zur Navigation springen

Nordfriesland Tageblatt

03. Dezember 2016 | 22:49 Uhr

Südtondern Tafel : Mit Menschlichkeit und viel Respekt

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Vor fünf Jahren wurde die Südtondern Tafel gegründet. Reimer Bock, Vorsitzender des Vereins, berichtet über die Arbeit, Probleme und Träume.

„Wir liefern keine Vollversorgung, wir unterstützen nur – mit dem, was wir haben“, sagt Reimer Bock. In der Bundesrepublik gibt es derzeit 1000 Tafeln – plus der Nebenstellen. Die Südtondern Tafel, der er seit 2013 vorsteht, ist eine davon. Seit fünf Jahren gibt es sie, und die segensreiche Einrichtung wird nach wie vor benötigt.

Die Ausgabestellen in Niebüll (Osterweg 88, ehemalige Feuerwehr) wurde am 15. November 2011 eröffnet, die Ausgabestelle in Leck am 1. Dezember 2011. Nach zweimaligem Umzug sind Mitarbeiter und Kunden mittlerweile in der Rudolf-Diesel-Straße 16 heimisch geworden.

Die Orga-Leitung haben Erika Spaude für Niebüll und Christine Sawinski für Leck. 50 Ehrenamtliche versorgen derzeit die Kunden, dazu gehören die Fahrer für Niebüll (16) und Leck (19). Sie steuern das derzeit einzige für den Kühltransport zugelassene Fahrzeug der Südtondern Tafel. „Glücksbringer“ steht auf den Seitenflächen des Ford zu lesen, der zusätzlich mit Reklame versehen ist. Mit dem Transporter sammeln sie die Lebensmittel ein, die übrig geblieben sind und – obwohl noch für den Verzehr geeignet – entsorgt werden müssten. 24 Firmen werden derzeit angefahren, sechs davon in Niebüll, sowie zwei Großbäckereien. Aber angesteuert werden nicht nur Ziele in Südtondern. Der Weg führt die Fahrer beispielsweise nach Oldesloe, Witzwort, Süderbrarup oder Lübeck. Und dann gibt es noch die Großspender von weiter weg. Zu ihnen gehören Fabriken, die Waren, die die Qualitätsprüfung nicht bestanden haben, weitergeben. „Da kommt es schon mal vor, dass ganze Lkw-Ladungen mit Pizzen zur Verfügung stehen. Sie werden vom Landesverband nach dem Windhundverfahren (Wer zuerst kommt, mahlt zuerst) vergeben. Daher ist eine Vernetzung sehr wichtig.“

Die Südtondern Tafel ist inzwischen wie ein Mittelstandsbetrieb – mit Versicherungen für die Beschäftigten und Kosten für die Berufsgenossenschaft, Fahrzeuge, Grundstück und Gebäude. Bewusst habe man in Südtondern die Vereinsform gewählt, um Hierarchien flach zu halten und so schnelle Entscheidungen treffen zu können. Derzeit hat der Verein 160 Mitglieder. „Es könnten gerne mehr sein.“

Die Ware wird am Montag (dienstags und donnerstags fährt ein Extra-Wagen zu den Bäckereien) in einem Prozess, der sechs bis acht Stunden dauert, abgeholt, in den Niebüller Osterweg gefahren, sortiert und kontrolliert. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Mindesthaltbarkeit gelegt. „Liegt diese im Grenzbereich, prüfen wir, ob die Ware noch genussfähig ist. Ist sie überschritten, bieten wir sie an, versehen mit dem Hinweisschild ,Auf eigene Gefahr mitzunehmen‘. Aber unsere Kunden sind nicht überempfindlich.“

Obst und Gemüse, Molkerei-Produkte und auch Fisch werden in Leck in die begehbare Kühlzelle gebracht, die Kühlkette wird niemals unterbrochen. Angeliefert werden neben Konserven auch Blumen und Pflegemittel. Weiterhin Berge von Süßigkeiten (insbesondere nach der Weihnachtszeit). „Da gibt es dann manchmal noch bis Ostern Weihnachtsmänner in die Tüten“, sagt Reimer Bock lachend. Auch Tierfutter gehört zu den Spenden. Das allerdings wird portioniert, damit möglichst viele Kunden davon profitieren. „Es gibt nichts, was wir nicht kriegen“, sagt Reimer Bock. Und räumt dann doch ein, dass da Ausnahmen sind: Mehl, Zucker, Kaffee, Nudeln beispielsweise – Waren, die eine lange Haltbarkeit haben, sind eher selten.

Die Öffnungszeiten sind begrenzt: in Niebüll dienstags von 10 bis 11.30 Uhr, in Leck von 10 bis 12 Uhr. „Mehr können wir im Moment nicht schaffen. Dazu müssten wir mehr Helfer sein und ein weiteres Kühlfahrzeug besitzen.“

Wöchentlich finden sich in Niebüll 60 bis 70 Kunden ein, in Leck sind es 90 bis 100. Und die Tendenz ist steigend. Die Kunden erhalten eine laufende Nummer, wöchentlich wird die Reihenfolge gewechselt. „So steht jeder einmal vor den vollen Regalen.“ Sie zahlen zwei Euro pro Abholung. Bei der Verteilung wird auf die Familiengröße geachtet. „Das Klientel hat sich verändert“, sagt Reimer Bock. Der Anteil der Flüchtlinge beträgt derzeit etwa 30 bis 40 Prozent.

Wer darf sich Lebensmittel von den Tafeln holen? „Jeder aus dem Amtsbereich, der Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) bezieht, ist tafelberechtigt. Dabei unterscheiden wir nicht, wer was bekommt.“ Vorgelegt werden muss lediglich ein Leistungsbescheid von den zuständigen Sozialzentren in Leck oder Niebüll.

Beobachtet hat der Vorsitzende auch, dass ein Großteil der Kunden anspruchsvoller geworden ist. „Sie nehmen lange nicht mehr alles mit“, weiß der Vorsitzende zu berichten. „Aber ich sage dann, wer diese gelbe Banane nicht will, soll sie sich eben kaufen.“ Das gilt auch für bestimmte Brotsorten. „Schwarzbrot werden wir schlecht los, dafür Kuchen en masse.“

Bei der Südtondern Tafel werden alle Kunden gesiezt. Respekt und Menschlichkeit stehen ganz oben. „98 Prozent unser Kunden sind nett und freundlich.“ Aber hin und wieder gibt es doch Probleme, Pöbeleien. Dann greifen Reimer Bock und sein Team konsequent durch. Neben der Ausweisabgabe und einem Verweis vom Grundstück drohen dann vier oder fünf Wochen Tafelverbot.

Eine Bilanz? „Die Akzeptanz der Südtondern Tafel seitens der Firmen ist kontinuierlich gestiegen“, freut sich Bock. Er lobt ausdrücklich das gute Verhältnis zu den Sozialzentren, der Stadt (sie lässt in Niebüll die Tafel gegen eine Pauschale das Feuerwehrhaus nutzen), den Behörden, dem Amt und zu den Unternehmen. „Es ist toll, wie wir unterstützt werden.“ Gerüchte über eine Teilung des Vereins mit jeweils Ausgaben in Leck und Niebüll verweist Reimer Bock in das Reich der Fantasie. „Wir sind für das Amt Südtondern zuständig.“

zur Startseite

von
erstellt am 02.Jun.2016 | 13:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen