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Nordfriesland Tageblatt

05. Dezember 2016 | 01:32 Uhr

Ausstellung : „Wir sind kein Wohlfühl-Tempel“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Direktor Uwe Haupenthal erklärt die neue Ausstellung im Richard-Haizmann-Museum. Bettina van Haarens Werke sind keine leichte Kost.

Die Besucher der Vernissage im Richard-Haizmann-Museum unter dem Titel „Senkblei“ brauchten starke Nerven: Bettina van Haarens fantastische Malerei ist schonungslos, irritierend, rätselhaft und dabei in der Ausführung meisterhaft. Da wächst ein Fuß wie ein Penis aus der Scham einer Frau, ein aufblasbares Maschinengewehr steht daneben, Schweine liegen wie hingemordet an der Seite. Darüber befindet sich das janusköpfige Antlitz der Künstlerin. „So ist unsere Welt“, sagt Museumsdirektor Uwe Haupenthal völlig ungerührt. Die Aufgabe des Museums sei es, Diskussionen anzustoßen: „Wir sind kein Wohlfühl-Tempel.“

Er sieht in der Arbeit vielerlei Denkanstöße: das Verhältnis Mann/Frau, das Thema Krieg/Gewalt, unser Verhältnis zur Natur und zum Fleischkonsum.

Die Malerin ist in jedem Werk zu finden, Tiere gehören zur Collage, wie auch Häkeldecken und angefressene Orangenschalen. Die Künstlerin bedient sich an der Umwelt. „Aufgeschnittenes Obst oder zurechtgeschnittene Birkenstämme geben ein allgemeines Naturzitat vor, die gehäkelten Unterlegdeckchen in koloristisch präsenten Mustern deuten eine penetrante Kleinbürgerlichkeit an. Relikte der Unterhaltungsindustrie wie Kinderspielzeug oder aber Plastikstoffe in knalligen Farben verweisen auf eine überbordende Industriekultur“, konstatiert Haupenthal. Er sieht in der Figur der Künstlerin als stumme Zeugin eine „Protagonistin einer traumatischen Erfahrung“.

Die Welt als Trauma? Oder doch eher als Traum? Das surreale Zusammenführen der Bildgegenstände ergibt eine unkontrollierbare Mixtur. Die Erzählstruktur des klassisch-abgeschlossenen Historienbildes wird aufgehoben. „Es zählt der Augenblick der Assoziation.“ Den Museumsdirektor begeistert die meisterhafte Technik. „Ein Höchstmaß an präzise wiedergebenen Texturen, belegt durch die überaus realistische Wiedergabe eines haarigen Fuchsfells. Man möchte förmlich darüber streichen!“ Die Besucher sahen sich diese so genannte Alla-Prima-Technik genau an, äußerten ähnliche Bewunderung. Der Verzicht auf Untermalung und auf Lasuren gibt den Bildern eine besondere Aura. Gleichwohl lösten die großformatigen Bilder unterschiedliche Reaktionen aus.

In der Ausstellung ist auch das grafische Werk vertreten. Die Grafik gehört „konzeptuell unverzichtbar“ als Kehrseite zur „malerischen Medaille“, erklärt Haupenthal.

Was zählt, ist der bildnerische Fluss, der kombinatorisch-spielerische Umgang mit dem Gesehenen und Erlebten. Tiere, Autos, Flugzeuge, ein Handy oder Architekturmotive werden immer wieder neu verknüpft. Und wieder taucht die Künstlerin selbst auf.

Die Malerin, die zur Ausstellung in bester Laune erschien, war viel in Europa unterwegs, sah Plätze, Straßen und Menschen. „Ich suche mit Lust den Außenraum, weil er mir die Fülle an Sinnlichkeit und Unerwartetem anbietet.“ Dabei hat sie viel erfahren über illegale Einwanderer, Diebe in Rom, fehlende Spielplätze in den Großstädten, Umweltschäden. „All dies fließt ein“, so Bettina van Haaren, „ist aber nicht der eigentliche Wert des Tuns. Mein Ziel sind sinnliche, künstlerische Erkenntnisse, Gefühle von Übereinstimmung, von Gelungen-Sein, die am Ende der langen Zeichenprozesse stehen.“ Der Besuch der Ausstellung „Senkblei“ ist dringend zu empfehlen; wer sich öffnet und neugierig ist, kann bis zum 10. Juli zu den üblichen Öffnungszeiten seinen Horizont erweitern. Der Eintritt ist frei.

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erstellt am 10.Mai.2016 | 11:34 Uhr

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