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Nordfriesland Tageblatt

08. Dezember 2016 | 11:02 Uhr

Raritäten-Fund : „Unser ältestes und wertvollstes Buch“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In den Beständen der Stadtbücherei Niebüll wurde Heimreichs „Nordfresische Chronik“ aus dem Jahr 1819 entdeckt

Büchereileiter Ronald Steiner hat eine besondere Entdeckung gemacht. Beim Neuordnen der historischen Bestände ist Anton Heimreichs „Nordfresische Chronik“, 3. Auflage von 1819, wieder aufgetaucht. „Unser ältestes und auch wertvollstes Buch“, betont der Bibliothekar. Dabei ist es weniger der monetäre Wert, der nach vorsichtigen Schätzungen bei etwa 400 Euro liegen dürfte, sondern vielmehr der ideelle: Denn das Buch ist eine echte Rarität. „Es dokumentiert besonders das 17. Jahrhundert. Heimreich berichtet zum Beispiel über die Schäden der Flut von 1634“, sagt Steiner. Anton Heimreich schildert in seiner 1666 erstmals erschienenen „Nordfresischen Chronik“ die Geschichte Nordfrieslands von den mythischen Anfängen über die Christianisierung und die Reformation bis hin zur Burchardiflut 1634 und der Wiedereindeichung Nordstrands durch den Niederländischen Deichgrafen Quirinus Indervelden, deren unmittelbarer Zeuge Heimreich war.

Historiker Albert Panten hat das Werk mehrfach gelesen und kann es einordnen. „Es geht in der chronologischen Darstellung um die Beschreibung von Ereignissen in allen Facetten, aufgeführt unter thematischen Kapiteln.“ Während die erste Ausgabe noch ein kleinformatiges Duodezbändchen war, folgte zwei Jahre später ein stattlicher Quartband mit prächtigem Titelkupfer. „Den Druck hat der Verfasser, der Pastor auf Nordstrandischmoor war, selbst bezahlt“, erklärt Panten. Warum nun gab es erst 1819 eine dritte Auflage? Der Historiker lüftet das Geheimnis. „Herausgeber war der Rechtsprofessor und Rektor der Kieler Universität Nikolaus Falck, der aus der alten Chronik volkstümliche Rechtssatzungen destillierte.“

Die Chronik wurde nach dem Erstdruck in allen weiteren Ausgaben ergänzt. So hat Falck handschriftliche Anmerkungen von Anton Heimreich mit eingearbeitet. „Doch auch die Aufzeichnungen seiner Nachfahren wie die des Sohnes Heinrich Heimreich, der auch als Pastor sein Nachfolger wurde, sind miteingeflochten“, so Albert Panten. Weitere Zugaben sind eine Eiderstedter Chronik, Nachrichten von Nordstrand und Prophezeiungen der Sybille Hertje, aufgezeichnet vom Lindholmer Pastor Albertus Meyer. Besonders die volkstümlichen Berichte lesen sich selbst heute noch spannend. So hat Hertje Schande, Laster und Fluten vorhergesagt – was allerdings angesichts der Vorkommnisse an der Waterkant keine so große Kunst war. „Die Zeitzeugenberichte sind Heimreich durchaus auch zugeschickt worden“, erläutert Panten. Ausgewertet hat der 1685 verstorbene Prediger zudem Chroniken aus Sachsen oder Holland.

Heimreich konnte außerdem neben den Unterlagen seines Vater und Schwiegervaters vor allem auf die Arbeiten von Matthias Boetius und Johannes Petreus zurückgreifen, für Eiderstedt auf die Annalen seines Zeitgenossen Peter Sax. Für das restliche Nordfriesland bleiben seine Ausführungen lückenhaft. „Dennoch haben wir mit der Nordfresischen Chronik das damalige Standardwerk über das 17./18. Jahrhundert“, betont Albert Panten abschließend.

Heimreichs Familie war jedoch trotz der Katastrophe – am 11. Oktober 1634 zerriss die Burchardiflut die Insel Strand – wohlhabend. So konnte Anton Heimreich, geboren 1626, von 1643 bis 1645 das Johanneum Lüneburg besuchen, studierte danach in Helmstedt und Leiden Theologie und bereiste dann Deutschland, England, Frankreich, Rom, Ungarn und Böhmen. In London erlebte er die Revolution unter Oliver Cromwell mit. Zurückgekehrt übernahm er am 26. Dezember 1652 die Pfarrstelle auf Nordstrandischmoor, „diesem armseligen Orte“, der zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Kirche besaß. Erster Pastor von Nordstrandischmoor, dem Rückzugsort der Überlebenden der Katastrophe von 1634, war seit 1642 sein älterer Bruder Sebastian Heimreich gewesen, der 1649 wegen eines Sexualdelikts abgesetzt worden war. Zum Prediger ordiniert wurde Anton Heimreich aber erst zwei Jahre später.

Er blieb bis zu seinem Tod auf Nordstrandischmoor, wobei er sein Einkommen vermutlich nicht von seiner armen Halliggemeinde, sondern aus seinem Landbesitz auf Pellworm und Eiderstedt bezog. Zusätzlich diente er den französischen Partizipanten des Oktroy zur Wiedergewinnung Nordstrands als Bevollmächtigter. 

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erstellt am 08.Sep.2016 | 18:16 Uhr

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