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Nordfriesland Tageblatt

07. Dezember 2016 | 21:22 Uhr

Natur im Fokus : Schärfefanatiker mit Blick fürs Detail

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der 77-jährige Profifotograf Klaus Wernicke schaut auf ein aufregendes Leben zurück. Seine Leidenschaft sind Natur- und Vogelaufnahmen.

„Das Sprichwort von der dummen Gans ist Unsinn“, sagt der bekannte, in Fahretoft lebende Tier- und Naturfotograf Klaus Wernicke (77). „Gänse sind sehr schlaue Vögel.“ Einen Beweis lieferten sie ihm erst vor einer Woche im Ockholmer Koog. Er war mit seinem Wagen unterwegs und stoppte jäh: „Ich dachte, ich gucke nicht richtig.“ Zwischen Vogelscheuchen, Flatterband und Fähnchen hockten Weißwangengänse (auch als Nonnengänse bekannt). Klaus Wernicke schätzt ihre Zahl auf 1500. „Der Landwirt hatte vor zwei Jahren die erste Fenne umgebrochen – es war Grasland – und hat es dann liegengelassen. Die ersten Wildpflanzen kamen schon hoch.“ Vor ein paar Wochen folgte dann die zweite Fenne. Mit Fähnchen, Vogelscheuchen und Flatterband wollte er die Gänse von seinem Land fernhalten. Der Erfolg war mäßig. Die Vögel interessierten sich schlichtweg nicht für die Vergrämungsaktion.

Klaus Wernicke nutzte die Chance und machte Aufnahmen mit seiner D 300, einer halbautomatischen Kamera und einem 400er Objektiv 3/5 von Nikon, Verlängerungsfaktor 1,5. „ISO 400, Blende 16, um die Tiefenschärfe zu haben“, erklärt er. „Ich habe die Kamera auf schnelle Zeit eingestellt. Sechs Bilder pro Sekunde. „Plötzlich rissen die Weißwangengänse ihre Köpfe nach oben. Da wusste ich, dass sie jeden Moment hochgehen.“ Und so kam es auch. Die Tiere hatten einen ankommenden Landwirt bemerkt.

„Es war ein toller Tag für mich, aber da spreche ich als Fotograf“, sagt er. Denn: Auch, wenn der Anblick der rastenden Gänse für den Profi unglaublich war, „Schadenfreude empfinde ich nicht. Ich fühle mit dem Landwirt, verstehe seine Situation, und das habe ich ihm auch gesagt, als er dazukam. Was sollen die Bauern denn noch machen? Gegen die Gänse ist kein Kraut gewachsen.“

Der gebürtige Hamburger Klaus Wernicke fotografiert seit seinem 13. Lebensjahr. „Eigentlich sollte ich Gärtner werden und den Betrieb meines Großvaters in einem Nachbarort von Köslin/Pommern übernehmen.“ Aber es kam alles anders. Wernicke wurde Stahlbetonbauer, lernte von 1955 bis 1958 bei „Dyckerhoff und Widmann“. Für ein Anschauungsmodell vom Rendsburger Tunnel erhielt Klaus Wernicke 1956 von der Firma 200 DM extra. „Von dem Geld kaufte ich mir eine Motorradjacke“, erzählt er lachend. Später investierte er in seine neue Leidenschaft: die Fotografie und eine Profiausrüstung.

Sein ganzer Stolz ist das „Nikon ED 600 mm F4“ – ein lichtstarkes Superteleobjektiv. Auffällig ist ein schmaler, goldener Ring um das Gerät. Der Preis damals: 24  000 DM. Es gehörte einst einem von 30 „Stern“-Fotografen um Henry Nannen und war zur damaligen Zeit das einzige dieser Art in Europa. Die wenigen weiterhin ausgelieferten Objektive dieses Typs gingen nach Amerika. Als der Verlag es schon nach kurzer Zeit verkaufte, landete das bei Sportfotografen begehrte Stück – vermittelt durch Wernickes guten Freund Dieter Kalisch – bei dem Fotografen in Fahretoft.

Seit 1970 fotografiert Wernicke mit Nikons, seit vier Jahren digital. Seit 1980 ist er Profifotograf, hat sich auf die drei Ws spezialisiert: Wiesenvögel, Wasservögel (Gänse, Enten, Schwäne, Tauben) und Watvögel (Austernfischer, Regenpfeifer etc).

Auf den Geschmack gekommen ist er durch den 1907 gegründeten „Verein Jordsand zum Schutze der Seevögel und der Natur“. Und er hat sich viel Wissen angeeignet, jede Menge Fachzeitschriften gelesen und Kontakte – unter anderem zu Heinz Sielmann – gepflegt. „Wenn Weißwangengänse auf dem Heimweg sind, sind sie sehr scheu, weil sie sowohl in Russland, Finnland und auch Schweden bejagt werden. Wenn sie im März/April in Deutschland ankommen, merken sie, dass es hier anders ist. Zu der Zeit kann man hier sehr gute Aufnahmen machen.“ Klaus Wernicke beschränkt seine Foto-Leidenschaft aber nicht nur auf heimische Gefilde. Mit seiner Frau Helga und im Wohnmobil war er drei bis vier Mal im Jahr in Skandinavien, zur Brutzeit in Südschweden, aber auch in den Nationalparks von Schweden und Norwegen. Mittlerweile ist er ein gefragter Fachmann, beliefert Verlage von Nachschlagewerken (beispielsweise Kosmos-Bestimmungsbücher), Zeitungen und Zeitschriften aller Art mit seinen Fotos. Mehrere Ordner füllen alleine die Seiten aus den Belegexemplaren. Seine Vogelfotos – etwa 50  000 – benötigen, ebenfalls abgeheftet, ganze Schränke. „Dabei habe ich im vergangenen Jahr 10  000 Aufnahmen entsorgt.“ Auch die Geschichte des Beltingharder Kooges hat er im Bild festgehalten. Eine dieser Aufnahmen, sie entstand 1990 bei Deichschutzarbeiten in Dagebüll, wird immer wieder gern von einem Schulbuchverlag genommen, hat mittlerweile eine Auflage von fast sieben Millionen. Qualität ist sein oberstes Gebot. Da legt er allerhöchste Maßstäbe an. „Ich bin ein Schärfefanatiker und Schönwetterfotograf. Wenn das Wetter schlecht ist, bleibe ich zuhause.“

„So mancher hat bestimmt schon gedacht: Klaus Wernicke? Der lebt doch nicht mehr. Oder: Der hat das Fotografieren aufgegeben. Beides ist falsch“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Ich arbeite solange, bis ich nicht mehr kann.“

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erstellt am 18.Apr.2016 | 06:30 Uhr

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