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Ostholsteiner Anzeiger

07. Dezember 2016 | 15:23 Uhr

Eutin : „Es ist die größte Werbeaktion für die Stadt“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ohne online geht’s auch nicht: Im Interview spricht Kerstin Stein-Schmidt über Chancen einer Kleinstadt, die sich im Wandel befindet.

Kerstin Stein-Schmidt kennt Eutin nicht nur als Stadtmarketing-Sprecherin, sondern auch als Privatperson. Seit drei Jahren knüpft sie Fäden zwischen Verwaltung und Kaufmannschaft, rief die Ladenbörse ins Leben, um den Leerstand zu bekämpfen und macht sich für das Einzelhandelskonzept stark. Im Interview erzählt sie, weshalb die Landesgartenschau (LGS) nicht alle Probleme Eutins lösen kann und weshalb die Stadtsanierung so wichtig für die schnuckelige Kleinstadt ist.

Was genau ist Ihre Aufgabe beim Stadtmarketing und was sind aus Ihrer Sicht die Stärken Eutins?

Das Stadtmarketing ist eine wichtige Aufgabe: Es geht immer darum, das Image der Stadt nach außen zu tragen, es zu heben und Standortvorteile zu nennen. Denn im Vergleich zu früher stehen Städte und Gemeinden heute im direkten Wettbewerb um Kunden, Einwohner, Besucher und Touristen. Auf Eutins historische Altstadt können wir stolz sein, da haben wir eine ganz eigene Identität. Auf unserem Marktplatz gibt es ein bestimmtes Ambiente und Flair. Und: Wir haben ein gutes Zusammenspiel an Branchen, viele inhabergeführte Geschäfte und ein großes inhabergeführtes Kaufhaus, das es seit mehr als 200 Jahren in der Stadt gibt, auch darauf sind wir stolz. All das sind Orte der Kommunikation. Und nicht zu vergessen ist unser Wochenmarkt. Das ist ein großes Plus für Eutin – wegen seiner guten Angebote und weil wir eine tolle Location bieten.

Warum ist das so wichtig?

Die Kunden können sich heutzutage aussuchen, wo sie hingehen. Da sucht man sich aus, wo es einem gefällt und man sich wohlfühlt. Das haben Stadtplaner im Blick, wenn sie von Aufenthaltsqualität sprechen. Und das haben wir als Stadt auch im Blick. Wir machen den öffentlichen Raum schön und so angenehm wie möglich für Einwohner, Besucher und Touristen. Deshalb ist die Stadtentwicklung an der Stelle so wichtig.

Aber es gibt auch Stellen in Eutins Mitte, die nicht zum Wohlfühlgefühl beitragen. Was können sie als Stadt gegen den Leerstand tun?

Das ist eine Wunde, ganz klar. Langzeitige Leerstände sind immer schlecht. Sie beeinträchtigen die Aufenthaltsqualität und die Geschäfte drumherum. Aber darauf können wir als Stadt nur begrenzt einwirken, denn die Häuser gehören uns nicht. Wir sind aber nicht alleine damit. Andere Städte haben noch ganz andere Brachen. Wir sind immer wieder in Kontakt, aber in den drei Jahren, die ich hier bin, hatte ich vier verschiedene Ansprechpartner. Wir geben Ratschläge für Sanierungsmöglichkeiten, Fördermaßnahmen, haben es in der Ladenbörse... aber Ratschläge werden nicht immer angenommen. Es gibt Kontakt, den Rest müssen wir sehen. Wir würden uns freuen, wenn sich an dem Zustand bald etwas ändert.

Die Landesgartenschau wird immer als Motor für die Innenstadt bezeichnet. Wie messbar sind erste Erfolge und wie sind die Rückmeldungen bisher aus der Kaufmannschaft?

Ich glaube, die LGS ist ein Erfolg für die Stadtentwicklung. Wir haben sehr viel mehr Gäste als in einem normalen Jahr. Ich glaube, dass die Gäste auch zu uns in die Stadt kommen durch die Stadteingänge. Ich spreche auch mit vielen Kaufleuten. Die Bewegung ist zu merken. In der Kasse hat sich mancher sicher mehr versprochen. Aber da ist die Frage, was kann die Gartenschau leisten? Die LGS kann sicherlich mehr Besucher nach Eutin bringen. Aber dann muss man sehen, wie der zweite Schritt geht. Die Gastro am Markt profitiert sprichwörtlich. Es ist nachhaltig. Wenn wir ein überzeugendes Bild abgeben, dann locken wir Leute nach Eutin, die uns noch gar nicht auf dem Schirm hatten und dann haben am Ende alle davon gut.

Hätten die Kaufleute der Innenstadt mehr machen können, offensiver für sich werben?

Ich denke, die Kaufmannschaft hat sich gut aufgestellt. Wir haben auch gemeinsam eine Menge gemacht bis hin zum Weg durch die Stadt an den Geranien entlang. Natürlich erreicht man nicht jeden und wer nicht gut zu Fuß ist, nimmt eben den Bus. Man erreicht nie jeden. Aber jeder bekommt am Eingang das Besuchermagazin. Das ist wertig gemacht und mit einer Karte der Innenstadt sowie deren Werbung. Letztendlich ist es jedem selber überlassen. Wir haben immer gesagt: Machen Sie das Thema auch zu ihrem eigenen Thema.Aber auf der anderen Seite muss man auch sehen: Das Gelände ist auch toll. Es ist so groß, wie 28 Fußballfelder. Für manche ist das schon genug. Aber dennoch lautete der Umkehrschluss nicht, dass man weniger bieten sollte. Es ist ein dynamischer Prozess. Wir haben Anreize geboten, weisen im Bus-Shuttle jetzt extra nochmal auf die Innenstadt hin. Die Ansagen haben wir nachträglich geändert. Die Botschaft ist einfach: Kommt ein zweites Mal her. Es ist eine gigantische Werbemaßnahme für Eutin. So ist noch nie für die Stadt geworben worden. Aus Stadtmarketingsicht ist das klasse.

Sie haben vorhin von einem guten Branchen-Mix gesprochen. Was fehlt aber oder wäre dann aus Ihrer Sicht noch das Sahnehäubchen?

Elektro wäre klasse. Das ergab auch das Einzelhandelskonzept. Doch das ist super schwierig, weil es da die großen Märkte gibt, die Platz brauchen. Aber diese Geschäfte laufen natürlich auch online. Auch ein Biomarkt wäre vorstellbar. Dazu hätten wir auch Potenzial in Eutin. Viele junge Menschen und auch Familien ernähren sich immer bewusster und sind an gesunder Ernährung interessiert. Auch ein Schlachterladen wäre ein Anziehungspunkt, aber da finden Sie heute kaum noch Leute.

Ist online nur die böse Konkurrenz, die verteufelt und ignoriert werden kann?

Online ist ein Trend und der geht auch nicht mehr weg. Das sollten wir nicht beklagen, sondern versuchen für uns zu nutzen. Es wird immer eine Chance geben. Online hat viele Vorteile aber auch viele Nachteile.

Welche denn?

Online ist keine Kommunikationsplattform vor Ort, bietet nichts zum Anfassen, bietet nicht die Beratung, das Gespräch, das gesamte Erlebnis. Natürlich kann nicht jeder Laden ein Online-Geschäft nebenbei haben aber jeder sollte im Netz präsent sein und eine eigene Homepage haben, um auf sich aufmerksam zu machen. Viele Leute sind heute im Netz unterwegs. Wir empfehlen jedem, dabei zu sein. Viele der Kaufleute sind zumindest schon bei Facebook aktiv, wo man selbst für sich werben kann, auf Aktionen hinweisen, neue Käufer erreichen. Wir haben durchaus innovative Geschäfte in der Stadt. Nehmen wir „BeachYah“. Torsten Jürries ist vom Netz auf die Fläche gegangen. Auch der Weingeist und die Teeschmiede sind online unterwegs, ebenso Tim Dreyer mit Piconaja, auch LMK präsentiert sich mit eigenem Film. Das ist einfach wichtig, für eine Erstinformation. Man muss nicht seine ganze Ware hineinbringen aber sein Sortiment promoten. Aber: Wir haben nach wie vor als Stadt die Chance, wenn wir dem Kunden ein Kauferlebnis zum Wohlfühlen bieten. Einziges Problem: Heutzutage ist der Kunde nicht mehr ganz so berechenbar, wie er das früher war. Einen Tag macht er Online-Shopping, den anderen geht er in die Stadt und den nächsten in ein Shoppingcenter. Über die LGS bekommen wir neue Kunden, insofern ist das wertvoll.

Was sind die Magneten Eutins? Sie nannten vorhin den gut funktionierenden Wochenmarkt als Beispiel.

Laut Einzelhandelsgutachten sind Holtex und LMK der Frequenzbringer. Danach folgen Lebensmittel als Magnet, die braucht jeder jeden Tag. Unser Wohnzimmer ist der Marktplatz, deshalb ist die Stadtentwicklung so wichtig.

Nun wird das Wohnzimmer demnächst saniert. Wie will Stadt und Stadtmarketing damit professionell umgehen, damit die Befürchtungen der Kaufleute – heute gewonnene Kunden werden durch die Baustelle im Jahr nach der LGS vergrault – nicht wahr werden?

Die Stadtentwicklung ist gut für den Standort und wir wissen, dass wir in einem sensiblen Bereich sind und nehmen die Sorgen der Kaufleute sehr, sehr ernst. Wir wollen sie aktiv mit in das Stadtsanierungsmanagement einbinden. Die Geschäfte müssen erreichbar sein und wir werden uns aus Stadtmarketingsicht aufstellen: Es wird Führungen geben, Spaziergänge und Angebote für Kinder. Auch Baustellenkonzerte sind denkbar oder das Thema Baustelle an einem der verkaufsoffenen Sonntage zu spielen. Wir können es nur gemeinschaftlich machen. Eine andere Chance haben wir
da nicht.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 11:00 Uhr

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