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Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 06:05 Uhr

Der Mann der guten Projekte geht

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Gerhard Kerssen, Geschäftsführer der Arge Kreis Plön, wendet sich nach 21 Jahren in Plön noch einmal ganz neuen Aufgaben in Kiel zu

Er ist der kreative Kopf des Jobcenters im Kreis Plön mit den Geschäftsstellen in Plön, Heikendorf, Lütjenburg und Preetz: Gerhard Kerssen. Der 63-Jährige verlässt Ende Oktober das Jobcenter nach 21 erfolgreichen Jahren und widmet sich neuen Aufgaben in der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit in Kiel. Sein Nachfolger und damit Chef von 120 Mitarbeitern wird Michael Westerfeld, ehemaliger Bereichsleiter der Agentur für Arbeit in Elmshorn. Er soll am 26. September von der Trägerversammlung formal gewählt und bestellt werden.

Gerhard Kerssen war bis zu seinem 24. Lebensjahr Koch im elterlichen Betrieb in Hattingen/Ruhr. In seiner eigenen Arbeitslosigkeit machte er Bekanntschaft mit dem Arbeitsamt, meldete sich auf Vermittlungsvorschläge hin nicht und wurde nach einer Sperre sogar gelöscht. Sein eigener Wille nach Fortbildung führte ihn schließlich an die Fachschule für Lebensmitteltechnik nach Neumünster, die er als staatlich geprüfter Lebensmitteltechniker abschloss.

Unter anderem sammelte Gerhard Kerssen in einer Geflügelschlachterei Kenntnisse in der Produktion von Lebensmitteln, sollte eine Fertiggerichtlinie aufbauen und war später dort ein Jahr Abteilungsleiter in der Zerlegerei. Eine Anzeige in der Zeitung sollte das Leben von Gerhard Kerssen verändern: Das Arbeitsamt suchte für die Arbeitsvermittlung berufserfahrene Meister oder Techniker. „Auf 25 Plätze kamen damals die stattliche Zahl von 750 Bewerbungen“, erinnert sich Kerssen, der am 1. Oktober 1980 seine „Fachanwärterausbildung alt“ begann und danach noch ein Jahr zur Fachausbildung dran hängte, um als Arbeitsvermittler zu arbeiten. Stationen waren Kaltenkirchen (ab 1982), eine Ausbildung zum Arbeitsberater 1987 in Berlin, Bad Segeberg (1988) schon als kommissarischer Geschäftsstellenleiter und am 15. Mai 1995 als Geschäftsstellenleiter des Arbeitsamtes in Plön. Nach einigen Reformen wurde Gerhard Kerssen am 1. Januar 2005 Geschäftsführer der Arge im Kreis Plön.

„Das war eine völlig neue Behörde“, erinnert sich Gerhard Kerssen. Knapp 60 Mitarbeiter hatten rund 4500 Fälle zu bearbeiten. „Die Grundsicherung war ein politisches Konstrukt voller Kompromisse“, so Kerssen. Viele Kritiker hätten schlechte Stimmung gemacht und darauf gewartet, dass das Modell scheitert. So habe es auch gegen fast jeden Bescheid einen Widerspruch gegeben.

„Wir haben unsere Arbeit bis 2007 professionalisiert und Arbeitsmarktpolitik gestaltet“, schmunzelt Kerssen. Heute, nach fast zwölf Jahren, gebe es im Land hochprofessionelle Jobcenter, die nicht nur auf den Arbeitsmarkt reagierten, sondern agierten. Und das mit der Hilfe von bewährten Netzwerken.

„Wir waren in vielen Sonderprogrammen unterwegs“, sagt Gerhard Kerssen bescheiden. Dabei seien viele kreative Ideen aus Plön transportiert worden. Es sei – bundesweit beachtet – in Plön mit digitalen Profilen experimentiert worden, EU-Projekte mit Italien, England und Griechenland umgesetzt oder die Bildungskarte entwickelt worden. Aber auch das Projekt „Land in Sicht“ habe Furore gemacht. Fast ins Auge wäre das Millionen-ABM-Projekt „Schloss Bredeneek“ gegangen.

Gerhard Kerssen ist dafür bekannt, dass er auf Augenhöhe mit seinen „Kunden“ und mit Nähe zur Wirtschaft arbeitet. Daraus entstanden die Turmhügelburg und zum Teil auch das Eiszeitmuseum. Projekte, die heute Früchte für die ganze Region tragen. „Wir haben viele Arbeitnehmerprojekte umgesetzt, die nah an der realen Wirtschaft erfolgten. Etwas Nützliches zu machen steigert das Selbstwertgefühl der Teilnehmer“, sagt Kerssen.

Dazu gehören aber auch kreative Köpfe, die quer und schräg denken, die die Probleme ihrer Gegenüber ernst nehmen und auf Augenhöhe arbeiten. Menschen, wie Gerhard Kerssen, die von den Betroffenen lernen möchten und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Beschwerden über die Arbeit der Arge sieht Gerhard Kerssen als kostenlose Betriebsberatung: „Wir lernen jeden Tag stets Neues hinzu.“ Der 31. Oktober ist der letzte Arbeitstag für Gerhard Kerssen in Plön. Sein Nachfolger muss in große Fußstapfen treten. Ein letztes Mal blickt Gerhard Kerssen aus Plön in die Zukunft: „Das Problem der nächsten Jahre wird die Kinderarmut im Kreis Plön sein.“ Immerhin: 1700 Mädchen und Jungen gehören im Kreis Plön schon zu Empfängern der Grundsicherung.

 

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erstellt am 31.Aug.2016 | 17:22 Uhr

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