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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 14:37 Uhr

„Fairer Sport sollte im Fokus stehen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Maike Dieckmann nimmt Stellung zu den Dimensionen der Olympischen Spiele, Doping und Whistleblowerin Julia Stepanowa

Maike Dieckmann (46) hat die Olympischen Spiele hautnah erlebt. Sie bildete bei den Spielen 2000 in Sydney unter ihrem Mädchennamen Friedrichsen zusammen mit Danja Müsch das Deutsche Beachvolleyballteam, das den neunten Platz belegte. Die gebürtige Eutinerin ist mit Markus Dieckmann verheiratet, ebenfalls ein Weltklasse-Beachvolleyballer, der 2012 zum Trainerteam gehörte, das Jonas Reckermann – mit dem Dieckmann von 2001 bis 2006 ein erfolgreiches Duo gebildet hat – und Julius Brink auf dem Weg zur Goldmedaille begleitet hat. Maike Dieckmann sagt im Olympia-Interview, wie sich ihr Blick auf Olympische Spiele verändert hat.

Vor vier Jahren waren Sie dem Olympischen Beachvolleyballturnier in England sehr nahe, weil Ihr Ehemann Markus zum Trainerteam der Goldmedaillengewinner Jonas Reckermann/Julius Brink gehört hat. Wie nahe sind für Sie die Olympischen Spiele von Rio?

Nicht sehr nah. Zudem verliere ich leider immer mehr die Lust an der riesigen Inszenierung der Olympischen Spiele, nicht nur aufgrund der Dopingthematik. Korruption, Profitgier, Bau- und Umweltskandale tun ihr Übriges dazu. Die Verlogenheit in vielerlei Hinsicht empfinde ich als beschämend und die Dimensionen sind völlig aus dem Ufer geraten. Wenn unter anderem für die Erbauung der Sportstätten über 70  000 Menschen umgesiedelt werden, nicht wenige Menschen bei oder durch die mangelhaften Bauarbeiten sterben müssen, Naturreservate einem neuen Golfplatz weichen müssen weiß ich nicht, wo das noch hinführen soll. Will man den ganzen Wahnsinn stoppen, muss irgendwann mal komplett umgedacht und neu angefangen werden, was ich allerdings für sehr unwahrscheinlich halte. Das alles verleidet mir die reine Freude an dem, was eigentlich im Fokus stehen sollte: fairer Sport und die friedliche Begegnung von Menschen aus aller Welt.

Im Vorfeld der Spiele von Rio drehten sich viele Diskussionen um das Thema „Doping“ und die Forderung, das russische Team vollkommen auszuschließen. War die Entscheidung des IOC richtig, russische Athleten starten zu lassen und keinen Ausschluss zu verhängen?

Nach allem, was ich darüber gelesen habe, muss ich sagen, die Entscheidung erscheint mir wie eine Farce. Nachgewiesenes systematisches Doping in dieser Dimension gehört umfassend bestraft, vor allem auch aufgrund der Art und Weise, wie Russland und insbesondere Putin auf die Aufdeckung des Betrugs reagiert haben. Nämlich ignorant und ohne die große Schuld einzugestehen, geschweige denn ihr überhaupt bewusst zu sein. Wäre das anders gelaufen, hätte man vielleicht noch darüber nachdenken können, die acht von den insgesamt 28 olympischen Sportarten, für die eine Involvierung in den Skandal nicht nachgewiesen wurde, zur Teilnahme zuzulassen. Das Land selber hätte trotzdem ausgeschlossen gehört, damit beim Gewinn von Goldmedaillen die russische Hymne nicht erklingt und Russland nicht in Ergebnislisten auftaucht. Und für die Zukunft sollte auf lange Sicht kein sportliches Großereignis mehr nach Russland vergeben werden.

Besonders schwach, feige und überhaupt nicht zielführend fand ich dazu noch, dass das IOC den schwarzen Peter, über Ausschlüsse im Einzelfall zu entscheiden, an die Sportfachverbände weiter gegeben hat.

Allerdings muss man sich bei aller Diskussion auch vor Augen halten, dass die russischen Athleten nicht die einzigen sind in der Welt, die dopen und damit betrügen.

Während das russische Team nur wenige Konsequenzen tragen muss, wurde Julia Stepanowa, die durch ihre Aussagen den Stein ins Rollen gebracht hat, ausgeschlossen. Hat das IOC mit dieser Maßnahme dem Spitzensport einen Dienst erwiesen?

Das ist für mich fast der größte Skandal und das IOC hat hier eine weitere große Chance verpasst, den Kampf gegen Doping voranzutreiben. Die Argumente für eine Zulassung Stepanowas überwiegen bei weitem und man hätte eine Möglichkeit finden müssen, sie starten zu lassen. Sich hier hinter dem eigenen Regelwerk zu verstecken war ebenfalls mehr als feige.

Sie waren eine außerordentlich erfolgreiche Beachvolleyball- und Volleyballspielerin. Wie sieht Ihre eigene sportliche Gegenwart aus?

Ich spiele mit viel Freude Tennis und gehe regelmäßig laufen und mache dazu Kräftigung. Aber manchmal denke ich schon, dass ich diesbezüglich meinen Ehrgeiz früher aufgebraucht habe… – sprich eigentlich müsste ich manchmal mehr tun.

Sie waren viele Jahre die Vorzeigeathletin des Polizeisportvereins Eutin. Haben Sie heute noch Verbindungen zum PSV?

Aufgrund der Entfernung zu meinem Wohnort leider nein, nachdem auch der Rest der Familie nicht mehr aktiv involviert ist.

Sind Ihre beiden Kinder sportlich aktiv?

Ja, beide spielen momentan Handball und mein Sohn zudem Fußball. Wir finden es wichtig, die beiden an regelmäßiges Sporttreiben heranzuführen. Dabei achten wir sehr darauf, dass sie zwar konsequent an die Sachen herangehen, für die sie sich entscheiden. Aber auch darauf, dass immer der Spaß im Vordergrund steht.

Wie erleben Sie als Familie die Olympischen Spiele in Rio?

Darauf bin ich selbst gespannt, bislang waren wir noch gar nicht alle zusammen, seitdem es losgegangen ist. Momentan sind alle noch verstreut durch Ferien bei Oma und Arbeit.

Haben Sie die Eröffnungsfeier verfolgt?

Das war mir zu spät, ich habe aber am nächsten Morgen die wichtigsten Ausschnitte in der Mediathek angeschaut. Trotz allem bekam ich dabei dann doch einige Male Gänsehaut, das Sportlerherz schlägt eben doch noch irgendwo in mir.

Welche Sportarten interessieren Sie am meisten?

Natürlich Beachvolleyball, zudem Handball und alle anderen Ballsportarten.

Wo haben deutsche Athleten die besten Medaillenchancen?

Nach allem, was im Vorfeld der Spiele passiert ist, möchte ich mich an dem Gerede über Medaillenchancen oder Medaillenrankings nicht beteiligen. Ich freue mich auf emotionale Momente und auf ein hoffentlich sympathisches Auftreten der deutschen Athleten, egal ob Edelmetall dabei heraus kommt oder nicht. Und ich drücke ihnen die Daumen, dass es jedem einzelnen gelingt, das Beste aus sich herauszuholen.

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erstellt am 08.Aug.2016 | 21:36 Uhr

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