zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

29. September 2016 | 20:41 Uhr

Eutiner Amtsgericht : Cannabis als Schmerzmedizin – Rollstuhlfahrer vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Konrad M. ist kein typischer Straftäter. Der Rollstuhlfahrer baute Cannabis für den Eigenbedarf an, um seine Schmerzen zu ertragen. Vor das Eutiner Gericht musste er dennoch.

Eutin | Es war nicht der typische Drogenkonsument, der sich am Mittwoch vor dem Eutiner Amtsgericht wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten musste: Konrad M.* (34) sitzt seit seinem Badeunfall vor 15 Jahren im Rollstuhl. Er brach sich damals einen Halswirbel beim Sprung ins Wasser. Seitdem quälen ihn regelmäßige Spastiken und Missempfindungen. „Ich habe dafür Medikamente bekommen, doch die Schmerzen wurden mit der Zeit schlimmer. Die ursprünglichen Medikamente halfen nicht mehr“, erzählt er. Ärzte verschrieben ihm andere Mittel, deren Nebenwirkungen aber für ihn nicht hinnehmbar waren. Erst ein Schmerztherapeut aus Middelburg konnte ihm mit seiner Empfehlung, es einmal mit einem THC-haltigen Medikament zu probieren, wirklich weiterhelfen.

Das Problem: „Die Kosten für diese Medikamente übernimmt die Krankenkasse nicht und ich kann sie mir nicht leisten“, sagt Konrad M. vor Gericht. Er beziehe Grundsicherung und eine Erwerbsminderungsrente, doch damit seien keine Mittel mit synthetisch hergestelltem Cannabinoid von 430 Euro im Monat zu finanzieren.

Konrad M. entschloss sich deshalb für den Eigenanbau von Cannabis im kleinen Gartenhaus – nur während der Sommermonate, um die Sonnenenergie zu nutzen. Per Zufall hatten Polizisten die Pflanzen entdeckt, als sie ihn am 24. August 2013 vor seiner Haustür angehalten und kontrolliert hatten. Die übliche Maschinerie kam in Gang: Der Fall ging zur Staatsanwaltschaft, das Landeskriminalamt untersuchte die Pflanzen und kam auf 15 Gramm THC-Gehalt. Laut Gesetz ist das „eine nicht geringe Menge“, die mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr zu ahnden ist – die Grenze nach oben reicht bis zu 15 Jahren. Der Richter nahm – ebenso wie der Staatsanwalt – jedoch einen minderschweren Fall an und verwarnte Konrad M., behielt sich aber die Verhängung einer Geldstrafe (900 Euro) vor, sollte Konrad M. binnen seiner einjährigen Bewährungszeit straffällig werden.

Alle Beteiligten hatten sich im Vorfeld bemüht, die Hauptverhandlung zu verhindern, wie Konrad M.’s Verteidiger Thomas Hoppmann sagte. „Doch der Gesetzgeber lässt uns keine andere Wahl. Dieser Verstoß wird als Verbrechen und nicht als Vergehen eingestuft, somit konnten wir das Verfahren nicht einfach einstellen“, begründete der Staatsanwalt. Eine Verwarnung, so der Richter, sei da das denkbar mildeste Ende des Verfahrens, denn er habe nachvollziehbare Motive gehabt.

Jetzt versucht Konrad M. von der Bundesopiumstelle eine Genehmigung für den Eigenanbau zu bekommen. Einen Ausweis der zum Besitz und der Einnahme von synthetisch hergestellten Cannabinoid berechtigt, hat er bereits vom Arzt bekommen. Doch neben der abgeschwächten Wirkung des synthetisch hergestellten Mittels ist der Preis das Problem. Hoppmann: „Vor uns liegt noch ein langer Weg.“ Er rechnet mit mindestes zwei Jahren, bis eine Entscheidung auf dem Tisch liegt.

Bis dahin muss Konrad M. seine Schmerzen ertragen. Drei Urteile des Kölner Verwaltungsgerichts aus dem Sommer, wonach Betroffene Anspruch auf den eigenen Anbau haben, wenn es ihnen aus medizinischen Gründen verordnet wurde und sie keine anderen finanziellen Möglichkeiten haben, sind noch nicht rechtskräftig. Hoppmann: „Es ist offensichtlich politisch nicht gewollt, sonst hätte man schon längst etwas geändert.“


* Name geändert

zur Startseite

von
erstellt am 28.Jan.2015 | 10:34 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen