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Ostholsteiner Anzeiger

05. Dezember 2016 | 13:35 Uhr

„Die Grenze des Lebens – keiner weiß, wo sie liegt.“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

1963 wird John F. Kennedy zum dritten Mal Vater. Doch sein Sohn Patrick stirbt zwei Tage nach der Geburt. Der Grund: Er wird sechs Wochen zu früh geboren.

Heute ist die Überlebenschance eines mit 34 Wochen geborenen Kindes größer, weiß Dr. Jochen Reese aus der Sana-Klinik. „Unter der 30. Lebenswoche nehmen die Probleme zu“, erklärte der Kinderkardiologe. „Konzentriert treten Komplikationen in der 25. Woche und weniger auf.“ Zum internationalen Frühgeborenentag präsentierten die Mitarbeiter der Neugeborenenstation (Neonatologie) ihre Arbeit in der Sana-Klinik. Bianka Brühning, Leiterin der Station, erklärte: „Wir zeigen den Menschen, wie ein Inkubator aussieht und wie man Sachen an oder in so ein kleines Kind bekommt.“ Im Inkubator – einem hochtechnisierten Bettchen mit durchsichtigen Kunststoffwänden – werden Kinder unter 1650 Gramm aufgepeppelt bis sie der Atemunterstützung und Wärmezufuhr nicht mehr bedürfen. Denn der Inkubator schafft in seinem Inneren ein gemütliches Klima, erklärte Bianka Brühning: „Es ist muckelig warm darin. Der Inkubator sorgt dafür, dass die Haut des Kindes konstante 37 Grad hat.“ Außerdem regelt das Gerät die Luftfeuchtigkeit für das Neugeborene. „Je jünger das Kind, desto mehr Feuchtigkeit braucht die Haut.“ Während das Frühgeborene im wohlig-warmen Inkubator liegt, kann es darin ohne Aufwand nicht nur gewogen und geröntgt, sondern sogar operiert werden. Ist die Atmung der Frühchen bei der Geburt noch nicht voll entwickelt, werden sie auf der Neonatologie mittels Tubus – einem kleinen Schlauch, der in die Luftröhre eingeführt wird – beatmet. Eine kleine Atemmaske dient dagegen als kleine Atemunterstützung, denn: „Manchen Kindern, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, fehlt der Geburtsstress, der für den Atemantrieb sorgt“, so Brühning. „Darum erleichtern wir ihnen so das Atmen.“

Die Stationsleiterin und ihre Kollegin Anne Matthiessen lieben ihren Beruf. „Er erfordert Feingefühl. Jedes Kind hat seine Eigenarten“, so Matthiessen. „Wir lesen viel aus ihrer Mimik.“ Bianka Brühning stimmte zu: „Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern macht Spaß; zu sehen, wie sie nach und nach sicherer im Umgang mit den Kindern werden.“ Denn Magenschlauch und Tubus am eigenen Baby können bei frisch gebackenen Eltern für große Verunsicherung sorgen, weiß Dr. Jochen Reese: „Unsere Aufgabe ist es, diese Angst zu mindern.“ Frühgeburten seien in der Öffentlichkeit kein Thema, bemängelte der Kinderarzt. Dabei kommen in Deutschland 90 von 1000 Neugeborenen als Frühchen – also vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche – zur Welt und bilden so die größte Patientengruppe unter den Kindern.

„Es sterben auch Kinder, aber das ist Gottseidank der seltenere Fall“, sagte Reese. Darum bemühten sich der Kinderarzt und sein Team, so offen wie möglich mit den Eltern zu sprechen und über Risiken zu informieren. Sichere Prognosen, ob es das Kind schafft oder nicht, kann aber auch ein Arzt nicht immer geben. So habe Reese etwa ein Mädchen mit 23 Wochen auf die Welt holen müssen, bei der die Überlebens-Prognose eher schlecht war. „Und sie hat sofort aus voller Kehle geschrien.“ Heute ist sie 16 Jahre alt und gesund, erzählte der Mediziner lächelnd. „Die Grenze des Lebens – keiner weiß, wo sie liegt“, sagte Dr. Jochen Reese.

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erstellt am 18.Nov.2016 | 16:12 Uhr

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