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Nordfriesland Tageblatt

08. Dezember 2016 | 15:33 Uhr

Von der wunderbaren Macht der Worte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Wenn die sprachgewaltigen Poetry-Slammer in den Charlottenhof kommen, sind ein volles Haus und abwechslungsreiche, anspruchsvoll-amüsante Text-Erlebnisse garantiert

Da sage noch einer, Deutschland sei nicht das Land der Dichter und Denker. Was am Donnerstagabend die acht jungen Slam-Poeten im Charlottenhof boten, war allererste Klasse, was abgründigen und hintersinnigen Wortwitz, seelischen Tiefgang und politischen Anspruch betraf.

Volles Haus im Kuhstall, gut gelauntes Publikum, das hervorragend mitmachte beim Wettbewerb: Sieger ist nämlich der, der am meisten Beifall bekommt.


Lebensweisheiten „wie Heinz Erhardt“


Doch zunächst musste Moderator Michel Kühn eine Jury finden. Dies gelang ebenso problemlos wie der Auftrag an die Zuschauer, „ein Geräusch mit den Händen zu machen“. Dann lieferte Kühn eine erste brillante Vorstellung in einem Hammer-Slam über Tektonik. Das hatte die Wucht eines geworfenen Steines, über den der Kieler rasant referierte, ehe er flugs zum Bau und der Bewegung der Erdkruste zurückkehrte.

Lisa aus Bremen bot einen Text über Liebe, Sucht und Abschied. Sie setzt bei ihrem Lover auf Krankheitseinsicht und „hofft auf Reset“. Das klang nicht so ganz unbekannt, ein wenig nach Betroffenheitslyrik, sodass die Juroren „nur“ 40 Punkte vergaben – 50 Punkte gelten als Höchstwert. Dennoch ein Auftakt, der Lust auf mehr machte.

Der „kleine“ Johannes, der acht Stunden Autobahnfahrt von Krefeld hinter sich hatte, sorgte sofort für Lacher, als er sich als 15-jährig vorstellte. Der sympathische Wuschelkopf schaffte es in einem Wahnsinnsritt, Alltagssprüche und sogenannte Lebensweisheiten so zu kombinieren, dass man aus dem Schmunzeln nicht herauskam. „Wie Heinz Erhardt!“, kommentierte ein Besucher zu Recht, denn auch der pfiffige Rheinländer endete unvermittelt, ließ den Satz in der Luft hängen, um mit Neuem weiterzumachen. Seine wunderbare Karikatur einer Politikerrede bekam Riesenbeifall und mit 47 Punkten den Höchstwert des Abends. Damit hatte er seine Finalteilnahme gesichert.

Ganz anders dann Hannes aus Hamburg. Er plädierte für ein Leben jenseits von „Scheißjob“ und Normalsein. „Es gibt so viel zwischen Kommerz und Indie!“ Das war okay, aber nicht gut genug: 37 Punkte. Anna, ebenfalls aus Hamburg, beschrieb „under pressure“ Alltagserlebnisse von Hosenkauf, Philadelphiakuchen oder Anmache beim Winterhuder „Paarungstanz“. Die Entscheidung, als 18-Jährige die Welt kennenzulernen oder Hausfrau zu werden, ist anscheinend nicht einfach. „Zu jung, um dumm zu sein?“ Leichter Weltschmerz als Attitüde, das reichte für 38 Punkte.

Nach der Pause fasste Michel Kühn – selbst Slam-Champion in Schleswig-Holstein 2015 – kurz und knapp das bisher Gehörte in seinem ironischem Slam über die Bambi-Gang – ein junges Reh wird asozial – zusammen, ehe Michael aus Köln die Atlantis-Sage in einen fulminanten politischen Text umtextete. Eine wortreiche, komplexe und hochlyrische Angelegenheit, die ihm perfekt gelang. Zweifellos das Anspruchsvollste des Abends. Ein Appell zum Schluss durfte nicht fehlen: „Wir haben es in der Hand, den Hass aus den Köpfen zu entfernen!“ Starker Beifall, 46 Punkte.


Ganz neue Sicht auf Dichter und Denker


Chaaro aus Hamburg hatte ebenfalls eine Menge drauf. Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ in die heutige Sprache zu übersetzen – ein freches Unterfangen, das ihr jedoch sehr überzeugend und zeitgemäß gelang. Das Publikum hatte sein Vergnügen daran.

Stefan aus Kiel widmete seinen Text leise und wenig spektakulär dem Thema Tod. Eine bewegende Geschichte, die mit 39 Punkten ein wenig niedrig bewertet wurde. Klare Sache: schwierige Themen haben es nicht so leicht, die Gunst des Publikums zu erringen. Genauso ging es Hank aus Wuppertal mit seiner Performance über ein Leben als Kindersoldat. Das ging unter die Haut, bewegte Publikum und Jury gleichermaßen, sodass ihm die Finalteilnahme mit 40 Punkten gelang. Hier konnte der Tattoo-Autor gleich weitermachen, sein Text über Alkoholismus war jedoch wenig überraschend. Ganz anders Chaaro. Sie, die sich bei Goethe, Homer und Shakespeare bestens auskennt, drehte einfach einmal die Männersicht dieser Welt-Autoren auf Frauen um. Das war große Klasse, sie entlarvte die Klassiker als Machos und setzte dann noch einen drauf, schwärmte von idealen Sixpacks, gutem Körperbau und sinnlichen Lippen –dann gab freimütig zu „Eigentlich will ich ja nur Deinen Pferdeschwanz“ – tosender Applaus.

Michael hatte bei seinem Finalbeitrag ein ähnlich starkes Konzept: Er nutzte das Alphabet als Taktgeber für seine Lebensbeschreibung: Vom ersten Baby-Schrei bis zum Zypressensarg. Das fand viel Beifall. Da hatte es Johannes schwer, noch einen drauf zu setzen. Seine absurde, sich wiederholende Story über Mann, Frau, Heirat und Kind bekam nicht ganz so viel an Phonstärke. Der Moderator, der eigentlich Chaaro als Siegerin hätte ausrufen müssen, gab als gleichrangigen Gewinner auch Michael bekannt. Dem Publikum war das herzlich egal – hatte es einen amüsanten und doch anspruchsvollen Unterhaltungsabend erlebt – Slam Poetry vom Feinsten!

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erstellt am 29.Jul.2016 | 11:14 Uhr

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