zur Navigation springen

Nordfriesland Tageblatt

02. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

Geduldsprobe : Mit reichlich Galgenhumor nach Sylt

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Wenige Waggons für viele Fahrgäste: Der Notverkehrsplan der Nord-Ostsee-Bahn sorgte gestern für proppenvolle Züge auf dem Hindenburgdamm.

Vielleicht ist es eine Art Galgenhumor, den einige Sylt-Pendler in Bezug auf die aktuelle Verbindung zur Insel noch besitzen. Bei einer Facebook-Gruppe, die vor fünf Jahren gegründet wurde, um die ständigen Zugausfälle oder Verspätungen zu dokumentieren, kursieren zumindest nun Fotos, die eigentlich Zugalltag in Indien zeigen, aber mit Sätzen wie „Mein Weg zur Arbeit nach Sylt“ kommentiert werden. Zu sehen sind vollkommen überfüllte Waggons, bei denen Köpfe und Arme der Mitfahrer an die Fensterscheiben gequetscht werden, Personen auf dem Dach Platz nehmen müssen oder sich an der Außenwand der Zugwagen festkrallen. Ein lustiger Vergleich – zumindest für diejenigen, die selbst in extremen Situationen noch ein heiteres Gemüt vorweisen können.

Nicht witzig findet die ganze Lage hingegen Achim Bonnichsen, der auf Sylt ein Unternehmen führt, die Facebook-Gruppe „NOB Pendler Husum-Westerland“ mitgegründet hatte und sich seither mit seinen Kommentaren zur Verkehrslage unfreiwillig in den Medien schon einen Namen gemacht hat. Als er gestern morgen um 6.31 Uhr zum Niebüller Bahnhof kam, standen dort bereits rund 700 weitere Personen, die allesamt dringend zur Insel wollten.

Der Menschenandrang an Gleis 3 war eine Folge des Donnerstagabend kurzfristig eingerichteten Notverkehrs der Nord-Ostsee-Bahn (NOB). 90 sogenannte Niederflur-Reisezugwagen wurde als eine Vorsichtsmaßnahme aus dem Verkehr genommen, weil „an einer Zuggarnitur an einigen Kupplungen, mit denen die Marschbahn-Reisezugwagen untereinander verbunden sind, technische Mängel festgestellt wurden“, wie es dazu in einer Pressemitteilung der NOB hieß. „Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Mangel auch an den Bauteilen weiterer Zuggarnituren vorhanden ist. Deshalb kann einem weiteren Einsatz der Fahrzeuge nicht ohne vorherige Prüfung zugestimmt werden.“

Im Klartext bedeutete dies, dass fortan für den Personenbetrieb nur ein Notverkehr auf den Schienen zwischen Niebüll und Westerland eingerichtet war. Darüber hinaus fuhren Busse zwischen Niebüll und Itzehoe, um möglichst vielen Fahrgästen Fahrtmöglichkeiten auf der Marschbahn anbieten zu können. Und so kam es gestern Morgen nun, dass derart viele Personen nach ihrer Bustour auf den 6.31-Uhr-Zug nach Westerland warteten.

Fast schon eine gewisse Ironie bekam die Situation dann am Bahnsteig, als schließlich (nach mehreren Ausfällen bei vorangegangenen Zügen) nur ein Triebwagen mit drei Waggons einfuhr. „Dort wollten natürlich alle rein“, beschreibt Bonnichsen, „bis wirklich nichts mehr ging. Etliche Personen musste draußen bleiben.“ Der Klixbüller hatte Glück und schaffte es ins Abteil, das jedoch derart voll war, dass „man seine Hände nicht mehr aus den Taschen nehmen konnte.“ Körperkontakt zu den Mitreisenden war angesagt – zwangsweise.

Noch stärkere Nerven brauchten die Personen, die in Klanxbüll als nächste Station auf der Route nach Westerland auf den Zug warteten. „Keiner durfte rein“, so Bonnichsen. Die Lage sei katastrophal gewesen, der Frust bei den Pendlern groß. „Man fühlte sich wie in einem Viehtransport. Bei den Leuten herrschte schon eine gewisse Ohnmacht.“

Die Entscheidung der NOB, aus Sicherheitsgründen Zugwagen aus dem Verkehr zu nehmen, kritisiert Bonnichsen nicht. „Dass wir Pendler aber allein gelassen werden mit unseren Fragen, das stört uns. Welcher Zug fährt noch? Welcher nicht? Für uns ist das wichtig.“

Der Notverkehrsplan blieb nicht ohne Folgen auf der nordfriesischen Insel. In einigen Sylter Gastronomiebetrieben und Handwerksfirmen fehlten gestern große Teile der Belegschaft, Kindergärten forderten die Eltern auf, ihren Nachwuchs früher abzuholen.

„Wir möchten uns für die Unannehmlichkeiten der Fahrgäste ausdrücklich entschuldigen“, erläuterte Martina Sandow, Geschäftsführerin der Nord-Ostsee-Bahn GmbH. „Da die Sicherheit im Bahnverkehr für uns oberste Priorität hat, war die umgehende Einleitung dieser Vorsichtsmaßnahme aber alternativlos.“ Sobald die betroffenen Teile vollständig untersucht und gegebenenfalls ausgetauscht worden sind, werden die Marschbahn-Reisezugwagen nach und nach wieder in den Regelbetrieb gehen. „In der Zwischenzeit bitten wir alle Fahrgäste um Geduld und Verständnis“, heißt es von der NOB, die bereits einige Ersatzzüge bei anderen Unternehmen beschaffen konnte. „Ein Witz“, findet Achim Bonnichsen.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Nov.2016 | 11:17 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen