zur Navigation springen

Nordfriesland Tageblatt

08. Dezember 2016 | 13:02 Uhr

Rückschau : Seiten einer Landfrau

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ein Eierhändler, der anzügliche Andeutungen macht, und Ameisen, die bevorzugt im Sauerfleisch landen. Alltag für die junge Barbara Hansen. 1962 schrieb die heute 90-Jährige darüber in einer Serie in der Rubrik „Die Seite der Landfrau“ des Bauernblatts.

„Früher galt man als unvernünftig, wenn man als Angeliterin in den Westen der Provinz auf die Geest heiratete, man heiratete dann unter seinem Stande. „Cheld will to Cheld“, so hat dieses Wort ja auch manche Inzuchtlinie unter den Familien zustande gebracht. Dass aber hinter diesem Hochmutsnagel doch ein Körnchen Wahrheit steckt, musste ich auch begreifen lernen. Mit viel gutem Willen und auch Eigenwilligkeit habe ich nach der Heirat meinen Hausstand angepackt. Es sollte Frühling werden, aber man muss in Schleswig-Holstein ja noch lange, ja, bis Anfang Mai oft, heizen. Im kleinen Esszimmer musste man eher den Ofen von außen heizen, als dass dieser alte Kachelofen einem ein bisschen Wärme geschenkt hätte. So hatte auch der Kachelofen im Wohnzimmer ein langes Blechrohr über den Flur unter der Treppe durch, bis er an den Schornstein kam. Es dauerte bei diesem Kachelofen alten Typs auch mindestens drei Stunden, bis er anfing, Wärme auszustrahlen (das Schöne an ihm war ein Fach für Bratäpfel oder Warmwassertöpfe). [...] Das Schlimmste war der Herd. Aus zwei alten hatte man einen gemacht. Wenn wir in den ersten Sommern 20 Personen und mehr oft zu Tisch waren und es sollten beispielsweise „Mehlbüdel“ gekocht werden, dann mussten diese alle Viertelstunde umgesetzt werden, sonst blieben sie nicht im Kochen. Wehe gar, der Wind wehte von Westen, so war kein Feuer zu kriegen, und die Küche war verqualmt; ich war verzweifelt, bis mein Schwiegervater mir zeigte, dass man in der Richtung die Türen nach außen aufstellen musste.“

„Zehn Tage nach unserer Hochzeit musste auch eingeschlachtet werden, denn es waren keine Vorräte da. An einem Nachmittag fuhr ich mit Pferd und Wagen zum Kaufmann, um die Dosen schließen zu lassen. Als ich von dort zurückkam, standen die Frau und das junge Mädchen, die mir halfen, in der Küche und juckten sich, wehrten fliegende Insekten ab und wünschten sich angenehmes Flohbeißen für die Nacht. An den Fensterscheiben schwirrten dicht bei dicht diese Tierchen. Auch auf meinem braunen Topf mit Sauerfleisch schwammen sie. Sie kamen aus einer Torfkiste in der Küche. Es waren fliegende Ameisenmännchen, die nun bei der Hitze des Schlachttages Frühlingsgefühle gekriegt hatten. Noch am selben Tag nach Feierabend habe ich eine Schaufel genommen – und einen ganzen Ameisenstaat in bester humoser Gartenerde ans Licht befördert. Leider waren die Ameisen nicht die einzigen unerwünschten Gäste, die es in unserem Haus gab. Auch der Holzwurm war nicht nur auf dem rohen Hausboden vertreten, sondern auch im alten Sekretär, den die Urgroßmutter auf den Hof gebracht hatte. Ein Sekretär im Empire-Stil. An der zum Fenster gewandten Seite steckten zwei große Vierzollnägel, daran hatte der Vorgänger seine „Buchführung“ aufgehängt (Rechnungen und Belege). Der Sekretär wurde von innen und außen mit Xylamon eingepinselt und jedesmal, wenn mein Mann die Schubladen aufzog, wich er betäubt zurück. Auch die Zigarren, die darin aufbewahrt wurden, schmeckten derart „pikant“, dass wir sie niemandem mehr anbieten konnten.

Unsere Toilette lag im Schweinestall neben einer Sauenbucht. [...] Da aber unter diesem „ländlichen“ Eimerplatz Ratten wohnten, kam man nicht in Versuchung, dort „haften“ zu bleiben. Auch konnte es vorkommen, dass es der Sau gelang, das Schott zu öffnen und einen so zu stören.“

„Wenn uns Verwandte und Bekannte aus der Stadt besuchen, sagen sie oft: ‚Oh, wie wohnt ihr hier einsam’. Wir empfinden unser Zuhause keineswegs als einsam (von der Teerstraße führt der Weg 100 Meter ab auf unseren Hof. Zur nächsten bäuerlichen Nachbarin gehe ich zehn Minuten). Im Gegenteil, wir freuen uns über unsere Ruhe hier. Doch ganz so ruhig geht es wohl auf keinem Bauernhof zu und manches Mal wünsche ich, wir möchten nicht so leicht zu finden sein. Wir werden ohnehin von vielen Beratern und Geschäftsfreunden besucht. Wenn ich gerade beim Mittagessen bin, kommt mir so ein Berater nicht gerade passend. Ferner sind wir der Milchkontrolle und der Besamung angeschlossen. Da oft kein Mann auf dem Hof ist, wenn der Tierarzt oder der Techniker kommt, gehe ich dann mit in den Stall. 20 bis 30 Minuten sind dann schnell vergangen. Beim Kaufmann im Dorf bestelle ich jeden Sonnabendmorgen alle nötigen Haushaltswaren, womit ich meistens eine Woche auskomme. Zweimal wöchentlich kommt der Bäcker mit dem Wagen, und auch das Auto mit Obst und Gemüse kommt einmal in der Woche. [...] Das sind nun alles Leute, die uns Transport und Arbeit abnehmen und gern bei uns gesehen sind. Wenn nun aber Vertreter für Versicherungen und Nähmaschinen, Seifenpulver, Teppiche oder gar Korsetts erscheinen, dann betrachte ich sie nicht nur kritisch, sondern versuche, sie schnell loszuwerden. [...] Am besten erreicht man das, wenn man erzählt, dass man kein Geld hat.“

„Jeder möchte natürlich gern einen guten Preis für seine Ware erhalten, und so erzählte ich neulich meinem Eierhändler, dass wir, obwohl wir die schönen, großen Eier aus dem Stall hätten, viel lieber die kleinen Junghennen äßen, die viel herzhafter schmecken. Ob er nicht eigentlich die Junghenneneier deswegen ein bisschen besser bezahlen könne. Er meinte, das könne er nicht, das ginge nun mal nach der Größe, aber ihm wäre bekannt, dass das zarte jungfräuliche Ei besser schmeckt als das der älteren Henne, eine Zwanzigjährige sei ihm auch lieber als eine Achtzigjährige.“

„Obgleich unser Hof allein liegt, kommt es doch ab und zu vor, dass nachbarliches Vieh zu uns findet, besonders im Herbst, wenn die Nächte rauer werden und die Rüben schon so gut schmecken. An einem Novemberabend spät, wir lagen schon im Bett, meinem Mann ging es nicht so gut, und er schlief schon, hörte ich wie sich ein tiefes Brummen vorn um den Garten zur Hofeinfahrt zog. Es kam immer näher und war sehr kräftig zu hören. Nun schienen die Tiere auf dem Hofplatz angekommen zu sein. Oh weh, da standen ja unsere Milchkannen! Ich zog mir schnell den dicken Bademantel und Schuhe an. Im Mondschein konnte ich dann die Silhouette von sieben Tieren, es waren wohl Ochsen, sehen. Ich konnte sie nur fortjagen und trug auf alle Fälle die Milchkannen dort weg. Oh, ich war so wütend darüber, dass ich in der Kälte raus musste, und während ich so die Kannen wegschleppte, wünschte ich dem Tierhalter, er solle nichts anderes zu Weihnachten kriegen als eine Rolle Stacheldraht.“

„Als wir nun verheiratet waren, hatte mein Mann einen Schimmel. Lorbass, so hieß der Hengst. Wenn er jeden Tag auf dem Feld arbeitete, war er einigermaßen friedlich. [...] Einmal aber hatte ich Besuch zur Bushaltestelle gebracht und fuhr im Trab nach Hause. Ob nun der Schimmel vor etwas bei der Schmiede gescheut hat oder ob ihn der Hafer stach, weiß ich nicht. Bei der Schmiede fing er plötzlich an zu galoppieren, und ich konnte ihn nicht halten. Ich hielt nur mit aller Kraft die Leine. Ringsum sah ich nichts mehr – nur die angezogenen Beine unter dem mächtigen Pferderücken. „Wenn nur kein Fahrzeug kommt“, war mein Gedanke. An der Straße saßen an einigen Stellen Frauen beim Melken. Sie sind beinah von den Schemeln gefallen. Bis zum letzten Gehöft vor unserem brannte der Schimmel mit mir durch, dann war unser Gehöft in Sicht, und Lorbass fiel in einen gemütlichen Trab. Ich hatte noch lange hinterher Herzklopfen. Wenn ich nun mal mit dem Auto komme, sagen die Bekannten doch manchmal: „Man chut, du kummst nich mit dal ol wilde Peerd.“


Durch und durch Landfrau: Barbara Hansens ereignisreiche Jahre in der Landwirtschaft



Sie ist eine Tochter aus gutem Haus. Am 17. Dezember 1925 wurde Barbara Thomsen in Flensburg geboren. Ihr Vater war Landarzt, starb aber schon früh an einer Lungenentzündung. Die ersten Lebensjahre wuchs Barbara Thomsen in Großenwiehe auf und wäre mit fünf Jahren fast an einer schweren Mittelohrentzündung gestorben. Jahre in Schleswig folgten, bis die Mutter erneut heiratete, diesmal einen Staatsanwalt. Die Familie zog in eine Villa in Hamburg Othmarschen. Im großen Garten standen 60 Obstbäume, ein Hühnerhaus, Spargelbeete. Für die damals 13-Jährige hätten es gern noch mehr Pflanzen und Tiere sein können, denn sie liebte schon immer die Natur.

Als der Krieg ausbrach, war Barbara Thomsen in der achten Klasse der Bertha-Lyzeum-Mädchenschule. Im Kriegseinsatz arbeitete sie als Bimmelfee bei der Straßenbahn, später für die Kinderlandverschickung nach Niederbayern. Bei dem strengen Schulrat Sass („vorne SA und hinten SS“, wie die Schülerinnen zu sagen pflegten) machte sie 1944 ihr Kriegsabitur. Danach startete sie ihre Landwirtschaftslehre. Sie trug Hosen und versteckte ihre zu einem Kranz geflochtenen Haare unter einer Schirmmütze, um nicht zu sehr als junge Frau aufzufallen. Ein Studium in Kiel folgte – als eine von nur vier Frauen im Semester. Barbara Thomsen erreichte das Staatsexamen und bekam ihre Urkunden mit der Berufsbezeichnung „Der Diplomlandwirt“ ausgehändigt, denn die weibliche Endung „Landwirtin“ gab es noch nicht. Ihr Wissen ergänzte sie zusätzlich mit einer Hauswirtschaftslehre. 1952 heiratete sie Johann Bernhard Hansen, den sie während des Studiums in Kiel kennengelernt hatte. Das Paar zog auf den Hof nach Sprakebüll/Freienwill. Es hielt Schweine, Kühe und Federvieh und bewirtschaftete die Felder unter anderem mit Roggen, Rüben und Kartoffeln. 1953 wurde Sohn Bonke geboren, der für noch mehr Trubel auf dem Hof sorgte.

1968 war Barbara Hansen Gründungsmitglied des Landfrauenvereins Leck, in dem sie 25 Jahre im Vorstand agierte. 1980 übernahm Sohn Bonke den Hof, acht Jahre später zog Barbara Hansen mit ihrem Mann in das neugebaute Altenteil.

Zwei Brände ereigneten sich im Laufe der Jahre auf dem Hof. Das erste Mal hatte es 1969 ein Feuerteufel, der insgesamt siebenmal in der Region zuschlug, auf das Gebäude abgesehen. 2015 brach erneut ein Feuer aus, bei dem sich Enkelsohn Boy nur mit einem Sprung aus dem ersten Stock des Wohnhauses retten konnte.

Mittlerweile ist Barbara Hansen 90 Jahre alt. Eine rüstige und immer noch tatkräftige Frau. Täglich kocht sie noch für ihren Sohn. Sie erntet das Gemüse weiterhin selbst und kümmert sich um ihren Bauerngarten. Und ihre Liebe zur Natur ist bis heute geblieben.

zur Startseite

von
erstellt am 05.Jul.2016 | 06:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen