zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 19:21 Uhr

Bosau lässt die Hürden fallen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Von wegen barrierefrei: Beim Info-Abend der Lebenshilfe Ostholstein muss die Gemeinde Bosau einige rote Karten einstecken, erhält aber auch Lob

Gerade erst wurde das Haus des Kurgastes als barrierefrei zertifiziert, immerhin hat das Gebäude einen barrierefreien Zugang zur behindertengerechten Toilette. Und nun das: Vor der Eingangstür kommt ein Rollstuhlfahrer an einer fünf Zentimeter hohen Stufe zum Stehen. Allerdings saß Thomas Hökendorf als Besucher des Informationsabends „Inklusion“ der Lebenshilfe Ostholstein lediglich zu Testzwecken im Rollstuhl. Denn die Veranstaltung diente dazu, Barrieren abzubauen – „nicht nur bauliche, sondern auch zwischenmenschliche Barrieren“, erklärte Lena Middendorf. Dazu hatte die Mitarbeiterin der Lebenshilfe Ostholstein für die 14 Besucher Material mitgebracht: Rollstühle, Rollatoren, einen Alters-Simulations-Anzug sowie Brillen, die Sehbeeinträchtigungen, und Kopfhörer, die akustische Wahrnehmungsstörungen imitierten. „Barrierefreiheit ist für zehn Prozent der Bevölkerung notwendig“, erklärte Lena Middendorf, „für 100 Prozent ist sie komfortabel.“ Denn von abgesenkten Bordsteinkanten, leichter Sprache oder kontrastreicher Schrift profitierten alle – Menschen mit Geh-, Sicht- oder Hörbeeinträchtigung, Fahrradfahrer, Schwangere, ältere ebenso wie übergewichtige Menschen und Kinder.

Gemeinsam mit den Anwesenden erarbeitete Middendorf ein Ampelsystem für die Gemeinde Bosau in den Kategorien Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, Freizeit und Kultur sowie Wohnen und Versorgung. Die grüne Karte für besonders gelungene Barrierefreiheit erhielten, da waren sich alle einig, die Turnhallen in Bosau. Aber auch das Sportangebot 70 Plus des Bosauer SV und das Seniorendorf Uhlenbusch fanden lobende Erwähnung in der Runde.

Bei der Vergabe roter Karten meldete sich als Erstes Bürgermeister Mario Schmidt zu Wort: „Sind wir mal selbstkritisch: das Verwaltungsgebäude.“ Aber auch Kitas, Schulen und Dorfgemeinschaftshäuser der Gemeinde wurden einmütig als nicht ausreichend barrierefrei bewertet. Die gelbe Karte teilten die Anwesenden unter anderem dem Haus des Kurgastes in Bosau zu – einem öffentlichen Gebäude mit ausgewiesenen Sanitäranlagen für Menschen mit Behinderung. Den Grund dafür benannte Horst Lindemann: „Der Hinweis zur Toilette ist da, aber er führt zur Eingangstür mit der Schwelle, statt zu dem stufenlosen Eingang.“ Und auch im Inneren des Gebäudes sei die Fortbewegung für Rollstuhlfahrer schwierig, sagte Lindemann, dessen Ehefrau im Rollstuhl sitzt: „Es fehlen Tastschalter für die Türen. Die Kraft reicht nicht immer, um sie aus dem Rollstuhl zu öffnen.“

Bei Thomas Hökendorf zeigte der Selbstversuch im Rollstuhl Wirkung: „Ich bin jeden Tag hier, und diese kleine Stufe ist mir mein Lebtag nicht aufgefallen“, gibt der Gemeindemitarbeiter zu. Auch Bürgermeister Schmidt zeigte sich so überrascht wie handlungswillig: „Wir werden die Pflasterung an dieser Stelle hochziehen.“ Mit Blick auf eine weitestgehend barrierefreie Zukunft der Gemeinde Bosau sei der erste Schritt gestern getan worden, sagte Schmidt: „Wir werden uns die Auswertung des Abends nochmal anschauen und beraten, ob wir eine Expertengruppe zum Thema bilden.“ Nichtsdestotrotz bliebe es ein offener Prozess, bei dem sich die Bürger beteiligen werden können, versprach Mario Schmidt.

zur Startseite

von
erstellt am 21.Sep.2016 | 11:57 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen