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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 14:51 Uhr

Ein echtes Heimspiel für Wincent Weiss und Alexander Knappe

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Bodenständig, nahbar, emotional: Der ehemalige Eutiner Musiker lockte mehr Fans an, als vor der Bühne mit ihm feiern konnten.

„Ahhhh, er ist so süß!“ Mit leuchtenden Augen standen sie an der Absperrung vor der Bühne, das Smartphone im Videomodus, die Texte längst auswendig gelernt. Die Kleinsten waren acht, die älteren gaben sich als Begleiter für die große junge kreischende Menge. Es waren seine Freunde und Fans: Wincent Weiss gab am Sonntagabend als krönenden Abschluss des Landesgeburtstags das bestbesuchteste Konzert des gesamten Sommers in Eutin. Es war ein echtes Heimspiel für ihn. Er genoss es, die Zuschauer liebten es.

Kurz nach Beginn des Konzertes musste der Sicherheitsdienst die Fläche sperren: „Es sind 3500 Menschen auf der Fläche, mehr geht nicht“, versuchten die Mitarbeiter dem großen wartenden Pulk begeisterter Teenies mit Vernunft hinter dem Absperrband zu halten. Geduld war gefragt, als das erste Mädchen Kreislaufprobleme bekam, eine Rettungsgasse gebildet werden musste und die, die kurz vor der Absperrung standen, den Weg für den Krankenwagen freimachen mussten.

Wincent Weiss zeigte in seinen Texten die Bandbreite jugendlicher Gedanken: vom Verliebtsein bis zu „was will ich eigentlich“, von Zerrissenheit und Heimatgefühl, von Aufbruch und Schutzsuche im Altbekannten.

Die jungen Mädchen schmachteten ihn an, die älteren, die ihn teils noch aus Schultagen kennen, freuten sich über einen „bodenständigen Typen ohne Star-Allüren“.

Mit seiner direkten Sprache erreichte er die Jugend und erlaubte gleichzeitig einen kleinen Blick in seine Seele, „Die Zeit kann so ein Arschloch sein“, das habe er gemerkt, als er zwischen Berlin und Eutin während seines Abiturs in der Heimatstadt pendelte und merkte, „für das wirklich wichtige, nämlich meine Freunde, habe ich gar keine Zeit mehr“ – so kündigte er sein Lied „Herzlos“ an, das irgendwo im Zug auf der Strecke Berlin-Eutin entstand.

Mittlerweile habe es ihn ganz nach Berlin verschlagen, doch wann immer er Zeit habe, ein Geburtstag anstehe oder Weihnachten gefeiert wird, komme er nach Hause und zu seiner kleinen Schwester. „Wenn ich ihr beim Hausaufgabenmachen zu sehe, erklärt sie mir erstmal, wie das eigentlich funktioniert. Sie ist zwölf, kann Spanisch, Latein und diese ganzen Sachen, die mir überhaupt nicht liegen. Sie ist einfach unglaublich und dieses Lied hab ich nur für sie geschrieben.“ Plötzlich stand ein schüchtern schauendes Mädchen mit Zopf und rosanem Luftballon als Erkennungszeichen für die Weiss-Familie im Graben vor der Bühne, Wincent lachte, zog seine kleine Schwester hoch, umarmte sie und sang mit ihr auf der Bühne das Lied von seiner Bruderliebe, die auch noch da ist, wenn er ganz weit weg ist. Die Mädels hinter der Absperrung kreischen wieder „er ist so süß, so ein Wahnsinns-Typ“.

Als er am Ende des Songs seine kleine Schwester für eine kleine Ewigkeit umarmt und ihr Dinge ins Ohr flüstert, die nur die beiden wissen, hatte er „Pippi in den Augen“, wie er selbst sagte und seiner Mutter warf er hinterher, als sie kam, ihre Tochter von der Bühne zu holen: „Mensch Mutter, warum machst du so was.“ Spätestens als er sagte: „Gut, dass Jungs noch doof sind und das bleibt hoffentlich auch noch so. Du wirst später allen mal den Kopf verdrehen. Aber ihr da draußen, ihr müsst euch alle erstmal bei mir vorstellen, und ich sage dann, ja oder nein, wenn es soweit ist“, hatte er auch die Eltern-Generation auf seiner Seite.

„Er ist ja einer von uns, das ist so toll“, schwärmte eine Mädchengruppe auf Nachfrage. Das nahbare, das stand ihm gut, das wirkte authentisch – auch als er wie sein Special-Guest Alexander Knappe von der Bühne sprang und sich anfassen ließ. Selten gab es so viele vibrierende Zäpfchen zu sehen und hohe junge Stimmen während eines Konzertes in Eutin zu hören. „Das erinnerte mich an die Beatles“, sagte ein Mitfünfziger.

Immerhin flogen keine BH’s auf die Bühne, sondern ein kleiner Plüsch-Eisbär, vielleicht von einem Fan aus Neumünster – schließlich feierte an diesem Abend nicht nur die Jugend aus Eutin auf dem Platz vor dem Schloss. Und was sagt der Eutiner Jung am Tag danach generationsgerecht auf seiner Facebook-Seite? „Soviele Menschen aus meiner Heimat sind gekommen, um unser Konzert anzuschauen. Nieeeeeeeemals hätte ich das gedacht. Ich danke euch.“

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erstellt am 04.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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