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Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 04:18 Uhr

Ein Pionier der Psychosomatik

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Dr. Hans-Joachim Frercks etablierte an der Buchenholm-Klinik die Behandlung traumatisierter Patienten – jetzt geht der Chefarzt in Rente

„Als ich angefangen habe, gab es in der ganzen Klinik nicht einen einzigen Psychologen“, erinnert sich Dr. Hans-Joachim Frercks (65). Das war 1992. Gestern hatte der Chefarzt der Malenter Buchenholm-Klinik seinen letzten Arbeitstag, Ende dieses Monats geht er offiziell in den Ruhestand – nach genau 24 Jahren an der Spitze der Einrichtung der Vital-Kliniken, in der sich überwiegend Patienten der Bahn behandeln lassen.

Der in Bad Segeberg geborene Internist, Angiologe und Geriater studierte in Kiel, Tübingen und Lübeck. Vor seiner Tätigkeit in Malente war er Oberarzt an der Lübecker Uni-Klinik und davor Assistenzarzt am Landeskrankenhaus Heiligenhafen. Eine Pionierleistung vollbrachte er sicherlich, indem er an der Malenter Klinik die Behandlung von Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) etablierte. Erstmals bekannt geworden sei dieses Krankheitsbild bei US-Soldaten, die am Vietnam-Krieg teilgenommen hätten, berichtet Frercks. Der Krieg endete 1975.

In Malente wurde Frercks 1997 auf diese Form der psychischen Erkrankung aufmerksam. „Ich hatte einen Patienten, der über Herzschmerzen klagte“, erinnert sich Frercks. Körperlich war bei dem Lokführer aber alles in Ordnung, wie sich bei einer Herzkatheter-Untersuchung zeigte. Dann habe ihm der Mann erzählt, dass er im Anschluss an die Reha zu einem Gerichtsprozess müsse. Dabei sei es um einen Unfall gegangen, bei dem sein Kollege auf der Lok getötet worden sei. „Da war mir klar, was der Mann auf dem Herzen hat“, sagt Frercks.

Dieser Moment sei die Initialzündung für die Behandlung von PTBS-Patienten in der Buchenholm-Klinik gewesen. Zu dem damals einzigen Psychologen der Klinik habe er gesagt: „Wir müssen ein Programm entwickeln für Patienten mit PTBS.“ Heute sei die Buchenholm-Klinik die einzige Reha-Klinik in Deutschland, die auf eine so lange Zeit der Betreuung von PTBS-Patienten aus dem Verkehrsbereich in geschlossenen Gruppen verweisen könne.

Es gebe auch Einzelbehandlungen, doch die Behandlung in Gruppen habe sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. Beispielsweise entwickelten manche Menschen nach einem traumatischen Erlebnis den Wunsch, in Rente zu gehen, ohne jedoch deutliche Krankheitssymptome zu zeigen. „Das fällt in der Gruppe sofort auf“, weiß Frercks. Die Mitpatienten hätten ein Gespür dafür, was bei den jeweils anderen los sei.

Von Beginn an sei die PTBS-Behandlung in der Buchenholm-Klinik immer wissenschaftlich begleitet worden, zuerst von der Universität Jena, dann vom Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf und heute von der Lübecker Universität. In 60 bis 80 Prozent der Fälle könnten die PTBS-Patienten nach einer Reha wieder ihrer Arbeit nachgehen. Für die übrigen bleibe eine Umsetzung innerhalb des Unternehmens oder die Frührente.

Drei bis vier Mal täglich komme es bundesweit vor, dass ein Mensch Suizid begehe, indem er sich vor einen Zug werfe, weiß Frercks. Hinzu kämen Bahnunfälle, die ebenfalls eine PTBS auslösen könnten. Doch auch andere Berufsgruppen könne es treffen. So würden in Malente auch Verkäuferinnen oder Bankangestellte nach Überfällen behandelt, oder Lehrerinnen und Verwaltungsbeamte, die sich gewalttätigen Angriffen gegenübergesehen hätten. Gelegentlich kämen auch Soldaten in die Klinik. Malente kommt für alle in Frage, die in ihrem Beruf etwas Traumatisches erlebt haben. In etwa zehn Prozent solcher Fälle entwickelten die Betroffene eine PTBS.

Die PTBS macht allerdings nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Behandlungen in der 150-Betten-Klinik aus – etwa 100 Patienten pro Jahr. Die meisten der jährlich mehr als 2000 Patienten absolvierten ihre Reha oder Anschlussheilbehandlung wegen orthopädischer oder internistischer Probleme. Das Spektrum der Gründe für einen Aufenthalt in der Malenter Klinik reicht von der Hüft-OP bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Sehr kritische Worte hält Frercks für die Entwicklung des Gesundheitswesens bereit. Hoher Kostendruck und Arbeitsverdichtung hätten ihm zuletzt die Freude an der Arbeit genommen, bedauert der Mediziner. In den letzten fünf Jahren habe er seinen 120 Mitarbeitern mehr abverlangen müssen, als eigentlich machbar gewesen sei.

Die Betriebswirte hätten zu viel Einfluss. Eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen sei unter dem Diktat der Fallpauschalen kaum möglich. So könnten etwa Erkrankungen, die neben der Haupterkrankung eine Rolle spielten, nicht so wie nötig therapiert werden, weil dafür kein Geld vorhanden sei. „Das ist frustrierend, wenn man sagen muss: Darum können wir uns nicht so intensiv kümmern.“ Auch die Zeit für Kommunikation mit Patienten werde nicht mehr berücksichtigt. Als „unethisch und unmedizinisch“ empfindet Frercks das.

Sein Nachfolger hat sich bereits eingearbeitet. Dr. Richard Natmeßnig kommt aus der Malenter Curtius-Klinik, wo er als Oberarzt tätig war. In der Buchenholm-Klinik wird der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie nicht nur Chefarzt der Psychosomatik sein, sondern auch Ärztlicher Direktor. Denn mit Gregor Veddern wird es künftig zwei Chefärzte geben. Der bisherige Oberarzt der Klinik wird für die innere und orthopädische Abteilung zuständig sein. Mit dem Personalwechsel verknüpft sei ein Ausbau der psychosomatischen Abteilung, sagt Frercks. Sie solle ein Schwerpunkt der Klinik werden.

Mit dem Ende seiner Dienstzeit zieht Frercks mit seiner Frau von Malente nach Lauenburg – in das Geburtshaus seiner Frau, das direkt an der Elbe liegt. Sorge vor Langeweile hat der Vater zweier erwachsener Töchter nicht, im Gegenteil: „Ich freue mich, mehr Zeit zu haben.“ Zum einen will er sich stärker um seine beiden Enkelsöhne kümmern, zum anderen hat er schon ein Hobby in Aussicht. Er ist Mitglied des Vereins zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrtmuseums geworden, der den Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ betreibt. Mit dem Schiff will Frercks 2017 auf große Fahrt gehen. Ziel der Reise ist Berlin.

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erstellt am 01.Jun.2016 | 14:01 Uhr

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