zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

09. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Die Frau aus Zimmer 107

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Kirsten Rosenow war für viele die direkte Verbindung zum Bürgermeister / Heute, nach nunmehr fast 40 Jahren, ist ihr letzter Tag

Eigentlich will sie gar nichts Großes zum Abschied – zumindest nicht in der Zeitung. Kirsten Rosenow (67) ist auch an ihrem letzten Tag als die Frau im Vorzimmer des Bürgermeisters wie sie viele kennen – wenig Aufsehen um sich selbst, viel Einsatz für andere.

„Sie sieht sich nie im Mittelpunkt, sondern ihr geht es bei ihrer Arbeit immer um das Wohl ihrer Stadt“, sagt ihr längster Chef, Altbürgermeister Klaus-Dieter Schulz. Für sie sei es deshalb auch keine Frage gewesen, ihren Dienst im Vorzimmer zu verlängern und Schulz’ Nachfolger Carsten Behnk den Start zu vereinfachen – „das rechne ich ihr hoch an. Das hat mir echt geholfen“, sagt Behnk. „Er hat mich gefragt. Und für mich war klar, das kann funktionieren“, sagt sie. Ihr Arbeitsplatz sei ihr wichtig, die gute und penible Aufgabenerfüllung auch. „Ich glaube, mit meiner peniblen Art bin ich einigen Kollegen auf die Nerven gegangen“, sagt Rosenow und lacht.

Alltag gebe es im Bürgermeistervorzimmer gar nicht. Zu den Standards zählen Mails checken, den Terminkalender des Bürgermeisters überprüfen, dessen Termine vorbereiten – und dazwischen passiert ganz viel Unvorhergesehenes: viele Anfragen von Bürgern, die „mal etwas mit dem Bürgermeister besprechen wollen“ – und Beschwerden; Besucher, die es zu empfangen gilt, Veranstaltungen, die vorbereitet werden wollen. „Auf dem Posten ist man in alles involviert. Das habe ich ja auch so geliebt. Es ist viel Arbeit, aber es macht Spaß.“ Sie sei immer schon gut strukturiert gewesen, das merkt auch ihre Nachfolgerin Claudia Mohns, die bisher das Bürgerbüro geleitet hat und ab Montag im Zimmer 107 die Verantwortung für das Gelingen aller Geschäfte übernimmt. „Vieles davon erleichtert mir den Einstieg enorm“, sagt die 45-Jährige, die sich auf die neue Aufgabe freut. Und Kirsten Rosenow dürfte viel von den Beweggründen Mohns – die Suche nach einer neuen Herausforderung – in ihrer Vergangenheit wiedererkennen. Auch sie suchte damals „im stolzen Alter von 52 Jahren“ wie sie selbst sagt, noch einmal etwas Neues, Spannendes, „etwas mit Menschen und Jubel, Trubel, Heiterkeit“ und wechselte von der Eutin GmbH als Veranstaltungsleiterin in das Zimmer 107.

Erst mit der Vorbereitung auf das Gespräch habe sie gemerkt, wie viel sie eigentlich schon gemacht hat – und dass sich heute vor 40 Jahren der Kreis an ihrer letzten Arbeitsstätte im Rathaus im Zimmer 107 schließt. „Ziemlich genau vor 40 Jahren bin ich in dem Zimmer mit meinem fünfjährigen Sohn gewesen, um mich für eine Stelle im Standesamt zu bewerben“, erzählt Rosenow. Keine Viertelstunde später habe sie von Bürgermeister Knutzen gehört: „Okay, dann können Sie ja am ersten Januar anfangen.“ Rosenow: „Ich war glücklich. Das war für mich als Alleinerziehende ein riesiges Geschenk, eine Stelle im öffentlichen Dienst.“ Nach elf Jahren beim Standesamt wechselte sie 1988 zum Fremdenverkehrsamt, erlebte dort die verschiedensten Betriebsarten und Umstrukturierungen. „Rückblickend war das meine spannendste Zeit. Ich habe viel gelernt in den 13,5 Jahren, von dem ich noch heute profitiere.“ Als Veranstaltungsleiterin war sie mitverantwortlich für den Eutiner Konzertsommer, holte den Wochenmarktjazz in die Stadt, reformierte die Führungen durch Eutin und vieles mehr – „nicht allein, aber mit den Kollegen“, dieser Halbsatz ist ihr wichtig. Sie hat die Fäden gern in der Hand, fühlt sich im Hintergrund aber wohler, ist bescheiden, loyal, vertrauensvoll und ehrlich – Eigenschaften, die Bürgermeister an ihrer Vorzimmerdame schätzten.

Wie war das mit den Klischees in den vergangenen 15 Jahren? „Über die ‚Tippse vom Bürgermeister‘ konnte ich immer am besten lachen. Da hab ich dann hinzugefügt: Und Kaffee koche ich auch noch.“

Und wie ist das mit dem Gedanken an Montag, dem ersten freien Tag? „Das kann ich Montag sagen. Gerade beschäftigt mich viel, ich möchte meiner Nachfolgerin auch gerne so viel wie möglich mitgeben.“ Eines habe sie sich neben den „Standards, die alle nennen“ (Familie, Freunde, Enkelkinder) vorgenommen – „ich muss vielleicht etwas mehr lernen, auf mich zu hören“. Vieles habe gerade dieses Jahr für sie sehr turbulent werden lassen, „da fällt das Besinnen auf sich selbst wirklich schwer“. Aber: „Ich habe das große Glück, im Kopf und körperlich fit zu sein und will unbedingt Sport machen, damit das auch so bleibt. Darauf freue ich mich wirklich.“ Vielleicht stehe auch ein Ortswechsel an – „ich bin offen für vieles“.

Die vergangenen Tage, die nicht weniger turbulent waren, nur weil 40 Jahre im Dienst der Stadt zu Ende gehen, waren auch rührend, sagt sie. „Einige Kollegen haben sich schon verabschiedet und da bleibt eben nicht immer das Auge trocken. Das ist einerseits schön, weil man offensichtlich vermisst wird, andererseits auch schwer.“ Und was ist heute, am letzten Tag geplant? „Da werde ich mich von ganz vielen Freunden und Kollegen verabschieden“, sagt Kirsten Rosenow und denkt auf dem Weg zum Büro über die passende Tischanordnung im Sitzungssaal nach. Es muss perfekt sein – auch am letzten Tag.

zur Startseite

von
erstellt am 28.Okt.2016 | 00:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen