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Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 13:02 Uhr

Die Lust am Lastenrad erfasst Ostholstein

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

In Kopenhagen fahren sie um jede Ecke. Nun finden Transporträder auch in Eutin und Umgebung immer mehr Freunde – ob mit oder ohne Elektroantrieb

Seit er sich ein neues Transportfahrzeug angeschafft hat, zieht Hans-Peter Klausberger die Blicke auf sich: „Guck mal, guck mal, cooles Fahrrad“, bekommt er zu hören, wenn er auf dem Weg von seiner Backstube zur Filiale am Markt an einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn vorbeidüst – beflügelt von einen Elektromotor.

Mit seinem in Eutin gekauften und im niedersächsischen Hoya hergestellten Lastenrad ist der Geschäftsmann in Eutin und Umgebung möglicherweise ein Trendsetter. Ein Transportrad macht das Leben deutlich leichter, findet Jens Rose-Zeuner, Mitglied der Fahrradinitiative Eutin. Um auf die Vorzüge hinzuweisen, hat er für einen Pressetermin eine Handvoll Besitzer von Lastenrädern zusammengetrommelt. Diese Fahrradspezies erleichtere das Alltagsleben ungemein, gibt Zeuner die Erfahrungen der Radler wieder. „Weil man in der Stadt überall leichter hinkommt als mit dem Auto, das Rad immer vor der Tür steht und keinen Sprit verbraucht.“

Seit 2012 fährt Martha Wendel ein holländisches Lastenrad. Auch sie sei in der ersten Zeit beinahe täglich angesprochen worden, erinnert sich die 33-jährige Lehrerin. „Man fühlt sich wie ein Exot.“ Sie nutze das Rad praktisch für alles: Einkauf, Fahrten zum Schrebergarten oder Spazierfahrten mit den Kindern: Ihre Söhne Wieland (2) und Alfred (4) fahren noch heute mit, Tochter Almut (7) hat mittlerweile ein eigenes Rad. Im Vergleich zum 4000 Euro teuren Velo von Hans-Peter Klausberger war ihr Rad mit 1800 Euro fast ein Schnäppchen. Es hat allerdings auch keinen Elektromotor, der besonders am Berg oder beim Anfahren für Zusatzschub sorgen könnte. Den vermisst Martha Wendel manchmal schon. An Steigungen sei daher auch mal Schieben angesagt.

Der passionierte Hobbyfotograf Gunnar Asmus aus Malente nutzt sein Lastenrad aus Kopenhagen vor allem, um seine Fotoausrüstung zu transportieren. Aber nicht nur: „Es wird nicht mehr anders eingekauft“, berichtet der 58-Jährige. Mit dem Rad hat er sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt. „Andere kaufen sich ein Cabrio, ich habe mir ein Lastenrad gekauft.“ Das sei sicherlich Luxus, doch: „Das bringt einfach Spaß.“

Die Transportkapazität ist offenbar beachtlich und kann mit dem Kofferraum eines Kleinwagens locker mithalten. Viereinhalb Getränkekisten habe er mit dem Rad schon transportiert, sagt Asmus. Rose-Zeuner berichtet von diversen sperrigen Gegenständen, die er schon befördert hat: Die Palette reicht vom Kühlschrank über einen Rollstuhl bis zum Fahrradergometer. Sein immerhin 30 Kilogramm schwerer Hovaward-Mischling „Ida“ lässt sich ebenfalls per Lastenrad chauffieren – „viel lieber als im Auto“. Das Rad selbst wiege 25 Kilogramm. Nicht viel für ein Rad, das einschließlich Fahrer 180 Kilogramm tragen darf. Gewerbetreibende könnten das Rad außerdem prima als Werbeträger nutzen, sagt der Fahrradfan. Auf den Transportboxen finde sich viel Platz zum Beschriften.

Eine Alternative zum Lastenrad – einen sogenannten Nachläufer – nutzt seit über 25 Jahren Thomas Lutz. Vorteil: Der einspurige Anhänger lässt sich abkoppeln. Und das Fahrgefühl ist wie bei einem herkömmlichen Rad. Das Fahrverhalten eines Lastenrads ist dagegen erst einmal gewöhnungsbedürftig. Die ersten Meter fallen schwer. Doch nach kurzer Zeit gehe einem das indirekte Lenkgefühl in Fleisch und Blut über, versichert Gunnar Asmus.

In Kopenhagen sind dreirädrige Lastenräder der Normalfall. Dagegen sind Ruth und Christopher Sindt aus Malente-Rachut mit ihrem 2011 angeschafften dreirädrigen Lastesel noch Exoten in der Region. Das aus Kopenhagen stammende Gefährt wird von einem E-Motor unterstützt. „Damit kommt man selbst beladen so gut voran wie mit einem normalen Fahrrad“, sagt Christopher Sindt. Das Rad kostete zwar 4500 Euro, doch den Kauf hat das Ehepaar nie bereut. Allein in den ersten beiden Jahren seien sie über 10  000 Kilometer damit gefahren. Mit Anhänger ist die Transportkapazität geradezu gigantisch. Die Musiker der Gruppe „Knuppene“ waren schon mit Kontrabass, Bariton-Saxophon, mehreren Gitarren und Klarinette und Verstärker auf Tour. Auch mit acht Kindern war Christoph Sindt schon auf seinem Transportrad unterwegs.

Noch haben Lastenräder in Ostholstein Seltenheitswert. Doch Jens Rose-Zeuner sieht erhebliches Potenzial, wie ein Blick nach Kopenhagen zeige. „Dort gibt es allein acht Lastenrad-Schmieden und bis zu 40    000 Lastenräder.“ Umgerechnet auf Eutin entspreche das rund 1200 Transporträdern.

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erstellt am 20.Sep.2016 | 17:26 Uhr

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