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Nordfriesland Tageblatt

04. Dezember 2016 | 21:31 Uhr

Weltkrieg aus der Sicht eines Kindes

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Anne-Ilse Burghardt hat über ihre Kindheit und Jugend ein Buch geschrieben – gestern stellte es die 88-Jährige aus Ladelund auf der Messe vor

Mit Ende 80 das erste Buch veröffentlichen – dass das geht, zeigt Anne-Ilse Burghardt aus Ladelund in beeindruckender Weise. Mittwoch reiste die 88-Jährige von Nordfriesland zur Frankfurter Buchmesse, um dort gestern ihr Erstlingswerk vorzustellen. „Ich bin das erste Mal auf dieser Messe, und dann gleich als Autorin. So viele Menschen habe ich noch nie gesehen – ich bin ganz schön aufgeregt“, sagte Anne-Ilse Burghardt gestern am Telefon.

„Meine Kinder- und Jugendzeit 1928 bis 1946“ lautet der schlichte Titel der Biographie von Anne-Ilse Burghardt über das knappe erste Viertel ihres Lebens. Schlicht ist auch das Titelfoto, das eine Luftaufnahme in Schwarz-Weiß vom elterlichen Hof der Autorin in Hademarschen zeigt, auf dem sie in einer Großfamilie mit drei Geschwistern aufwuchs. „Hademarschen war damals ein kleines, verträumtes und übersichtliches Dorf“, erinnert sich Anne-Ilse Burghardt, die am 14. April 1928 in ihrem Elternhaus auf die Welt kam. Alle kannten sich, „Gemeindeverwaltung, Schule, Geschäfte und auch die Spielgefährten waren in der Nachbarschaft des Hofes“, sagt die vierfache Mutter und sechsfache Großmutter. Ihre Familie war die größte Motivation, das Buchprojekt anzugehen: „Einen lang gehegten Herzenswunsch erfülle ich mir mit dieser Erzählung. Ich möchte meinen Kindern und Enkelkindern schildern, wie ich meine Kindheit erlebt habe.“ Entstanden ist ihr Buch über sieben Jahre. „Richtig los ging es, als einer meiner Söhne mir einen Computer und einen Drucker geschenkt hatte“, sagt Anne-Ilse Burghardt, die mit ihrem Mann vor einem Jahr aus Dithmarschen nach Nordfriesland zog, „um in der Nähe unserer zwei Söhne zu sein“.

Bildhaft und auch nach so vielen Jahren noch bis ins Detail konkret schildert die Autorin viele kleine Begebenheiten und Besonderheiten des Lebens auf dem Bauernhof in Steenfeld, dessen Ländereien sich bis an den Nord-Ostsee-Kanal erstreckten. Zum Beispiel über ihren Großonkel Jakob, wie er mühelos bei den gemeinsamen Mahlzeiten Fleischknochen vom Schwein oder Rind mit seinen Zähnen zerbissen hat. Oder über ihren Großvater: „Sobald ich laufen konnte, nahm Opa mich mit zum Friseur. Das hatte einen besonderen Grund, er wollte äußerlich aus mir einen Jungen machen und ließ kurzerhand meine hübschen, lockigen Haare einfach abschneiden. Nach der Prozedur beim Friseur – ich hatte artig still gesessen – gab er mir einen Pfennig“.

Was das Buch der Nordfriesin zu etwas ganz Besonderem macht, ist die Betrachtung und Bewertung der Geschehnisse rund um den Zweiten Weltkrieg – beleuchtet aus der Perspektive eines Kindes. Direkt, authentisch und spontan sind die Gedanken, die Anne-Ilse Burghardt viele Jahrzehnte später in Worte fasst. „Mein Vater war nicht in der Partei, deshalb hatte es die ganze Familie schwer. Diese Zeit war so prägend für mein Leben, daher kann ich mich bis heute so genau an viele Erlebnisse erinnern“, sagt Anne-Ilse Burghardt.

Auch an die Atmosphäre auf dem Hof, als die Autorin gerade mal elf Jahre alt war: „Im Elternhaus und auch im Ort machte sich eine eigenartige Unruhe bemerkbar. Papas Fröhlichkeit war einer Bedrücktheit gewichen, die schon wir Kinder spürten. Aus den Gesprächen der Erwachsenen entnahmen wir, dass ein Krieg bevorstand. Mit dem Begriff ‚Krieg’ konnten wir noch nichts anfangen. Auf unsere Frage erklärte uns Papa: ‚Dat is ganz wat Schlimmes, Kinner, dor scheet de Minschen sik gegegnsietig doot’.“

Oder auch die Kriegsentwicklung, wie sie sich der jungen Schülerin Anne-Ilse Burghardt darstellte: „Unser Lehrer hängte eines Morgens eine große Landkarte von Polen über unsere Wandtafel. Jeden Morgen waren die Kriegsereignisse das Thema des Tages. So konnten wir genau verfolgen, wo unsere Soldaten kämpften und siegten. Täglich diese Erfolge, eine Sondermeldung nach der anderen, das ging uns mittags auf dem Nachhauseweg durch den Kopf. Wir konnten es einfach nicht begreifen, dass Papa solch einen erfolgreichen Führer ablehnte.“

Doch im Laufe der folgenden Jahre begriff Anne-Ilse Burghardt die Sorgen ihres Vaters, der schon im Ersten Weltkrieg an der Front war, wie diese Zeilen zeigen: „Die Angst begleitete uns immer, aus Freunden und Nachbarn konnten in Kriegszeiten schnell Feinde werden. Warteten sie nur darauf, dass Hanne Harders Fehler machte? Würden sie ihn dann verraten? Papa spürte damals wohl selbst, wozu die Menschen fähig sein konnten und schränkte von sich aus das ‚Nachrichtenhören’ bei Willi Jordan ein.“ Schließlich kam der Tag, an dem sich auch der Vater von Anne-Ilse Burghardt für den Kriegsdienst melden sollte: „Wir alle standen draußen an der Dielentür und weinten laut, weil wir traurig und zugleich so wütend auf Hitler und den verdammten Krieg waren.“

Was sagen die Kinder zum Erstlingswerk ihrer Mutter? „Sie freuen sich darüber. Und sie haben vieles aus meinem Leben erfahren, was sie noch nicht wussten“, sagt Anne-Ilse Burghardt. Unterstützt wurde die 88-Jährige bei der Herausgabe ihres ersten Buches von dem Berliner Self-Publishing-Dienstleister „epuli“, der es auch unerfahrenen Autoren möglich macht, ihren Traum vom eigenen Buch zu verwirklichen. Dafür werde laut Auskunft des Unternehmens ein professionelles Umfeld geschaffen, das von der Buchherstellung über die Möglichkeit der kostenfreien Veröffentlichung bis hin zur Lieferung an die Buchgeschäfte und zur Begleitung zur Buchmesse reicht.

Warum wollte Anne-Ilse Burghardt ihre Lebensgeschichte nur bis zu ihrem 18. Lebensjahr aufschreiben? „Heute tut es mir schon ein wenig leid, dass ich nicht noch weiter geschrieben habe, zumindest bis zur Gründung unserer Familie“, sagt die Wahl-Nordfriesin. Vielleicht ist ja mit einem Fortsetzungswerk zu rechen? „Ich bin 88 Jahre alt – aber man weiß ja nie. Nun möchte ich aber erstmal die Zeit auf meiner ersten Buchmesse genießen“, sagt Anne-Ilse Burghardt.  

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erstellt am 21.Okt.2016 | 20:34 Uhr

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