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Nordfriesland Tageblatt

08. Dezember 2016 | 21:19 Uhr

Lesung : Zug-WC als „Kammer des Schreckens“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Bestseller-Autor Mark Spörrle las in Leck aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für die Deutsche Bahn“, das erst kommende Woche erscheint.

„Für mich ist das heute hier in Leck ein ganz besonderer Abend, es ist die erste Lesung aus meinem neuen Buch“, sagt Mark Spörrle. Deutlich mehr als 100 Literaturfreunde kommen am Donnerstagabend zu „CPI books“, um Kostproben aus dem neuen Werk des Erfolgsautoren und Zeit-Redakteurs zu hören. Spörrle, der vor allem durch seine satirische Persiflage „Senk ju vor träwelling“ – seinem Bestseller über die wahnwitzigen Seiten des Bahnfahrens – bekannt wurde, kommt mit dem Zug von Hamburg nach Niebüll. Und das ohne größere Probleme und Verspätungen – die Ausnahme mit Blick auf seine aktuelle, kritische Auseinandersetzung mit dem Unternehmen Zukunft. „Gebrauchsanweisung für die Deutsche Bahn“ lautet der Titel seines neuen, in Leck gedruckten Buches, das erst Anfang der Woche in die Läden kommt, aber schon Donnerstagabend während der Lesung zu bekommen war.

„Senk ju vor träwelling“ sei als pure Satire zu verstehen gewesen. „Dieses Buch ist eine echte Gebrauchsanweisung, es könnte an jeden Zug geklemmt werden“, sagt Spörrle. Das Erstaunliche dabei ist, dass auch das neue Werk reichlich, für den Bahnkunden zumeist tragische Situationskomik bietet, geradezu eine Aneinanderreihung von Erlebnissen ist, die den Leser zum fassungslosen Kopfschütteln treiben, zum Schmunzeln, obwohl die Begebenheiten eigentlich zu unschön sind, um zu lachen. Zum Beispiel die in der – laut Spörrle – „Kammer des Schreckens“, dem Zug-WC. Noch schlimmer, als die zu einem übermäßigen Gebrauch von Desinfektionsmitteln verleitende Benutzung dieser Pissoirs ist, wenn diese kaputt sind, am besten gleich alle, und der sich dadurch verschärfende Harndrang zu heftigen Schmerzen und zu manchem Malheur führt. Zumindest, so Spörrle, sind durch solche Erlebnisse gequälte Bahnkunden in einigen Fällen mit geringen Schmerzensgeldern entschädigt worden.

Die wären an sich auch fällig, wenn es wie so oft mit der Pünktlichkeit hapert – einer der Punkte, die neben Fahrkartenautomaten, Klimaanlagen und Klos ebenfalls oft nicht funktioniert. „Dabei bedeutet im Kosmos der Bahn Pünktlichkeit schon etwas ganz anderes als in der übrigen Welt“, sagt Spörrle. Jeder Zug ist demnach „pünktlich“, wenn er mit einer Verspätung von maximal fünf Minuten und 59 Sekunden ankommt. „Das ist natürlich misslich, wenn bei fast sechs Minuten Verspätung der Anschlusszug in acht Minuten fährt, vom anderen Ende des Bahnhofs, und man einen schweren Koffer zu schleppen hat. Dramatisch wird es, wenn der Anschlusszug im allgemein gültigen Sinn pünktlich und der letzte an diesem Abend ist. Noch dramatischer wird es, wenn – wie an so vielen Abenden nach Tagen mit unzuverlässigem Zugverkehr – zu Hause die Ehefrau wieder einmal auf ihren Mann vergeblich wartet, das zunehmende Misstrauen sie zu einem Anruf bei der Bahnauskunft treibt die ihr mitteilt, dass der fast um sechs Minuten verspätete Zug ihres Mannes doch pünktlich war.“ Köstlich, mit feiner Rhetorik und bedachten kurzen Pausen, in denen Mark Spörrle seine Brille ein Stückchen höher schiebt und das Gelesene wirken lässt, schaltet der Erfolgsautor das Kopfkino seiner Zuhörer an.

Die Vorbereitung auf eine Bahnfahrt – welcher Tag, welche Uhrzeit, welche Strecke, welche Art des Kartenverkaufs – ist laut Spörrle entscheidend, um Pannen zu reduzieren, die es aber immer geben wird in einem so großen, komplizierten Gebilde wie der Deutschen Bahn. Umsteigen sollte möglichst ganz vermieden werden.

Dann könne Bahnfahren (fast) ein positiver Zustand sein – mobiler Müßiggang mit rhythmisch leichtem Schaukeln wie in der Hängematte oder als Ungeborenes im Bauch der Mutter. Doch das klappe laut Spörrle nur mit einer großen Portion Gelassenheit und der Erkenntnis, dass eine Leidenschaft fürs Bahnfahren nur mit dem Bewusstsein möglich ist, dass in „Leidenschaft“ eben auch „Leiden“ steckt. Das gelte auch für ein regionales Sorgenkind auf der Schiene – der Strecke von Niebüll nach Westerland, „mit Bahnschranken, die bis zu neun Stunden am Tag geschlossen sind“, sagt der 49-Jährige, der im Flensburger Stadtteil Weiche aufgewachsen ist.

Das Publikum folgt Spörrle begeistert. Ungewöhnlich für eine Lesung, gibt es zwei Zugaben – den Sonderfall Kind und den Sonderfall Hund. Letztgenannter darf ab einer gewissen Größe ausschließlich als „allein fahrendes Kind“ im Zug von A nach B reisen, das allerdings nur eng angeleint, mit Maulkorb und ohne das Recht auf einen Platz, was meistens mit der Verbannung des Hundemenschen mit seinem treuen Gefährten auf vier Photen in die nicht gerade komfortablen Räume zwischen zwei Waggons endet. Nach den Zugaben nimmt sich der Bestsellerautor noch reichlich Zeit für einen Plausch und Erfahrungsaustausch in Sachen Bahnfahren mit seinen Zuhören, viele Bücher werden mit persönlichen Widmungen aufgewertet. Sichtlich bereichert, mit den signierten Büchern in der Hand machen sich die Zuhörer auf den Heimweg – mit dem Privileg, das neue Spörrle-Werk bereits gelesen zu haben, wenn es kommende Woche offiziell erscheint.

 

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erstellt am 15.Okt.2016 | 08:30 Uhr

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