zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2016 | 07:09 Uhr

Eutin : „...aus Respekt vor dem Leben“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Sana-Kliniken hatten offensichtlich die Brisanz und Wirkung von „schlechten Meldungen“ in Sachen Geburtshilfe unterschätzt.

Das ging daneben: Der Geschäftsleitung der Sana-Kliniken gelang es nicht, in einer guten Botschaft eine schlechte zu „verstecken“. Vor vier Wochen hatte sie in einer Pressemitteilung die positive Entwicklung der Geburtshilfe verkündet, der bundesweite „Babyboom“ habe sich auch in Eutin bemerkbar gemacht. Mit der Meldung über gestiegene Geburtenzahlen wurde die Nachricht verknüpft, dass die Klinik in Eutin das Perinatale Level II aufgegeben habe. Die Folge: Schwangere, bei denen eine Frühgeburt vor der 32. Woche oder ein Kind mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 Gramm absehbar ist, werden in Eutin nicht mehr versorgt.

Öffentliche Reaktionen kamen spät, aber wuchtig: Kreistagsabgeordnete reagierten „mit Entsetzen und Empörung“, der Vorsitzende des Hauptausschusses, Timo Gaarz (CDU), zitierte die Geschäftsführung zur Stellungnahme. Die Sitzung des Kreistagsgremiums am Dienstag endete (wie gestern berichtet) versöhnlich: Die Entschuldigung des Geschäftsführers Klaus Abel für seine Informationspolitik wurde angenommen.

Den Abgeordneten war besonders aufgestoßen, dass sie im September einen Bericht über die positive Entwicklung der Sana-Kliniken bekommen hatten und wenige Tage später aus der Zeitung von der Reduzierung des Perinatalen Levels erfuhren. Gaarz unterstrich: „Wir sind keine Gurkentruppe, sondern der Ausschuss, der für die Steuerung der privatwirtschaftlichen Unternehmen des Kreises zuständig ist.“

Das zuständige Sozialministerium war ebenfalls „...von der Ankündigung des Zentrums und der – aus unserer Sicht sehr plötzlichen – Umsetzung überrascht worden. Nach den Diskussionen über die Schließung der Geburtshilfe in Oldenburg wäre eine rechtzeitige und offene Kommunikation sowohl gegenüber der Öffentlichkeit wie auch gegenüber dem Kreis und Land mehr als wünschenswert.“ Das schrieb Staatssekretärin Annette Langner dem ostholsteinischen Landrat Reinhard Sager.

Langner erwähnt, was Klaus Abel unterschätzt hatte: Nach leidenschaftlich geführten Diskussionen über die Schließung des Kreißsaals in Oldenburg lag es nahe, dass jede neue „schlechte Nachricht“ in Sachen Geburtshilfe heftige öffentliche Reaktionen auslösen würde.

Ein Beispiel: „Die Nichtversorgung von Frühchen und werdenden Müttern im Kreisgebiet kann für die Kinder und ihre Familien eine Katastrophe darstellen.“ So reagierte Martin Liegmann, Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), Kreisverband Ostholstein. Er schrieb weiter: Für Familien „mit verschiedenen Problemlagen“ und ohne Auto sei es schlicht unmöglich, die Versorgung von Geschwisterkindern sicherzustellen, den lebensnotwendigen Kontakt zum Frühchen zu halten und die eventuell notwendige medizinische Versorgung der Mutter zu gewährleisten.

Liegmanns Reaktion legt nahe, wie bei vielen Menschen die Botschaft angekommen war: Sie fürchten eine signifikante Reduzierung bei der Betreuung von Frühgeburten in Eutin. Und viele haben auch vermutet, dass es finanzielle Gründe gibt.

Beides ist, wie Klaus Abel vor dem Ausschuss und in einem Gespräch mit dem Ostholsteiner Anzeiger betonte, nicht der Fall. Der Entschluss sei allein aus Qualitätsgründen erfolgt – „und aus Respekt vor dem menschlichen Leben.“

Die Geschäftsleitung sei selbst etwas überrascht worden von der Aussage der Ärzte, dass sie die Versorgung von Kindern gemäß des Levels II nicht mehr übernehmen wollten. Die Begründung sei aber nachvollziehbar: In der Sana-Klinik gebe es mehr als 1000 Geburten im Jahr, die Zahl an Frühgeburten vor der 32. Woche habe zwischen fünf und zehn gelegen. Die Versorgung dieser „Frühchen“ bedeute eine sehr hohe Verantwortung, und sie erfordere von den Ärzten große Erfahrung und Routine. Beides könnten sie in einer Station mit so wenigen extremen Frühgeburten nicht erwerben. Abel weiter: Kein Krankenhausplan und auch keine Geschäftsführung könne einen Arzt dazu zwingen, Patienten zu behandeln, deren Versorgung er sich nicht zutraue.

Gestützt wird diese Haltung durch die Fachaufsicht in Kiel. Staatssekretärin Langer hatte in ihrem Brief angemerkt, dass die Zahl der vom Level II betroffenen Frühchen in Eutin „besonders niedrig“ und die kleinste in den bislang existierenden Level-II-Stationen sei. Zur Einhaltung dieses Levels könne das Land die Sana-Klinik nicht zwingen. Für das Ministerium sei es auch wichtig, dass es in Eutin sowohl eine Geburtshilfe als auch eine gut ausgestattete Pädiatrie gebe, und beides werde auch mit dem Level III erfüllt.

Das bedeutet, wie Abel betonte, dass die Schwangeren mit etwa 80 Frühgeburten, die jährlich in Eutin vorkommen, auch weiter dort betreut werden. Dabei handelt es sich um Entbindungen zwischen 32. und 37. Woche.

Neben Silke Seemann, Leiterin des Referats Krankenhauswesen im Sozialministerium („Bei der Behandlung von ,Frühchen‘ kommt es auf ganz viel Erfahrung an, deshalb können wir diese Entscheidung nachvollziehen“), hatte auch Landrat Reinhard Sager Verständnis für die Entscheidung der Sana-Geschäftsführung gezeigt. Wichtig sei , dass die Zukunft der Geburtsstation in Eutin gesichert werde. Die habe einen hervorragenden Ruf in ganz Schleswig-Holstein, ihr Einzugsgebiet reiche bis zum Kieler Rand, und das müsse so bleiben: „Wir brauchen weiter eine gute Pädiatrie und Geburtsstation.“

zur Startseite

von
erstellt am 03.Nov.2016 | 17:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen