zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 06:07 Uhr

Eutin : „Bücher dauern so lange zum Lesen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Leseförderung mal anders: In der Kreisbibliothek lernten zwei Eutiner Schulklassen, wie aus Bildern Geschichten entstehen.

Ein Mann, ein Teich, ein Elefant und ein abstürzendes Flugzeug: Aus diesen Bestandteilen sollten die 20 Kinder der Johann-Heinrich-Voß-Schule gestern eine Geschichte zu Papier bringen – und nicht etwa in Worten, sondern in Bildern. Angeleitet durch den Schönbeker Künstler Jan-Olav Hinz erlernten die Fünftklässler in der Kreisbibliothek nämlich die Grundlagen des Comic-Zeichnens.

„Ein Comic-Workshop ist eine besondere Form der Leseförderung“, erklärte Ute Griep vom Förderkreis Kreisbibliothek. „Wir möchten die Kinder über das Bild zur Sprache und zur Schrift bringen.“ Gefördert durch die Karl-Gustav-Jürgensen-Stiftung organisierte der Förderkreis die zwei Comic-Kurse für je eine Klasse der Gustav-Peters-Schule und der Johann-Heinrich-Voß-Schule. „Kinder sind Bilder gewohnt, darum holen wir die Schüler mit dem Workshop auf ihrem Level ab.“ Ute Griep habe sich mit der Aktion bewusst an die Schulen gewandt, denn: „Wenn wir den Kurs offen angeboten hätten, wären auch nur die Kinder gekommen, die das Lesen ohnehin zuhause mitbekommen.“ Beate Siewecke, Leiterin der Kreisbibliothek, unterstützt das Leseförderungsprogramm: „Ich mag Comics, sie sind eine spezielle Kunstform. Und bei Kindern sind sie beliebt.“

Isabel Wiese zum Beispiel ist großer Comic-Fan. „Die sind ganz toll. Früher habe ich ganz oft Filly-Comics gelesen, jetzt sind es Winx-Comics“, sagte Isabel. Das Besondere an den bunten Bildern ist für die Zehnjährige: „Die sind cool und darin kämpfen die Guten gegen die Bösen mit besonderen Kräften.“ Für Lesegeschichten kann sich Isabel weniger begeistern: „Bücher dauern immer so lange zum Lesen.“ Trotzdem hat die Schülerin selbst noch nie Comics gezeichnet – und das, obwohl sie sichtlich Spaß daran hat, Harry Potter, seine Eule Hedwig und den Widersacher Snape in die Geschichte um Teich, Elefant und Flugzeug einzubinden. „Vorher habe ich nur mal ein Einhorn für Mama gemalt“, berichtete Isabel. Ihre Mitschülerin Leia Schmidt dagegen malt in ihrer Freizeit häufiger Geschichten. Trotzdem kann sich die Zehnjährige eher für Worte als Bilder erwärmen: „Ich finde Comics manchmal schwierig zu verstehen“, gab Leia zu.

Darum konnten sich die Kinder gestern ihre eigene Geschichte ausdenken und zeichnerisch festhalten. Tipps erhielten sie dabei von Jan-Olav Hinz. „Die Kinder haben von mir vorher die Stichworte Mann, Teich, Elefant und abstürzendes Flugzeug bekommen – also Dinge, die scheinbar nicht zusammenpassen – und füllen diese mit Bedeutung“, erklärte der Künstler. Zwar habe er selbst noch nie Comics gezeichnet, räumt der 59-Jährige ein, aber: „Comics haben den Vorteil, dass man an ihnen alle gestalterischen Themen des Geschichtenerzählens und alle wesentlichen Fragen der Bildgestaltung klären kann.“ Dazu zählt: Was ist der Kern der Geschichte? Wie stelle ich Beziehungen und Stimmungen zwischen Personen dar? Welchen Effekt haben unterschiedliche Perspektiven? „Comics bieten dafür einen einfachen Zugang“, findet Hinz. Das erklärte Ziel des Bildhauers, der seit zwei Jahren Kurse für Kinder anbietet, sei: „Vertrauen in das eigene Zeichnen zu haben und nicht auf die kritische Stimme im Kopf zu hören, die sagt, dass man bestimmte Maßstäbe nicht erfüllt.“ Es sei nicht wichtig, von vornherein perfekt zu sein, stellte Hinz fest. „Jeder kann zeichnen. Wichtig ist es, Bilder und Geschichten organisieren zu können“, so der Künstler.

Im Unterricht behandeln die Mädchen und Jungen in diesem Schuljahr den Farbkreis, Zeichenmittel abseitsvon Wasserfarben und einige Künstler, berichtete Kunstlehrerin Petra König. Comics sehe der Lehrplan erst ab der Mittelstufe vor. Trotzdem: „Es ist ein Genre, das Kinder in dem Alter anspricht. Sie sind griffig, mit ihnen kann man die eigene Lebenswelt verbildlichen“, betonte König. Für die Schüler der Voß-Schule erfüllte der Comic-Workshop neben der künstlerischen Fortbildung weitere Funktionen, erklärte Petra König: „Die meisten Schüler sind erst seit diesem Schuljahr gemeinsam in einer Klasse, in diesem entspannten Rahmen können sie sich besser kennen lernen“, hoffte die Lehrerin. „Und einige kommen aus den umliegenden Dörfern, so lernen sie heute gleich die Kreisbibliothek kennen.“

Nach 90 Minuten Comic-Workshop hatte Isabels Geschichte schließlich ein glückliches Ende: Mit einem Zauberspruch rettet der Zauberer Dumbledore (ebenfalls aus der Romanreihe „Harry Potter“) das vom Absturz bedrohte Flugzeug und Bösewicht Snape wurde bestraft. So siegte das Gute wieder über das Böse.

zur Startseite

von
erstellt am 22.Nov.2016 | 04:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen