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Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 03:12 Uhr

Eine Stadt, wo vor 52 Jahren Urwald war

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

In diesem Bericht ist die vorherrschende Farbe grün. Denn meine Projektstadt ist sehr ländlich gelegen. Die nächst größere Stadt ist drei Stunden Busfahrt entfernt, und in anderen Teilen Nicaraguas wird Nueva Guinea gerne mal als ein wenig „hinterweltlich“ angesehen. Es führt eigentlich nur eine gepflasterte große Straße in die Stadt hinein, sonst sind es fast nur Sandstraßen, die in umliegende Dörfer führen.

Die Stadt wurde vor 52 Jahren von evangelikalen Siedlern gegründet, damals fand man hier einen Urwald vor. Heutzutage muss man, um einen „echten“ unangetasteten Regenwald zu sehen, noch weiter in den Süden Nicaraguas an die Grenze zu Costa Rica fahren. Am Rio San Juan, dem Grenzfluss zwischen beiden Ländern, in der Nähe des Ortes El Castillo, findet man Regenwald. Benannt wurde die Ortschaft nach der kleinen Festung, die von den Spaniern gegen englische Piraten errichtet wurde. Die nutzten gerne den Fluss als Zufahrt in den Nicaragua-See. Von dort aus griffen sie mindestens dreimal die spanische Kolonialstadt Granada an, plünderten und brandschatzten sie.

Der Regenwald im Naturschutzgebiet „Indio de Maíz“ am Rio San Juan ist das größte des Landes und Heimat vieler seltener Tierarten. Großkatzen wie Puma und Jaguar, 200 verschiedene Arten von Reptilien und viele verschiedene Affenarten leben im 3180 Quadratkilometer großen Gebiet.

Diese Tiere lebten auch einmal in Nueva Guinea. Aber in heutiger Zeit steht hier nun eine kleine Stadt anstelle des Regenwaldes. Drumherum Fincas, Bauernhöfe. Viele mit Yuka, einem Wurzelgewächs, andere mit Ananas, aber der Großteil mit Rindern.

Und Rinder brauchen keinen Urwald. Rinder brauchen Wiesen. Und so sieht man in der Umgebung hauptsächlich Felder, mit einzelnen Bäumen und Waldflächen verziert.

Wilde Tiere findet man vereinzelt trotzdem noch. So durfte ich einmal eine Bekanntschaft mit einem Skorpion machen und meine Mitfreiwillige mit einer Schlange, die länger war als ein normal gewachsener Mensch hoch ist. Und auch Faultiere gibt es in der Umgebung von Nueva Guinea noch. Manchmal verirrt sich eines in die Wohngebiete. Einmal bekamen meine Mitfreiwilligen und ich von unserer Projektchefin einen Anruf, wir sollten, wenn wir könnten, doch ein Faultier, das in der Nähe unserer Hauses an einem Telefonmast hänge, in eine sichere Umgebung bringen. Die Anwohner hatten Angst, dass das Tier entweder von Kindern mit Steinen hinuntergeworfen oder beim Herunterkommen von Straßenhunden angegriffen werden könnte.

Unsere Projektchefin ist sonst bei solchen Angelegenheiten in der Stadt inoffiziell zuständig, war aber im Moment eine siebenstündige Busfahrt in der Hauptstadt entfernt. So durften wir unser Glück versuchen und probierten, das Tier auf eine Leiter oder auf einen Stock zu „locken“. Das klappte allerdings nicht ganz.

Wir waren offenbar für die Nachbarschaft eine große Attraktion, da wir gut anderthalb Stunden unser Glück versuchten und die Zuschauermenge immer größer wurde. Irgendwann kam ein befreundeter Nica und Kollege von uns, er schaffte es innerhalb von einer Viertelstunde, das Tier auf einen Stock zum Transport zu befestigen. Und so trugen wir das Faultier durch die Stadt in ein kleines, schönes Waldstück, wo es vermutlich nicht weiter gestört werden würde.

Neben solchen Besuchen von wilden Tieren merkt man aber überall in Nueva Guinea, dass man sich auf dem Land befindet. So stehen neben dem Supermarkt eigentlich fast immer grasend ein oder zwei Pferde auf einer kleinen Wiese, während ihre Besitzer im Supermarkt ihre Besorgungen machen. Auch Kühe oder Schweine werden oft quer durch die Stadt gescheucht. Wenn man hier ein Auto besitzt, dann ist das eigentlich immer ein Jeep oder Geländewagen. Und diese werden auch gebraucht, wenn man in die Dörfer in der Umgebung und auf Fincas fahren möchte.

Neben den vielen Rinder-Wiesen und großen Monokulturen gibt es auch immer noch kleine Fincas, die versuchen, ökologisch anzubauen. Eine solche ist die „Esperanzita“ in der Nähe der Stadt, die schon seit Jahren andere Bauern lehrt, wie ökologischer Landbau in Nicaragua möglich ist und die auch Ökotourismus anbietet. Bei meinen vielen Besuchen auf dieser Finca konnte ich neben dem Öffnen von Kokosnüssen mittels Machete auch andere Sachen lernen. Zum Beispiel die Herstellung von Kurkuma. Das Gewürz ist der Hauptbestandteil von Curry. Es wird durch das Zerkleinern und Trocknen einer gelben Wurzel, von der Form her Ingwer nicht unähnlich, gewonnen.

Bei Zimt handelt es sich um die Rinde des Zimtbaumes, die durch ein Messer abgelöst werden kann, an der Luft danach oxidiert und so seine braune Färbung bekommt. Anschließend wird die Rinde getrocknet. Doch das Öffnen von Kokosnüssen und das Vernaschen von Früchten bleibt meine Lieblingsbeschäftigung.

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erstellt am 25.Jul.2016 | 16:55 Uhr

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