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Nordfriesland Tageblatt

25. Mai 2016 | 03:22 Uhr

Niebüll/Leck : Platz für minderjährige Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Noch bis Mitte April sind 27 Jungen in der Niebüller Jugendherberge untergebracht, danach werden sie nach Leck wechseln.

Sie sind höflich, hilfsbereit, zuvorkommend und wohlerzogen. Aber sie sind traumatisiert und haben Heimweh. Einige lassen sich das anmerken, andere nicht. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind dankbar, hier in einem Land zu sein, in dem sie sicher sind, gut untergebracht und umsorgt. Die Rede ist von 25 Jungen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren aus Afghanistan und je einem aus dem Irak und Marokko.

Seit Mitte November betreut das Diakonische Werk in der Jugendherberge Niebüll „unbegleitete minderjährige Jugendliche“, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Das Diakonische Werk (DW) hat sie im Rahmen seines sozialen und kirchlichen Auftrags aufgenommen und betreut ihre „Inobhutnahme“ nach den Vorgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, erläutert DW-Geschäftsführerin Nicole Saballus das sogenannte UmA-Projekt.

Und es traf sich gut, dass die Jugendlichen gerade im Spätherbst ankamen. Herbergsmutter Sabrina Kosinska holte sich vom Landesverband Nordmark des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) grünes Licht für die Aufnahme der Jungen und machte in ihrem Hause, was die organisatorische Seite angeht, „den Winter zum Sommer“. Das heißt nichts anderes, als dass den Jugendlichen zu ihrer Versorgung in der Herberge jetzt die personelle Hochsaisonbesetzung zur Seite steht.

Die Jugendherberge ist eine der wenigen größeren Inobhutnahmestellen im Kreis für allein angekommene Jugendliche. Doch die jungen Gäste warten keinesfalls untätig, bis ihnen weitere Hilfen zuteil werden. Sie lernen die deutsche Sprache. Während die Jugendherberge den Versorgungsteil abdeckt, haben erfahrene Pädagogen die sprachliche Seite übernommen. Pensionierte Lehrer wie Gudrun Detlefsen, Manfred Wissel und Niko Johannsen haben sich als ehrenamtliche Deutschlehrer zur Verfügung gestellt. Sprachliche Brücken baut Dolmetscher Omar Haidiri. In Afghanistan gibt es 22 Sprachen/Dialekte. Untereinander verständigen sich die Afghanen auf Dari. Das ist die amtliche Sprache im Land.

„Sie sind lernbegierig“, berichtete Sozialpädagogin Sabine Kuss. „Wenn man spätabends in ihre Hütte hineinschaut, dann hören sie nicht Musik oder machen sonst was. Sie hocken zusammen und lernen Deutsch.“ Die Vermittlung der Alphabetisierung brauche ihre Zeit – bei einem gehe es langsam, beim anderen schneller, fügt sie hinzu.

Irgendwann werden die Jungen in der Lage sein, eine Ausbildung anzutreten – und in der Lage, einen Beruf auszuüben und Geld zu verdienen. Mit der materiellen und geistigen Ausstattung sollte es ihnen einmal möglich sein sein, zu Hause eine Existenz aufzubauen. „Einige von ihnen haben noch nie Schulunterricht gehabt“, war aus dem Kreis der Betreuer zu hören. Wenigstens einen Teil der Versäumnisse aufzuholen, sei das Bestreben der Pädagogen und sozial erfahrenen Kräfte, sagte Blanka Traußneck, die Leiterin dieses Betreuungsprojekts.

Flankierend zum Unterricht an der Beruflichen Schule sind die bereits erwähnten ehrenamtlichen Lehrkräfte tätig. Hinzu kommen Kontakte mit etwa gleichaltrigen Jugendlichen. Diese stellen Schüler der Friedrich-Paulsen-Schule her.

Und die Freizeit ist keineswegs nur das „mitternächtliche“ Lernen, sondern auch der Sport – wie etwa Fußball. Außerdem bekommen die Jungen Verkehrsunterricht von der Polizei. Sie malen und lernen, wie am Fahrrad „geschraubt“ wird. Auch besuchen sie Jim’s Bar, die sich heute „Kultur im Mittelpunkt“ (KiMs Café) nennt. Überhaupt lernen die jungen Afghanen fast jeden Tag etwas Neues – und haben längst auch begriffen, warum die Mülltonnen vier verschiedene Farben haben.

„Wenn der Krieg vorüber ist, wollen wir wieder nach Hause“, ist aus ihrer Mitte zu hören. Bis dahin hilft ihnen das Handy im Prepaid-Modus, um daheim anzurufen und Mama oder Papa zu fragen, wie es ihnen und der Familie geht – und ihnen mitzuteilen, dass sie in Deutschland, in diesem ganz anderen Land, gut aufgehoben und betreut sind.

Doch die Aufnahme der jungen Flüchtlinge in der Jugendherberge kann kein Dauerzustand sein – wie alle Beteiligten wissen. Herbergsmutter Sabrina Kosinska informierte, dass ab Mai der sommerliche Hochbetrieb in der Jugendherberge beginnt. So weist auch Nicole Saballus darauf hin, dass die Unterbringung der jungen Flüchtlinge in Kooperation mit dem Kreis Nordfriesland/Jugendhilfe nur bis zum 15. April möglich ist. Eine Unterkunft für die Zeit danach ist jedoch bereits gefunden – und zwar in Leck. „Wir eröffnen für 13 Jugendliche eine Anschlusslösung in der Wikinger Straße, in einem sozialen Treffpunkt, in dem sich das Diakonische Werk lange Jahre engagiert“, so die Geschäftsführerin. Ihr Dank galt dem Eigentümer der Wohnungen, Dr. Dieter Kopplin, sowie Christian Sommer von der Bau- und Dienstleistung GmbH, die die Räumlichkeiten renoviert und erneuert haben.

„Das Thema ,unbegleitete minderjährige Jugendliche‘ hat uns ein wenig überrollt“, erklärte Daniel Thomsen, Leiter vom Jugendamt Kreis Nordfriesland. Drei, fünf oder nur sieben junge Ausländer habe man bislang jährlich gezählt, und das sei machbar gewesen. „Innerhalb von zwei Monaten kamen dann 250 unbegleitete Jugendliche, für die wir den Auftrag hatten, sie zu versorgen, zu betreuen und zu integrieren.“ Nach der Maßnahme in der Niebüller Jugendherberge sei der nächste Schritt nun geschafft: „Aus der Winterlösung wird mit diesem Projekt in Leck eine Dauerlösung.“

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erstellt am 15.Feb.2016 | 11:10 Uhr

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