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Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2016 | 07:18 Uhr

„Das Warten sorgt für Frust“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Flüchtlingsbetreuer berichten von zu wenigen Sprach- und Integrationskursen / Andrea Dallek vom Flüchtlingsrat gab Tipps für Ehrenamtler

Sie haben eine Unterkunft, Essen und viel Zeit. Das Problem der meisten Flüchtlinge, die nach Schleswig-Holstein kommen, sei die Zeit, erklärte Andrea Dallek vom Flüchtlingsrat des Landes am Montagabend. Sie haben Zeit, weil sie auf einen Sprachkurs oder Integrationskurs warten müssen, weil das Anmeldeverfahren dafür kompliziert und die Angebote geeigneter Kurse zu gering seien – das bestätigte auch Bettina Peschko-Dinzad, eine Flüchtlingsbetreuerin aus Eutin: „Das löst Frust aus bei den Flüchtlingen, sie wollen aber sie können nicht.“ Das sei nur schwer vermittelbar.

Schwer vermittelbar ist auch, dass einige Flüchtlinge teils neun Monate und länger auf Post deutscher Behörden warten und die Einladung zur Anhörung für das Asylverfahren und andere – die später ankamen – früher Termine bekommen. „Die Flüchtlinge wissen ja nichts von den beschleunigten Verfahren, die eingeführt wurden. Auch diese aus ihrer Sicht Ungerechtigkeit führt zu Frust“, so Dallek.

Landesweit sind in diesem Jahr 8625 Flüchtlinge aufgenommen worden. „Das kommt einem erstmal deutlich weniger vor, weil wir alle noch die große Zahl von rund 55000 Flüchtlingen aus 2015 vor Augen haben. Aber schon jetzt sind gut 1000 Flüchtlinge mehr als in 2014 gekommen“, sagte Andrea Dallek. In Ostholstein sind 854 Flüchtlinge bis Ende September angekommen, 88 wurden laut Kreissprecherin Eutin in 2016 zugeteilt.

Die Arbeit mit und für die insgesamt derzeit 251 Flüchtlinge in Eutin (2015 u. 2016) sei nicht weniger, sondern eher mehr geworden. Deshalb sucht die Stadt Eutin derzeit einen weiteren Betreuer. Peschko-Dinzad: „Wir brauchen dringend noch einen Mitarbeiter in der Beratungsstelle. Am liebsten eine Vollzeitkraft, um alles zu schaffen.“ Außer mittwochs ist das Büro im einstigen Katasteramt vormittags von 8.30 bis 12.30 Uhr besetzt, donnerstags auch von 14 bis 16.30 Uhr sowie nach Vereinbarung. Neben den Flüchtlingen kümmern sich die Mitarbeiter auch um Ehrenamtler. Mit Kursangeboten (siehe Infokasten) und in Supervisionen soll Handwerkszeug für einen gesunden Umgang mit dem eigenen Engagement gegeben werden.


Tipps für Ehrenamtler


„Wie machen wir weiter?“ Für viele Initiativen, die sich einst zum Willkommenheißen der Flüchtlinge in den Kommunen gegründet haben, seien das jetzt die drängendsten Fragen, erklärte Andrea Dallek vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein bei ihrem Vortrag zum Thema Asylverfahren und Grenzen des Ehrenamtes am Montagabend. „Wohnungssuche und Unterbringung war gestern, jetzt geht es darum, das die Menschen ankommen wollen und sie dabei zu unterstützen“, so Dallek.

Dass Ehrenamtler dabei insbesondere auch auf sich selbst achten müssen, betonte Dallek mehrfach. „Nicht selten kommt es zu Burn-Out-ähnlichen Zuständen, weil sich Engagierte nicht trauen, ‚Nein‘ zu sagen .“ Ehrenamtler können Angebote machen, diese aber nicht als verpflichtend für die Flüchtlinge ansehen und nicht enttäuscht sein, wenn diese nicht angenommen werden. „Die Freiwilligkeit muss auf beiden Seiten gewahrt bleiben.“ Dallek rät: „Gerade bei der sich ständig ändernden Rechtslage sollten Ehrenamtler unbedingt an die Migrationsberatungsstellen verweisen, von denen es jetzt deutlich mehr gibt als noch vor einem Jahr. Ehrenamtler können nicht alles wissen und müssen das auch nicht. Sie sind nicht dazu da, staatliche Aufgaben zu übernehmen.“ Zu groß sei die Gefahr bei einer Falschinformation, dass ein Asylverfahren deshalb negativ beschieden werde. Dalleks Tipp: „Es hilft menschlich zu sein. Auch eingestehen, wenn Sie keine Antwort wissen, aber Sie können weiterhelfen und zu den Zuständigen vermitteln.“ Für die Flüchtlinge sei es wichtig, auch einfach mal ein Ohr zu finden, Menschen, die sich für sie interessieren.

Hans-Peter Klausberger hatte die Referentin eingeladen: „Ängste beeinflussen uns in unserer Wahrnehmungsempfindung. Dabei sind beeindruckende Erlebnisse mit den Gästen aus anderen Ländern möglich, wenn wir uns nur darauf einlassen“, schilderte Klausberger. Er selbst bildet zwei junge Afghanen aus und öffnet hin und wieder seine Backstube für interessierte Neuankömmlinge.


Zu wenige Therapeuten


Der Schwebezustand, in dem sich die Flüchtlinge befinden, wenn sie noch nicht wissen, ob sie ein Bleiberecht bekommen, sei besonders schwierig für Menschen mit posttraumatischer Belatungsstörung (PTBS). „Therapeutisch gesehen, kann man traumatische Erlebnisse nur dann langfristig lernen in das Leben zu integrieren, wenn die Menschen Boden unter den Füßen haben. Doch den Flüchtlingen fehlt hier die Perspektive“, sagt Peter Kirst, der sich ehrenamtlich in Eutin engagiert und hauptberuflich als Traumatherapeut in einer Praxis in Ratzeburg arbeitet. Bisher, so Kirst, können er und seine Kollegen nur „psychoedukatorisch“ arbeiten, „also aufklären über das, was im Gehirn passiert, damit sie sich verstehen“, das helfe zumindest zu verstehen. Er erwarte erst noch „die große Welle“ an Betroffenen, da es braucht, bis eine PTBS zum Vorschein komme. Nicht jeder, der traumatische Erlebnisse hatte, habe eine PTBS. Das Netz an Fachkräften für die Behandlung sei im Flächenland Schleswig-Holstein bisher zu dürftig.



Fragen an den Flüchtlingsrat an www.frsh.de, rund um Flüchtlingshilfe Eutin unter www.eutin.de -->Service

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erstellt am 26.Okt.2016 | 00:32 Uhr

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