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Nordfriesland Tageblatt

03. Dezember 2016 | 01:30 Uhr

Niebüll : Tierfreundin rettet verletzte Krähen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Dutzende junge Vögel, die noch nicht fliegen können, fallen bei Bauarbeiten aus ihren Nestern. Sarah Fee Ketelsen hilft.

Überall Kot und Blut. „Na toll.“ Sarah Fee Ketelsen blickt auf ihre Hände und ihr Oberteil. Sie steht hinter ihrem Wagen. Aus dem offenen Kofferraum dringen Schreie. Es sind die Schreie von jungen Vögeln. Sie sind schwer verletzt – offene Brüche, geknickte Flügel. Sie sitzen in Käfigen und Körben. Vielleicht 20. Keine Zeit zum Zählen. Einige werden den Tag nicht überleben. Anderen kann vielleicht noch geholfen werden. Ketelsen holt Wasser für die Tiere aus dem Haus ihrer Mutter. Dann fährt sie zur Wildtierhilfe Fiel, vier Kilometer südlich von Heide.

Einige Stunden zuvor: Sarah Fee Ketelsen ist zu Besuch in ihrer Heimat. Sie ist 28 Jahre alt, arbeitet als Hundetrainerin. Sie wird bei ihrem Zweitnamen gerufen: Fee. Montagmittag geht Ketelsen an der Wehle spazieren, als sie das aufgeregte Kreischen der Krähen hört. Dann sieht sie die toten Tiere. Dutzende. Zerquetscht auf dem Boden. Verletzte Jungvögel liegen neben ihren Nestern. Ketelsen hat schon öfter Tieren geholfen, doch das waren Einzelfälle. Sie alarmiert ihre Mutter, holt ihr Auto, Körbe und Käfige. Und beginnt zu retten, was noch zu retten ist.

Die Krähen sind Opfer von Bauarbeitern geworden. Ein zugewachsener Entwässerungsgraben soll freigeräumt werden. Es geht um die neue Wohnanlage für Behinderte. Bauherr ist die Gewoba Nord, Pächter sind die Mürwiker Werkstätten. Eingetroffene Polizisten fragen die Bauarbeiter nach einer Genehmigung. Die liege vor, sagen die Männer. Ein entsprechendes Schriftstück haben sie nicht dabei. Aber nun ist es eh zu spät. Ein Baggerfahrer setzt seine Arbeit fort, während Fee Ketelsen zwischen Bäumen und Blumen noch nach Überlebenden sucht, die aus ihren Nester gefallen sind. Ihr Bruder Levin hilft ihr dabei.

Ein Mitarbeiter der Gewoba wird dem Nordfriesland Tageblatt am Nachmittag bestätigen, dass eine Erlaubnis für die Arbeiten vorliege. In einem Schreiben der Naturschützbehörde stehe: „Der Herstellung des Räumstreifens wird zugestimmt. Eine Genehmigung ist nicht notwendig.“ Die Fällung sei also legal.

Aber hätten die Bauarbeiter nicht spätestens aufhören müssen, als ihre Maschinen die ersten jungen Tiere überrollten? Ketelsen hat für die Schuldfrage keine Zeit. Die Vögel seien nervös, sagt sie. „Ich muss mich beeilen. Mindestens drei werden noch erlöst, denke ich. Aber den anderen kann vielleicht noch geholfen werden.“

Eine Frau kommt vorbei. Die Bäume seien am Morgen gefällt worden, erzählt sie. „Ich dachte, ich sehe nicht richtig!“ Eine zweite Frau taucht auf, sie trägt einen Vogel, eingewickelt in ein Handtuch. Sie rette öfter Jungtiere, sagt sie, „zum Beispiel, wenn diese bei Sturm aus den Nester fallen“. Ketelsen freut sich, eine Mitstreiterin zu treffen. Die beiden Frauen wollen in Kontakt bleiben. Die zweite Vogelretterin will die gefundenen Tiere selbst aufpäppeln. Ketelsen übergibt die Vögel in professionelle Hände. Die richtige Entscheidung, sagt Gesche Iben-Hebbel vom Verein „Tierschutz Niebüll und Umgebung“. Wildtiere müssten speziell versorgt werden. „Das hat sie gut gemacht.“ Entsetzt ist Iben-Hebbel aber, dass es überhaupt zu dem Fall kommen konnte: „Viele Menschen finden Krähen zwar lästig, aber sie stehen unter Naturschutz. Hätte die beauftragte Firma noch vier Wochen mit der Abholzung gewartet, hätten die Jungtiere eine Chance gehabt, wegzufliegen.“ Darauf hätte die Firma ihrer Ansicht nach Rücksicht nehmen müssen – Erlaubnis hin oder her. Der Fall wird Niebülls Tierfreunde weiter beschäftigen.

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erstellt am 09.Mai.2016 | 16:16 Uhr

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