zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 15:31 Uhr

Malente : Forscher kaufen im Kneippheilbad

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ob Universitäten oder Pharmafirmen: Wenn sie ihre Labore ausrüsten, ist Matthias Sieverts Firma Labstuff.eu erste Adresse.

Im Alter von zwölf Jahren begann Matthias Sievert, zu Hause in Rachut südamerikanische Barsche zu züchten. Welche Auswirkungen die wenige Zentimeter großen Zierfische eines Tages auf sein Berufsleben haben würden, konnte er da noch nicht ahnen. Als er nach seiner Schulzeit bei Dräger in Lübeck eine Ausbildung zum Elektroniker machte, spielten die Fische noch keine Rolle. Das begann erst während des Studiums.

Im Jahr 2000 begann der Malenter, Vertriebs- und Einkaufsingenieurwesen an der Kieler Fachhochschule zu studieren. Südamerikanische Barsche hatte er da keine mehr. Wohl aber noch einige Meßgeräte, mit denen er einst die Wasserqualität im Aquarium überwacht hatte: pH-Wert, Sauerstoffgehalt, Leitfähigkeit. Die gebraucht erworbenen Geräte bot er über die Internetplattform Ebay zum Verkauf an und erlebte eine Überraschung: „Ich habe mich gewundert, wie viel Geld ich dafür bekommen habe“, erinnert sich der 42-Jährige. „Deutlich mehr als ich damals bezahlt hatte.“

Sievert witterte eine Möglichkeit, nebenbei ein paar Euro zu verdienen. Um 2004 begann er, die Geräte systematisch auf Ebay zu ersteigern. Oft hätten die Verkäufer nicht so recht gewusst, was sie da eigentlich im Angebot hatten, berichtet der dreifache Familienvater. Er überholte die Geräte und verkaufte sie mit ein paar Monaten Garantie weiter. Das lief prima, so gut, dass sich das Studium damit finanzieren ließ.

Es kam das Jahr 2006, Sievert war im 11. Semester. „Da habe ich alles auf eine Karte gesetzt.“ Grund war die Insolvenz von Agfa. Das Leverkusener Unternehmen – jahrzehntelang einer der größten europäischen Hersteller fotografischer Filme und Laborausrüstungen – war am Ende. Die Entwicklung der Digitalfotografie hatte der Traditionsfirma den Garaus gemacht. Sievert schlug zu. Er kratzte alles Geld zusammen, lieh sich weiteres von seiner heutigen Ehefrau Anett. Über 20  000 Euro kamen so zusammen. „Eine Woche lang bin ich mit meinem Audi-Kombi jeden Tag nach Leverkusen gefahren und kam bis unters Dach beladen zurück“ – mit Leica-Kameras und -Objektiven, Laborgeräten, Präzisionswaagen, Mikroskopen. „Das war die gesamte Forschungsabteilung von Agfa.“ Das Risiko zahlte sich aus: „Den Einsatz habe ich innerhalb kurzer Zeit vervielfacht.“

2006 sei die Initialzündung gewesen, sagt Sievert heute. Ein Jahr hätte es noch gedauert, sein Studium abzuschließen, doch er entschloss sich, ganz in den Handel mit Laborbedarf einzusteigen. Sein Professor fand den Plan gar nicht gescheit. Er versuchte, seinem Studenten diese „blöde Idee“ auszureden. Inzwischen hat er seine Meinung geändert. Sieverts Firma „Labstuff.eu“ hat mittlerweile sieben Angestellte – aktuell sucht der Betrieb einen Elektroniker – und platzt aus allen Nähten. Fünf Lagerhallen sind in der Gemeinde Malente angemietet, mit insgesamt rund 2000 Quadratmetern Grundfläche. Bis unters Dach lagern hier Laborgeräte und -bedarf.

Wie viele Produkte er im Angebot hat, weiß Sievert selbst nicht genau, aber es seien sicher mehr als 2000. Das günstigste ist ein Becherglas für 2,50 Euro, das teuerste ein Zeiss-Mikroskop für 45  000 Euro, neu würde es 145  000 kosten. Dazwischen ist alles Mögliche im Angebot: etwa Wasseranalysegeräte, Zellenzähler, High-Pressure-Chromatographen, Präzisionswaagen, die auf ein Zehnmillionstel Gramm genau wiegen, oder etwa ein Fourier-Transformations-Infrarot-Spektrometer. Das Gerät sieht unspektakulär aus, kostet mit 35  000 Euro aber so viel wie ein Mittelklassewagen. Es hilft etwa zu bestimmen, welche Wirkstoffe in einer Tablette enthalten sind. Auch Labormöbel, Brutschränke, Trockenschränke oder feuerfeste Chemikalienschränke sind zu haben.

In den ersten Jahren war Sievert viel unterwegs – rund 130  000 Kilometer spulte er pro Jahr ab, um ein Netzwerk von Käufern und Verkäufern aufzubauen. Zu denen gehören die bekannten Pharmariesen: Beyer, Pfizer, Novartis, Glaxo-Smith-Kline. Wo immer ein Labor oder ein ganzer Standort geschlossen wird, ist Sievert zur Stelle. Im englischen Sandwich etwa löste Pfizer ein Forschungszentrum mit 5000 Mitarbeitern auf, das Gelände wurde zu einem großen Venturepark. „Da habe ich immer wieder eingekauft.“ Als der Tabakkonzern Philip Morris 2012 in Köln ein Forschungslabor schloss, schlug Sievert ebenfalls zu. Aber auch scheiternde Start-ups sorgen für Nachschub.

Für den Verkauf steht ein breites Kundenspektrum bereit. Mittlerweile hat die Firma etwa 3000 Abnehmer aus den verschiedensten Branchen. Vor allem Universitäten sind dankbar, wenn sie keine teure Neuware kaufen müssen. Zahlreiche Forschungslehrstühle hat Sievert mittlerweile komplett ausgestattet, zuletzt etwa an der TU München – von Pipetten über Labormöbel bis zu Analysegeräten. Zu den typischen Kunden zählen auch Umweltlabore sowie die pharmazeutische und kosmetische Industrie. Viel Konkurrenz hat das Malenter Unternehmen nicht. Zwei bis drei ernsthafte Mitbewerber gebe es in Deutschland, sagt Sievert, der seine Firma immer noch als eingetragener Kaufmann führt und daher mit seinem Privatvermögen haftet.

Wenn er ein Gerät vorrätig hat, kann der Malenter sofort liefern. Ein großer Vorteil, wenn etwa ein Brutschrank ausfällt. Auch die Bundeswehr ließ sich schon von Labstuff.eu beliefern, als sie in Afrika Wasseranalysegeräte benötigte. Selbst ein Theater im Ruhrgebiet gehört zu den Kunden. Das brauchte einen Trockenschrank für seine Masken. Mittlerweile ist die Firma nicht nur Händler, sondern auch Dienstleister. „Wir bauen auch komplette Labore ein“, erklärt Sievert. Reparaturen gehören ebenfalls zum Geschäft.

Malente zu verlassen, das ist kein Thema. Sievert, der im Malenter Holm die Mountain-Bike-Strecke mit aufbaute und es bis zum Norddeutschen Meister im Downhill-Fahren brachte, will am Ort bleiben. Privat und mit seiner Firma. Schon Gewerbegebiete in Eutin oder Plön sind ihm zu weit weg. Deshalb plant er nun in Kreuzfeld eine neue Halle mit Hochregallager in einem Gewerbegebiet, das bislang nur auf dem Papier existiert. Der Bauantrag ist bereits gestellt. Seine neuen Büroräume in der Godenbergstraße hat Sievert erst in diesem Jahr bezogen. Ein weiteres Projekt läuft dort, wo er groß geworden ist. In Rachut baut er ein Haus für seine Familie – mit einem großen Aquarium. Darin sollen bald südamerikanische Barsche schwimmen.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Aug.2016 | 11:55 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen