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Ostholsteiner Anzeiger

06. Dezember 2016 | 22:59 Uhr

Eutin : Ein Wirtschaftskonzept gegen den Sinnhunger

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung war in Eutin; während eines zweistündigen Vortrages fand er reichlich Zuspruch.

Es war der erste Vortrag zur Wirtschafts- und Finanzpolitik, den die jüngst gegründete Karl-Gustav-Jürgensen-Stiftung organisiert hatte. Und mit dem Österreicher Christian Felber präsentierte der Vorstand den Interessierten in der Kreisbibliothek einen „schillernden“ Referenten, der nicht nur das herkömmliche ökonomische Denken, sondern auch sich selbst auf den Kopf stellte. Es blieb bei einer akrobatischen Einlage, aber Anschaulichkeit ließ der Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung während seines zweistündigen Vortrages inklusive Diskussion und Publikumsaktion auch ansonsten nicht vermissen.

Felber propagiert seit sechs Jahren ein ethisches Wirtschaftsmodell, dessen oberstes Ziel das Wohl von Mensch und Umwelt ist. Keine an sich neue Idee, wie der Mitbegründer von attac Österreich ausführte, sondern als Prinzip verankert im Grundgesetz wie in den Verfassungen fast aller demokratischer Staaten: „Eigentum verpflichtet – sein Gebrauch soll zudem der Allgemeinheit dienen“ zitierte er. Den Status quo schilderte er indes als „ganzheitliche Sinnkrise“: ungerechte Verteilung, Armut, Hunger, aber auch die von vielen Menschen erlebte Demokratiekrise: „Wir haben keinen Brothunger, sondern Sinnhunger“, stellte er fest.

Geld sei vom Mittel zum Zweck verkehrt worden. Entsprechend werde wirtschaftlicher Erfolg als Bruttoinlandsprodukt, Finanzgewinn oder Rendite gemessen. Die Folge: Auch Unternehmen, die die Gesellschaft ärmer machen, können erfolgreich sein. „Absurd!“ so Felber.

In seinem Konzept setzt das Gemeinwohl die Maßstäbe. Danach erarbeiten Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz, in der für die positiven Auswirkungen auf das Gemeinwohl Punkte vergeben werden. Beleuchtet werden unter anderem Lebensqualität, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit. Unternehmer entscheiden weiterhin frei, Steuervorteile und günstige Kredite aber gäbe es für diejenigen, deren Tun allen zugutekommt. Bisher hätten 400 Unternehmen eine solche Bilanz erstellt. Auch in den politischen Gremien steht die Gemeinwohl-Ökonomie mittlerweile auf der Agenda.

Mit der systematischen Besinnung auf Solidarität und Ethik geht für Felber eine Aufwertung der direkten Demokratie einher: Der Souverän, also das Volk, solle über die Grundbausteine der Wirtschaftsordnung entscheiden. Das durften die Anwesenden in einer Abstimmung zum Verhältnis von Mindest- und Maximallohn dann auch gleich „nachspielen“.

In einer Fragerunde kam das „Haus des Gastes“ zur Sprache. Felber meinte dazu: „Natürlich darf der Souverän entscheiden. Aber wenn das mehr kostet, als das Budget vorsieht, muss er auch bestimmen, dass dafür die Kommunalsteuer erhöht wird.“ Die Zwillingsgeschwister Freiheit und Verantwortung müssten zusammengehen.

Nicht nur für eine Zuhörerin, die eigens aus Schleswig gekommen war, bot der Abend reichlich Anregung: „Das hat mich sehr angesprochen. Ich würde gern glauben, dass es richtig funktioniert. Das werde ich nun für mich prüfen“, so ihr Fazit.

Weitere Infos:

www.christian-felber.at

www.mitgruenden.at
www.ecogood.org




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erstellt am 11.Nov.2016 | 18:16 Uhr

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