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Nordfriesland Tageblatt

07. Dezember 2016 | 13:35 Uhr

Ausstellung in Niebüll : „Ohne Eskapaden nicht denkbar“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Horst-Janssen-Ausstellung in der Stadtbücherei ist eröffnet: Bei der Vernissage erfuhren die Gäste viel über Werk und Gebahren des Künstlers.

Stadtbücherei-Chef Ronald Steiner begrüßte zur Vernissage der Horst-Janssen-Ausstellung Besucher aus „Hamburg, Apenrade und Neukirchen“ sowie zahlreiche Kunstfreunde aus Niebüll. Diese scherzhafte Begrüßung galt illustren Gästen wie den langjährigen Landesmuseumsdirektor und Leiter des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf, Professor Heinz Spielmann, die Leiterin der deutschen Bücherei, Claudia Knauer, und Amtsvorsteher Peter Ewaldsen. Der Amtsvorsteher pries sogleich die kleine Kunst-Hauptstadt Niebüll mit ihren herausragenden Ausstellungsräumen im Richard-Haizmann-Museum, in der Stadtbücherei und im Amtsgebäude. Von Horst Janssens Arbeiten zeigte er sich stark beeindruckt: „Eine unglaubliche Fülle und Vielfalt!“

Professor Heinz Spielmann, aus dessen Sammlung die meisten ausgestellten Arbeiten stammen, ist ein Janssen-Kenner seit langen Jahren. Zunächst begegnete er dem Künstler als Kustos im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, damals erlebte er ihn als zugänglichen Menschen. Später, als Schleswiger Museumschef, baute er ab 1986 eine der umfangreichsten Janssen-Sammlungen auf.

In seiner Rede breitete Spielmann die nicht unproblematische Gesamtpersönlichkeit des Künstlers vor dem Publikum aus. „Ohne seine Eskapaden ist Horst Janssen nicht denkbar, leider überdecken sie zum Teil seine künstlerische Leistung.“ Wie zum Beweis dieser These berichtete er von der Ausstellungseröffnung einer Janssen-Wanderausstellung in Heide. „Janssen kam zu spät zum Signieren. Einer älteren Kunstfreundin gestand er sofort: ,Ich liebe dich!‘ Als ein anderer Fan um eine Signatur bat, kippte er Kaffee auf eine Kritzelei mit den Worten: Da haben Sie Ihren schönen Janssen.“

Die Stimmung habe sich noch einmal verändert, als das Essen gereicht worden sei. „Janssen, der frisch vom Zahnarzt gekommen war, kippte den Teller mit Kalbsschnitzeln wortlos in den Schnee und entschwand in die Nacht“, erinnert sich der Mann, der einst das Haizmann-Museum ermöglichte. Storys ohne Ende: Bei einer großen „Retrospektive auf Verdacht“ kam der Meister ebenfalls spät; alle waren bereits gegangen. „Janssen war begeistert, tanzte in Gummistiefeln um den letzten Gast herum, um bei der anschließenden Feier den Direktor des Kunst- und Gewerbemuseums auf das Schwerste zu beleidigen.“

Spielmann versuchte in der Folge eine Einordnung des Künstlers. Die Quintessenz seiner Kunst sei die naturalistische Wiedergabe der Realität. Und sie mit eigener Fantasie weiterzuentwickeln. „Ob Gesichter – das eigene wie das anderer –, ob Landschaft, Stillleben, Hund oder Katze, ob Blumengebinde – er „eignete sich alles durch das Sehen an, aber er identifizierte sich nicht mit dem Gesehenen, er identifizierte das Gesehene mit sich selbst. Er war als Naturalist zugleich objektiv und subjektiv.“

Der frühe Janssen habe sich zunächst an der Moderne mit Künstlern wie Kirchner oder Kokoschka orientiert, später lernte er bei seinem Lehrer Alfred Mahlau (Leiter der Kunsthochschule), die Umgebung nach Form und Farbe so genau wie möglich zu erfassen. „Janssen war mit dem Ergebnis nie zu zufrieden“, so Spielmann. Janssen arbeitete sich an Botticelli, Gavani und Pisanello ab und beherrschte danach die Linie und die Schraffur. Der Ehrgeiz, besser als Rembrandt, Dürer oder Goya zu sein, trieb ihn an und führte ihn zu großer Meisterschaft. Schon mit 40 Jahren widmete sich Horst Janssen dem Thema Tod. „Seine tiefe Einsicht in die Endlichkeit“, erklärte Heinz Spielmann. „Er begegnete dem Tod mit Häme, Ironie und Spott.“

Davon können sich die Besucher der Stadtbücherei überzeugen. Die 33 Arbeiten stammen aus dem Spätwerk; sie sind zum Teil „Annettchen“ gewidmet, seiner Freundin um 1986. Die junge Frau hatte wie andere seiner vielen Musen den Künstler zu Alkoholverzicht und konzentrierter Arbeit animiert – doch wie auch sonst hielt Horst Janssen die Zeit des Glücks nicht lange aus. Er trank oder stürzte sich in die Arbeit: 30  000 Werke als Resultat des Antriebs: „Er war nur an seinem Nachruhm interessiert“, zitierte der Redner, Janssens Drucker Hartmut Frielinghaus. Dafür steht nun auch die sehenswerte Niebüller Ausstellung „Um Tod und Leben“, die bis zum 23. Dezember zu sehen ist. Und es geht weiter.

Durch Kurator Thomas Gädeke kommt es zu einer Zusammenarbeit mit der deutschen Zentralbücherei in Apenrade. „Wir werden die Ausstellung übernehmen“, so die Leiterin, Claudia Knauer. „Das passt, wir haben zudem einiges über Horst Janssen in unserem Bestand.“


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erstellt am 15.Nov.2016 | 05:15 Uhr

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