jahrzehnten noch Respekt eingeflößt haben mag, spätestens seit den 80er Jahren aber von jugendlichen Rabauken verhöhnt und überrannt wird.

Anstand – ein Wort, das mir in jüngster Zeit gelegentlich im Geiste herumspukt. Nicht, weil der Nachbarsjunge mir die Zunge entgegenstreckt, wenn seine Mutter gerade wegsieht. Oder weil nicht jeder Mann bei meinem Anblick sofort seinen Hut lüftet. Vielmehr fällt mir der hochgelobte Anstand vor allem dann ein, wenn ich als Verkehrsteilnehmer zwischen Kiel und Eutin pendle. Dieser Abschnitt der Bundesstraße 76 ist eine knapp 50 Kilometer lange Reise durch die Baustelle auf Höhe Schwentinetal, das beschauliche Städtchen Plön und die Holsteinische Schweiz mit ihren Bergen, Tälern, Feldern und Wäldern. Grundsätzlich eine Strecke mit schönen Aussichten, wenn nicht die Lastwagen wären. Nur ein einziger – und von denen gibt es viele – genügt, um den Streckenabschnitt zwischen Preetz und Eutin fast komplett zum Erliegen zu bringen. Wer die Hoffnung hegt, die Brummis spätestens in Plön auf der zweispurigen Durchgangsstraße hinter sich lassen zu können, wird oft enttäuscht. Denn selbiges planen auch andere Lkw- oder Reisebus-Fahrer und blockieren so zusätzlich die linke Fahrbahn, um den Kollegen zur Rechten mit zweieinhalb Kilometern pro Stunde mehr auf dem Tacho zu überrunden. Dass man den „Kleinen“ den Vortritt lässt, scheint indiskutabel. Die können nichts anderes tun, als zu hoffen, dass ihnen nach dem Elefantenrennen noch ein paar Meter bleiben, um selbst vorbeizuziehen.

Ähnlich „unanständig“ ist es außerorts, wo Kipplaster und Sattelschlepper konsequent kaum schneller als 70 km/h fahren und nicht mal im Traum daran denken, auf einen der Parkplätze abzubiegen, um dem Stau in ihrem Rücken die Möglichkeit zu geben, sich kurzzeitig aufzulockern. Und da sind wir bei den Worten „früher“ und „Anstand“. Noch vor einigen Jahren wurde ich Zeuge von Lkw-Fahrern, die dem rückwärtigen Verkehr in regelmäßigen Abständen das Vorbeiziehen ermöglichten. Und nicht nur das: Auf unübersichtlichen Streckenabschnitten, auf denen der Lkw-Fahrer aufgrund seiner erhöhten Sitzposition einen beträchtlichen Sichtvorteil hatte, zeigte er den Hinterdreinfahrenden durch kurzes Rechtsblinken freie Bahn zum Überholen an. Das war rechtlich sicher nicht ganz unbedenklich, aber ein Ausdruck von Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. Denn so mussten die übrigen Verkehrsteilnehmer nicht sich oder andere durch waghalsige Überhol-Manöver in Gefahr bringen. Heute ertragen Brummis stoisch, wie die Autos im Rückspiegel nervös rechts raus- und schnell wieder reinziehen, wenn plötzlich Gegenverkehr auftaucht.
Liegt es am veränderten Verkehrsaufkommen unserer Zeit? Nicht einmal 36 Millionen Fahrzeuge waren gemäß Kraftfahrtbundesamt 1990 in Deutschland zugelassen, heute sind es knapp 55 Millionen. Das ist eine Steigerung des Fahrzeugbestands um 53 Prozent. Insgesamt 2,8 Millionen in Deutschland zugelassene Lkw fahren auf unseren Straßen, hinzu kommen Tag für Tag niederländische, dänische, polnische, lettische und andere ausländische Lkw. Vielleicht ist der Grund für die mangelnden Zugeständnisse auf der Straße aber auch eine veränderte Rechtslage.

In Zeiten mobiler Endgeräte überlegt sich Brummi-Fahrer Klaus möglicherweise zwei Mal, ob er rechts anblinkt, um die freie Bahn zu signalisieren. Immerhin könnte jemand in diesem Moment die Videofunktion des Smartphones aktivieren und hätte somit belastendes Beweismaterial in der Hand.

Der gute Herr Anstand hat es auch irgendwann aufgegeben, seinen Hut bei jeder Dame zu lüften. Vielleicht ist ihm der Arm lahm geworden, hat sich doch die Weltbevölkerung seit den 50er Jahren (damals nicht einmal drei Milliarden) mit heute 7,4 Milliarden Menschen mehr als verdoppelt. Vielleicht hatte der gute Mann aber auch einfach keine Lust auf Sexismus-Debatten, wenn er der Damenwelt heute seinen gestischen Gruß entgegenbrächte. Möglicherweise ist der Anstand von früher aber auch einfach ein Relikt einer anderen Zeit.

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erstellt am 08.Aug.2016 | 00:26 Uhr

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