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Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 08:00 Uhr

Christoph Ecker spaltet seine Zuhörerschaft

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Das hat Autor Christoph Ecker noch nicht allzu oft bei seinen Lesungen erlebt. Nachdem der Friedrich-Hebbel-Preisträger gestern Abend aus seinem neuesten Roman vorgelesen hatte, brannte Zuhörerin Angelika Bickert nur eine Frage unter den Nägeln: „Warum ist der Text so gruselig, so ekelig? Haben Sie selbst viel Grausames erlebt?“ Denn die Eutinerin hatte sich beim Lesen des Buchtitels „Der Bahnhof von Plön“ beschauliche Geschichten zu der Stadt erhofft, in der sie viele Jahre ihres Lebens verbracht hat. „Ich habe wirklich versucht zu folgen, aber so etwas habe ich noch nie gehört, das war ein Horrortrip.“ Doch Angelika Bickerts Hoffung auf eine besinnliche Lesung im Schloss sollte sich nicht erfüllen.

Zugegeben, die von bildhaften Details strotzende Geschichte um Hauptfigur Phineas ist nichts für sanfte Gemüter. Auf den ersten 80 Seiten des Buches scheint dieser nichts anderes zu tun, als Leichenberge in einem leer stehenden Hotel von einem Zimmer ins Nächste zu verschieben. Autor Christoph Ecker geizt dabei nicht mit Beschreibungen wie „Wolken aus Schmeißfliegen hüllten mich ein“ oder „Der Leichenhaufen hatte sich in einen teigigen Morast verwandelt“. Mit sprachlichen Bildern von Maden am Mundwinkel und pelzigem Fäulnisgeschmack auf der Zunge beschreibt Ecker die fiktionale Situation in dem „mit Leichen vollgestopften Hotelzimmer“ unverblümt. „Es gibt Dinge, die schwer beschönigt werden können“, reagierte der Lehrer für Philosophie und Deutsch auf den bestürzten Kommentar Angelika Bickerts. „Sie brauchen sich nur die Nachrichten angucken oder die Bilder in den Pressezentren, die dem Zuschauer vorenthalten werden“, erklärte Ecker, „und die Wirklichkeit ist unfassbar viel schlimmer“. Ob Eckernförder Bucht, Dänischer Wohld, die Feste Krusendorf oder Plön – Der Roman „Der Bahnhof von Plön“ greift detailgetreu Landschaften und Orte der Region, aber auch New York und die Normandie, auf. „Die Schauplätze sind immer authentisch und genau recherchiert“, erklärte Ecker, „ich nutze die Ferien zum Reisen“.

Doch unter den 14 Gästen des Abends überwog das Lob für den Autor und sein Werk: „Ich fand es überhaupt nicht anstrengend, ich bin regelrecht in der Sprache versunken“, äußerte sich eine Zuhörerin. Nach einem kurzen Schockmoment fand auch Angelika Bethke immer mehr Gefallen an den vorgetragenen Texten: „Es hat mir gefallen, wie Herr Ecker mit dem Reichtum unserer Sprache umgegangen ist. Während der Lesung bin ich im Geiste in Bildern von Hieronymus Bosch und Goya spazieren gegangen.“ Lob für das Werk des gebürtigen Sulzbachers gab es auch von der Schloss-Geschäftsführerin Brigitta Herrmann: „Wir haben im Team Ihre Texte gelesen und Ihre Sprache sofort geliebt, mit den Inhalten allerdings auch gerungen“ wandte sich Herrmann an Christoph Ecker. Alle Schloss-Mitarbeiter hätten die Autoren-Lesung sehnsüchtig erwartet. „Und unsere Erwartungen sind übertroffen worden.“ Denn, so fasste die Geschäftsführerin zusammen, der Leser werde „so hineingezogen, die Sprache entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.“

Angelika Bickert konnte am Ende des Abends wieder lächeln: „Ich kenne eben nur schöne Sachen, das hier war eine ganz andere Welt.“ Trotzdem sei sie froh, zur Lesung von Christoph Ecker ins Schloss gekommen zu sein. „Aber ich bin nun mal eher Hesse-Fan“, sagte Angelika Bickert abschließend.

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erstellt am 26.Okt.2016 | 13:59 Uhr

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