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Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 15:30 Uhr

Eine Carmen mit Leidenschaft

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein überzeugender Chefdirigent samt engagiertem Orchester und ein gut inszeniertes Ensemble mit grandiosen Solisten ziehen in den Bann

Mit Beginn der Carmen-Premiere hörte dann endlich auch die Sintflut auf. Die unerschrockenen Zuhörer, die mutig Sturm und Regen trotzend nur etwa die Hälfte der Sitzplätze belegten, sahen eine von Dominique Caron inszenierte Oper, die wohl noch lange von sich reden machen wird. Ein Dorfplatz mit spanischer Kulisse (Ursula Wandaress) und herrlichen und bunten Kostümen (Martina Feldmann), verspielten Kindern (Hamburger Alsterspatzen), einem echten „Zicken-Alarm“ und erotischem Flair vermitteln Echtheit des tragischen Schauplatzes um Liebe, Hass und Tod. Der Zuhörer erlebt hier also keine abstrakte Oper, sondern eine mit Fleisch und Blut, die einem nahe kommt und betroffen macht.

Leo Siberski interpretiert die Partitur mit der neu gegründeten Kammerphilharmonie Lübeck mit überzeugender Durchsichtigkeit und hoher dynamischer wie klanglicher Kultur. Er dirigiert mitreißend und hoch emotional mit ganzem Körpereinsatz, so, als wolle er den Aufführungsstil der schmissigen Tempi neu für sich erfinden. Insbesondere die Ouvertüre und beispielsweise der langsame Beginn mit einem magischen Orchester-Accelerando des feurig-wirbelnd endenden „Chanson bohème“ im zweiten Akt sprechen für Siberskis hohen Gestaltungswillen. Die jungen Orchestermusiker folgen ihm mit unverbrauchter Frische und zugreifendem Elan.

Im Mittelpunkt der Aufführung steht zweifellos die Carmen (Milana Butaeva). Die „femme fatale“, die in ihrer Liebe zugleich zynisch, unschuldig und grausam ist, die „den Todhass der Geschlechter“ wie sonst in keiner anderen Oper widerspiegelt, so der Philosoph Friedrich Nietzsche, und für ihre persönliche Freiheit stirbt.


„femme fatale“ begeistert


Butaeva lebt diese Rolle mit höchster emotionaler Hingabe und überzeugt mit ihren hinreißenden schauspielerischen Fähigkeiten und ausdrucksstarker Stimme von einer samtenen, dunkel glühenden Pracht. Dazu kommt ein gehöriger Schuss Sex-Appeal, wenn sie mit Sonnenbrille, roten Schuhen, lasziven Gang mit erhobenem Kopf durch die schmachtenden Männer schreitet: Wer würde ihr da nicht verfallen wollen...

Ihr gut bürgerlicher, äußerlich eigens sichtbar bieder kostümiert mit Rucksack daherkommender Gegenpart mit garantierter Kinder-Garten-Haus-Idylle, Micaëla, reintönig in Szene gesetzt von Peggy Steiner, macht mit einer flehenden und erwärmenden Stimme im Duo „Erzähl mir von meiner Mutter“ des ersten Akts, Don José fast wehrlos und süchtig, hat trotz herzigem Mutter-Einverständnis aber eigentlich keine Chance. Die Zuhörer waren entzückt von ihrer Stimme und dankten der Aktrice mit dankbarem Sonderapplaus.

Mit Eduardo Aladréns Rolle als gebeutelter Don José mit verschwindender Restsehnsucht nach Bürgerlichkeit und Ehrlichkeit, der sich scheinbar willenlos, mit blinder Leidenschaft in das rosarote Netz der Carmen begibt, leidet auch der Zuhörer. Einerseits spielt er glaubhaft mit natürlicher Anmut und liebenswürdiger Galanterie, als er mit Micaëla den Brief der Mutter liest, und ihr sehr zugetan ist. Auf der anderen Seite zeigt er sich noch misstrauisch und neugierig, aber auch stolz zugleich, als er Carmens Rose aufhebt. Richtig in Fahrt kommt Aladrén, als er mit seinem lyrischen hohen Tenor mit zartem Schmelz im Beisein von Carmen seine Liebesarie anhebt. Und zuletzt löst er ausdrucksstark bei den Zuhörern pure Gänsehaut aus mit seinen letzten verzweifelten Worten, welche die ganze Tragik bündelt: „Ja, ich habe sie getötet, ich – meine angebetete Carmen!“


Gelungene Torero-Arie


Christoph Woos Escamilio als brustgeschwellter Torero, dem nun die Frauen schmachtend zu Füßen liegen, wäre vielleicht der nächste Unglückliche gewesen. Seine Rolle bleibt trotz kleinerer Kampfszene mit Don José von vorne herein doch eher zurückhaltend, dafür aber glänzend. Und so bieten sich Woo kaum weitere Möglichkeiten, bis auf die populäre Torero-Arie, seine eigentlich hohen sängerischen Fähigkeiten zu entfalten.


Überzeugende Stimmen


Ähnliches gilt auch für die anderen Akteure, die in Bezug auf sängerischer Klasse und dramaturgischer Umsetzung der Handlung dem hohen Niveau in kaum etwas nachstehen: so die beiden „Zigeunerfrauen“ Frasquita (Julia Bachmann) und Mercedes (Stephanie Christiano), die Schmuggler Dancaïro (Manos Kia), Remendado (Theodore Browne) sowie die zwei Soldaten Zuniga (Oliver Weidinger) und Moralés (Grzegorz Sobczak). Ein toll agierendes Ensemble mit Soldaten, Zigarettenarbeiterinnen, Verkäufern, stolzen Stierkämpfern und Frauen und Männern runden die Aufführung zu einem sehenswerten Gesamtbild ab. Lang anhaltender Beifall belohnten die Mühe eines rundum gelungenen Abends.



Weitere Carmen-Aufführungen am 13., 23. und 29 Juli sowie am 6. und 13. August um 19 Uhr; am 16. Juli Beginn schon ab 18 Uhr. Tickets unter 04521/ 80010 oder in der OHA-Geschäftsstelle in der Schloßstraße 5-7.





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erstellt am 11.Jul.2016 | 00:38 Uhr

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