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Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 21:37 Uhr

Eutin : „Es hat sich unheimlich viel getan“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nach exakt 14 Jahren endet die Dienstzeit von Klaus-Dieter Schulz, dem ersten direkt gewählten Bürgermeister der Stadt Eutin. Sein persönliches Fazit.

Er hat sich angewöhnt, am Stehpult zu arbeiten. Der Blick auf das Notebook geht Richtung Markt. In den vergangenen Tagen hat er häufig dort gestanden und an seiner Rede für heute Abend gearbeitet. Die Abschiedsrede nach 14 Jahren im Amt des Bürgermeisters der Stadt Eutin.

Lenkt ihn der herrliche Blick in das Zentrum der Stadt nicht ab? „Ich kann mich auf eine Sache konzentrieren, da ist mir das Umfeld egal. Aber wenn ich mal nicht weiterkomme mit meinen Gedanken, dann schaue ich gerne mal hinaus und hole mir Anregungen.“

Seine Amtszeit endet nach exakt 14 Jahren am 31. Juli. Die offizielle Amtsübergabe an Carsten Behnk erfolgt heute Abend im Zug einer Sondersitzung der Stadtvertretung in den Schlossterrassen.

Wie sieht sein Fazit aus beim Blick zurück. Spontan lautet die Antwort: „Es hat sich unheimlich viel getan. Wenn jetzt die Kaufmannschaft sagt, es bewege sich nichts, dann ist das schlicht falsch – und es trifft mich persönlich.“

Als Klaus-Dieter Schulz am 1. August 2002 in das Bürgermeisterbüro einzog, lagen stapelweise Pläne in der Schublade. Die Umsetzung war ins Stocken geraten.

Sein erster Schritt als Bürgermeister war die Einrichtung eines Bürgerbüros: Möglichst alle Leistungen der Verwaltung an einem Ort, das war das Ziel. Und die Öffnungszeiten der Verwaltung wurden erweitert.

Sein erster großer Erfolg „hinter den Kulissen“ war die Bereitschaft des Landes, die Westtangente zu bauen. Ein Schlüsselerlebnis, an das er sich erinnert: Ein Gespräch mit der zuständigen Behörde in Kiel, an dem auch die damalige Landtagsabgeordneten Herlich Marie Todsen-Reese teilnahm. Dort holten sich beide eine harsche Abfuhr: Eine Stadt, die gegen das Land prozessiere, könne nicht damit rechnen, auch noch eine Umgehungsstraße „geschenkt“ zu bekommen.

Die Stadt hatte seinerzeit auf dem Klageweg versucht, die Rückzahlung von Zuschüssen zu verhindern. Die hatte das Land für nicht gebaute Teile des Opernringes zurück verlangt.

Das demütige Auftreten des neuen Bürgermeisters – „Ich war so klein, ich hätte unter einer geschlossenen Tür durchgepasst“ – zeitigte aber Wirkung: Das Land baute die Westtangente, die Stadt erfüllte im Gegenzug die Auflage, die Kerntangente zu bauen.

Es ist nicht das erste Mal in diesem Gespräch, dass Schulz die Verwaltung insgesamt und das Bauamt im besonderen lobt; regelrecht überschwenglich. Erneut bei der Frage, worauf er stolz sei nach 14 Jahren Amtszeit. Schulz überlegt kurz, sagt: „Das Team hier im Rathaus, auf das bin ich wirklich stolz.“ Es bringe ihm beim Blick auf den nahen Ruhestand die größte Wehmut, dass er alle Mitarbeiter nicht mehr häufig sehen werde, mit denen er fast täglich sehr vertrauensvoll und konstruktiv zusammen gearbeitet habe. Und Kirsten Rosenow im Vorzimmer sei einfach ein Glücksfall.

Kein Licht ohne Schatten: Es war keine Sternstunde, als versehentlich eine Bagatellrechnung für Radiergummis mit 32  000 Euro beglichen wurde. „Aber ich denke, ich habe mich wie immer vor das Team gestellt und die Verantwortung übernommen.“ Und eine EDV-Panne, durch die ein Werbebrief für die Bundeswehr schon an Kleinkinder verschickt wurde, habe ihm einen Artikel auf der Seite 1 der größten deutschen Boulevardzeitung als „Verlierer des Tages“ eingebracht. „Da bin ich stolz drauf, das schafft nicht jeder.“

Zurück zum Positiven: Was ist denn alles passiert in 14 Jahren? Schulz nimmt den Entwurf seines Redemanuskriptes zu Hilfe, und dann wird sie ganz schnell ganz lang, die Liste: Das Interkommunale Gewerbegebiet, das fast an Naturschutzbelangen gescheitert wäre, die Ausweisung umfangreicher Baugebiete, die Übernahme der Verwaltung für die Gemeinde Süsel, die Sanierung der Riemannstraße, der Bau der Heinrich-Westphal-Straße samt 100 neuer Parkplätze, die Sicherung des Bundeswehrstandortes bei zwei Reformen, die Verbesserung der Verkehrssituation auch als Standortsicherung der Polizeidirektion auf Hubertushöhe, altersgerechte Wohnprojekte am Mühlenberg, am Heinrich-Lüth-Weg, am Kleinen See und in der Otto-Haesler-Straße, die Sanierung und Erweiterung der Schulen, die reibungslose Übernahme des Voß-Gymnasiums in städtische Trägerschaft, ein umfangreiches Kindergartenangebot, Sportstättensanierung und die Anerkennung Eutins als Stadt des Sportes und als Fair Trade sowie ein Einzelhandelskonzept zum Schutz der Innenstadtgeschäfte – und nicht zuletzt die laufende Stadtsanierung und die Landesgartenschau.

Das schönste Erlebnis in 14 Jahren? „Die 750-Fahr-Feier der Stadt“, antwortet Schulz ohne Zögern, mit einem würdigen Festakt in der Kirche als Höhepunkt. Im Nachhinein glaube er, dass mit der Sanierung der Michaelis-Kirche auch der Funke für die Stadtsanierung gezündet worden sei.

Der schwärzeste Moment? Davon habe es mehr als einen gegeben: Der Verlust vieler Weggefährten wie Jimmy Belter, Stephan Leistenschneider, Jochen Meseck und jüngst erst Reimer Meier. Schwarze Stunden seien auch große Brände gewesen: Das Voß-Haus, die alte Schäferei, das Bangen um die Michaeliskirche und um die Altstadt bei einem Feuer im Prof.-Hofmeier-Gang.

Worauf freut er sich im Ruhestand? Ganz besonders, dass man endlich mal für Kinder und Enkel Zeit habe. „Ich habe das Amt nie als Job verstanden, sondern als Berufung.“ Da hätten viele private Belange zurückgestanden. Und er habe fest vor, viele Freundschaften wieder zu pflegen, die in den vergangenen 14 Jahren zu kurz gekommen seien. Es seien vor allem Freunde aus der Zeit vor seiner Amtszeit in Eutin. „Hier habe ich sehr wenige Freunde gemacht. Das war häufig nicht klar: Meinen die den Bürgermeister oder die Person Klaus-Dieter Schulz.“

Eine große Hoffnung hat sich nicht erfüllt: Ein neues Hotel, das die Stadt so dringend brauche. „Da würde ich mich gerne noch in den kommenden Monaten engagieren, mit sachlichen Beiträgen helfen, dieses Ziel zu erreichen.“

Das ist aber, wie Schulz betont, vorerst das einzige, was er sich an öffentlichen Aufgaben vorstellen könne. „Ansonsten werde ich mich mindestens ein halbes Jahr lang orientieren und schauen, was mir Spaß macht. Rudern vielleicht. Und mehr Golf spielen. Wer mich in dieser Zeit fragt, ob ich ein Ehrenamt übernehmen würde, der hat schon verloren.“


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erstellt am 18.Jul.2016 | 16:28 Uhr

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