zur Navigation springen

Nordfriesland Tageblatt

10. Dezember 2016 | 02:19 Uhr

Ausbildung in Südtondern : Warum Lehrstellen unbesetzt bleiben

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Eine gute Infrastruktur rund um die Betriebsstätte sowie ein positives Berufsimage zählen zu den wichtigsten Auswahlkriterien der Auszubildenden

Vor etwa drei Wochen erhielt Olaf Behrmann einen Anruf von einem Schulabgänger, der noch dringend eine Lehrstelle benötigte. „Was darf es denn sein?“, fragte daraufhin der regionale Ausbildungsleiter der Kreishandwerkerschaft in Niebüll nach. „Im Grunde alles“, kam von dem jungen Mann prompt als Antwort. Und so brachte der erfreute Behrmann auch gleich an den Mann, wo Auszubildende händeringend benötigt werden. „Wie wäre es mit Bäcker?“, schlug er vor. Kaum ausgesprochen, wurde dann aber doch kompliziert, was eigentlich so vielversprechend am Telefon begann: Der Schulabgänger ruderte unvermittelt zurück. Aber nein, so sei das doch nicht gemeint gewesen. Alles, bloß nicht Bäcker. „Da muss man ja viel zu früh aufstehen.“ Behrmann schob gleich nach. „Dann vielleicht Fleischer?“ Doch auch mit diesem Beruf konnte er nicht punkten – obwohl der junge Nordfriese damit die besten Chancen gehabt hätte, kurzfristig noch eine Lehre anzufangen. Doch es ist, wie es ist: Nicht jeder Beruf ist jedermanns Sache.

In den Monaten August und September starten wieder viele junge Südtonderaner ins Berufsleben. Wie in den Jahren zuvor sind es jedoch stetig weniger, was zum einen am demografischen Wandel liegt, zum anderen aber auch daran, dass immer mehr Jugendliche Abitur und Studiengänge bevorzugen. Die Folge: Der Lehrling wird rar – besonders im Handwerk. So bleiben in Nordfriesland auch 2016 wieder Lehrstellen unbesetzt, während andere Betriebe schon fast einen Ansturm an Bewerbern verzeichnen können.

Beliebt bei den Jugendlichen ist weiterhin der Einzelhandel als häufigster Ausbildungsbereich. Gleiches gilt für die Arbeit im Büro. Junge Männer mögen Technik und wollen Kfz-Mechatroniker oder Industriekaufmann werden. Mädchen lassen sich gern zur Bürokauffrau, Arzthelferin oder medizinische Fachangestellte ausbilden. Zu den Berufen mit immer weniger Bewerbern zählen erneut Koch, Fleischer, Bäcker, Gebäudereiniger, Friseur und Klempner.

„Schaffe, schaffe, Häusle baue?“ Bloß nicht! Im Blaumann schuften, bleibt bei den jungen Leuten nicht erstrebenswert. Vor Knochenarbeit, ungünstigen Arbeitszeiten und geringer Bezahlung schrecken die Schulabgänger zurück. Möglichst nicht malochen. Dabei leide laut Olaf Behrmann das Image des Handwerks immer noch zu Unrecht. „Dass Männer auf dem Bau mit 50 aufgebraucht sind, stimmt dank moderner Arbeitsgeräte auch nicht mehr“, betont der Ausbildungsbetreuer. „Und in einem Handwerksbetrieb ist oft um 16 Uhr Feierabend. Zu dem Zeitpunkt müssen andere noch länger an der Kasse sitzen.“ Häufig sei Unwissenheit der Grund für den Mangel an Bewerbern in einigen Berufszweigen, vermutet Nino Carstensen, Geschäftsführer der „Carstensen Blumen- und Pflanzenwelt“ in Leck. „Der Beruf Gärtner beispielsweise gilt als anspruchslos, weshalb sich vor allem Hauptschüler bewerben. Dabei ist vielen gar nicht bewusst, wie vielfältig er eigentlich ist. Wer ein Praktikum macht, kann sich davon überzeugen.“

Ann-Kathrin Steffens ist über so ein Schulpraktikum zu ihrer Arbeitsstelle gekommen. Die 19-Jährige lässt sich in Niebüll in einer Schlachterei zur „Fachverkäuferin im Schwerpunkt Fleisch- und Wurstwaren“ ausbilden und hat – anders als manch ein anderer Schulabgänger – keine Berührungsängste im Umgang mit Fleischwaren. „Mein Vater ist Landwirt und Jäger. Ich wurde damit groß, zu sehen, wo das Fleisch herkommt.“ Auch sie bemängelt, dass die Bandbreite der Aufgabenfelder oft gar nicht bekannt ist. „Kundenkontakt, das Herrichten von Platten, Grillevents, Partyservice, Kalkulationen – das alles gehört zum Beruf dazu“, schwärmt die Galmsbüllerin im zweiten Lehrjahr.

Als weiterer Trend zeigt sich auch in Nordfriesland, dass in einigen Berufsbereichen Geschlechterrollen durchbrochen werden – besonders von jungen Frauen. Beispielsweise lassen sie sich immer mehr Schulabgängerinnen zur Malerin, Gärtnerin oder Tischlerin ausbilden. Auch hier gilt, dass inzwischen moderne Technik die Arbeit erleichtert und generell die Gesundheit mehr im Vordergrund steht. „In der Berufschule wird uns von Anfang an beigebracht, dass wir schwere Blumenkübel mit Kraft aus den Beinen heraus, nicht aus dem Rücken tragen sollen“, erklärt Lehrling Annkatrin Sievers, die in Leck in einer Gärtnerei arbeitet.

Sinken die Bewerberzahlen und wächst der Fachkräftemangel, geben immer mehr Unternehmen in Südtondern inzwischen auch schwächeren Schülern mit mäßigen Noten eine Chance. „Solange der Meister merkt, dass echtes Engagement hinter der Berufswahl des Auszubildenden steckt, haben die Lehrjahre dennoch beste Chancen auf einen Erfolg“, weiß Olaf Behrmann. Orte mit intakter Infrastruktur werden von den Schulabgängern bei der Auswahl bevorzugt. „Gute Bus- und Bahnverbindungen sind wichtig, weshalb viele Lehrlinge auch auf Sylt arbeiten“ – während es manch ein abseits gelegenes Unternehmen in Südtondern dagegen schwer hat, Nachwuchskräfte zu finden. Ausbildungsleiter Behrmann: „Einen großen Vorteil hat das Landleben aber: Es kommt hier tatsächlich auch noch vor, dass die Eltern ihre Kinder zur Arbeit fahren oder Fahrgemeinschaften mit Kollegen gebildet werden.“

zur Startseite

von
erstellt am 30.Aug.2016 | 09:35 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen