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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 16:43 Uhr

Nach Unfall bei Eutin : Eltern der toten Feuerwehrmänner: „Uns wäre keine Strafe genug“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Bei einem schweren Unfall im Februar 2015 starben zwei junge Männer. Der Verursacher wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Eutin | „Für uns ist nichts mehr, wie es einmal war“, sagt Uwe Jahnke (47) am Montag mit Tränen in den Augen vor dem Eutiner Amtsgericht. Eineinhalb Jahre nach dem tödlichen Unfall seines Sohnes Dominik (19) und dessen Freund Matthias (21) wurde der Unfallverursacher wegen fahrlässiger Tötung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Rückblende: Es war ein feuchter, nasser Tag, der 27. Februar 2015. Die beiden Freunde Dominique und Matthias fuhren kurz vor 14 Uhr auf der L 176 von Hutzfeld nach Eutin in einem Golf. Ihnen kam Ben K. (37)* entgegen. Ein bis dato selbstständiger Raumausstatter, der auf dem Weg vom Materialeinkauf in Eutin zu seiner damaligen Baustelle in Hutzfeld war. Hinter dem Golf der beiden Jungs fuhr Adelheid Sick. „Ich sah den VW-Bus schlingern und dachte nur, hoffentlich fängt er sich noch. Doch da war es auch schon zu spät“, ihre Stimme bricht. Die beiden jungen Männer hatten keine Chance.

Die gelernte Altenpflegerin war damals die erste am Unfallort und muss noch heute weinen, wenn sie sich die Bilder ins Gedächtnis ruft. Sie habe in den Golf der Jungs geschaut, dann sei sie zu Ben K. gegangen. „Er sagte, ich solle mich um das andere Auto kümmern. Ich bin zurück, hab versucht irgendwie ranzukommen. Doch nichts ging auf.“ Sie muss weinen. Auf Nachfrage von Richter Otto Witt erzählt Sick, dass sie sich zurückzog, einfach nach Hause fuhr, als die ersten Rettungskräfte vor Ort waren, denn diese hatten sie gebeten, ihr Auto wegzufahren. Zuhause angekommen, realisierte sie erst, was da geschehen war. „Aus dem Radio erfuhr ich, dass zwei junge Männer im Auto saßen.“

Dieser schwere Unfall lähmte Ende Februar die betroffene Gemeinde Bosau. Die Ersthelfer der Feuerwehr Hutzfeld-Brackrade wurden damals an der Unfallstelle ausgetauscht. Sie sollten nicht ihre eigenen Kameraden freischneiden müssen. Gleich am Folgetag verliehen mehr als 100 Menschen aus den Ortschaften Hutzfeld und Löja, aus dem die jungen Männer stammten, sowie Vereins- und Feuerwehrkameraden ihrer Trauer am Unfallort Ausdruck und errichteten Holzkreuze für Dominik und Matthias.

Das Schicksal eint die beiden Familien von Dominik und Mattthias: Uwe, Michaela und Melanie mit Elisa, Bernd und Meike Jahnke.
Das Schicksal eint die beiden Familien von Dominik und Mattthias: Uwe, Michaela und Melanie mit Elisa, Bernd und Meike Jahnke. Foto: Emde

Viele Tränen flossen auch bei der Gerichtsverhandlung am Montag, zu der rund 30 Angehörige und Freunde der beiden Verstorbenen gekommen waren. „Er hat sich nicht einmal bei uns gemeldet“, sagt Elisa, Matthias Schwester. Ben K. versucht, das gleich zu Beginn der Verhandlung zu erklären: „Ich habe es versucht, sogar einen Brief angefangen, aber ich hatte nicht den Mut, die Angehörigen zu kontaktieren. Ich wusste nicht, wann dafür der richtige Zeitpunkt war. Mir tut es aus tiefstem Herzen leid. Ich wache morgens mit dem Gedanken an diesen Tag auf und gehe abends damit ins Bett.“ Die Beileidsbekundungen wollten sie ihm zu Verhandlungsbeginn nicht abnehmen. Die Reaktion der Angehörigen darauf: „Eineinhalb Jahre nach dem Unfall? Das hat er schön mit seiner Verteidigerin besprochen.“

Dass Ben K. unter der Last, zwei Menschen getötet zu haben, leide, nahm Richter Otto Witt dem Angeklagten ab. Zusammen mit dem Sachverständigen der Dekra sowie einem medizinischen Gutachter arbeitete er heraus, was bislang als mögliche Unfallursache im Raum stand: Hatte der VW-Bus-Fahrer telefoniert und war abgelenkt oder hatte der Epileptiker einen spontanen Anfall oder Herzrhythmusstörungen, die ihn plötzlich das Bewusstsein verlieren ließen? Das Handy als Grund schied aus, da der Gesprächspartner vor Gericht aussagte, es sei ein klares kurzes Gespräch von maximal 20 Sekunden ohne Fahr- oder sonstige Nebengeräusche gewesen.

Alle medizinischen Fragen konnte der Sachverständige detailliert ausräumen. Den Satz des Angeklagten „Mir wurde schwarz vor Augen“ ließ er nur für den Zeitpunkt des Aufpralls gelten. „Das Problem ist, dass Patienten zur Beschreibung ihrer Symptome oft plakative Äußerungen nutzen“, sagte der medizinische Gutachter. Da der Unfallfahrer laut Dekra-Sachverständigem nicht angeschnallt war, durch den Aufprall gegen die Frontscheibe stieß und sich neben dem Hüftknochen auch die Nase brach, könne das ein Grund für „schwarz vor Augen sein“. Er habe Ben K. aber während der Untersuchungen als jemanden erlebt, der sich als verschlossen beschreibe und einem großen Erwartungs- und Erfolgsdruck aussetzt und einem gewissen Stress unterlegen war. Die Folge: „Vermutlich war er in Gedanken bei dem neuen Auftrag, nur für einen kurzen Moment abgelenkt, und dann kann es zu einem Fahrfehler kommen, der so gravierende Folgen hat.“

Aus Sicht des Dekra-Sachverständigen war das Schadensbild am VW-Golf so verheerend groß, weil Dominik und Matthias eine Ausweichbewegung nach rechts in den Graben machten. „Zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes war ihr Wagen auf tieferem Niveau als der VW-Bus. Die Längsstreben, die eigentlich dafür gedacht sind, Energien bei solchen Unfällen zu verteilen, konnten beim Golf gar nicht wirken, weil die Längsstreben des Busses viel höher waren. Auch die beiden jungen Männer waren nicht angeschnallt. Witt: „Hätten sie mit Gurt einen solchen Unfall überleben können?“ Sachverständiger: „Das vermag ich aufgrund des großen Schadensbildes nicht zu sagen, aber das Auto war bis zur Höhe der Beifahrertür zerstört.“

In seiner Urteilsbegründung folgte Otto Witt dem Antrag der Staatsanwaltschaft: zehn Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Mehr als die Hälfte der Zuhörer verließ sofort empört den Saal. Witts Urteilsbegründung: „Ich bin davon überzeugt, dass Sie das hätten verhindern können.“ Ben K. sei unaufmerksam gewesen, sei über den Gedanken an die noch offene Arbeit abgedriftet. Das könne zwar jedem passieren, aber in den meisten Fällen habe es glücklicherweise nicht solch verheerende Auswirkungen. Witt: „Sie waren abgelenkt zum Unfallzeitpunkt, und so etwas darf nicht passieren.“ Nicht nur das Leben der Angehörigen habe er damit verändert, sondern auch das der Zeugin Adelheid Sick.

Was die Eltern zu dem Urteil sagen: „Uns wäre keine Strafe genug, eine gerechte Strafe kann es nicht geben“, da sind sich beide Familien einig. Sie haben befürchtet, dass es eine niedrige Bewährungsstrafe werde, das haben sie Recherchen im Internet vermuten lassen. Sie wissen, dass er das Grab ihrer Söhne besucht hat. Sie hätten sich früher eine Ansprache gewünscht – heute überwiege die Wut und der Groll. Ihre beiden Jungs hatten die Eltern und Schwestern im Gerichtssaal dabei – als silberner Anhänger an einer Kette. Wie geht es für die Familien weiter? „Wir funktionieren nur noch“, sagt Bern Jahnke, Matthias Vater. „Noch fühlt es sich an, als wäre er nur verreist und wir hoffen jeden Tag, dass er wiederkommt. Aber er kommt einfach nicht.“

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erstellt am 09.Aug.2016 | 00:00 Uhr

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