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Nordfriesland Tageblatt

04. Dezember 2016 | 01:01 Uhr

Niebüller amtsgericht : Kurioser Fall endet mit Freispruch

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Schwerer Einbruch oder versuchter Versicherungsbetrug – das wird sich wegen mehrerer merkwürdiger Ereignisse nicht mehr klären lassen.

„Was für ein merkwürdiger Fall, was für eine komische Geschichte.“ Eine Verhandlung wie diese vor dem Amtsgericht in Niebüll hat Richter Christoph Salamon wohl auch noch nicht erlebt. Angeklagt war ein besonders schwerer Fall des Diebstahls – die Verhandlung endete mit einem Freispruch und einem großen Fragezeichen.

Denn das, was sich in der Nacht zum 2. März in einer Autowerkstatt in einer mittelgroßen Gemeinde im Norden Südtonderns ereignet hat, wird sich nicht mehr endgültig klären lassen. Der Inhaber des Betriebs, der sich in der Werkstatt auch einen kleinen Wohnbereich eingerichtet hat, führte als Zeuge vor Gericht aus, dass ihm in dieser Nacht hochwertige Werkzeuge im Wert von 12  000 bis 15  000 Euro gestohlen worden seien. Tatsächlich wurde eine Plexiglasscheibe des Hallentores eingedrückt. „Um 0.45 Uhr bin ich durch Geräusche auf dem Boden wach geworden“, sagt der Kfz-Meister. Von dort seien wahrscheinlich vier alte Reifen gestohlen gekommen, genau wisse er dies aber nicht. Erst am kommenden Morgen habe er dann bemerkt, dass das genannte Werkzeug fehle.

Noch in der Nacht will der Bestohlene durchs Dorf gefahren sein, sah dort, dass eine andere Halle einen Spalt offen stand und von dort Licht auf den verschneiten Vorplatz fiel. Der Betriebsinhaber fuhr bis zur Halle, fand darin einen jungen Mann, der bei ihm als 16-Jähriger eine Kfz-Lehre abgebrochen hatte. Dieser fragte seinen ehemaligen Chef, warum er gekommen sei. Der antwortete laut eigener Aussage: „Das weißt du ganz genau!“ Denn seinen ehemaligen, mittlerweile zehn Jahre älteren Lehrling will der Werkstattinhaber als einen von zwei Tätern kurz zuvor auf seinem Gelände erkannt haben. „Ich habe ihn durch die Waschhalle zu einem Audi laufen sehen. In diesem saß ein weiterer Mann, zusammen sind sie weggefahren“, sagt der 68-Jährige.

Als der Richter den ehemaligen Lehrling mit dieser Anklage konfrontiert, kann dieser nur mit dem Kopf schütteln. „An diesem Vorwurf ist nichts dran“, sagt der Angeklagte. Er habe – was er oft und gerne mache – bis in die Nacht an seinen Mopeds geschraubt. So um 1 Uhr habe er in dieser Nacht zunächst überraschend Besuch von einem Bekannten bekommen, der einen weiteren Bekannten dabei hatte. Die beiden seien mit einem Audi gekommen. Wieder kurze Zeit später habe dann sein Ex-Chef in der Halle gestanden und gerufen: „Jetzt hab’ ich dich, ich bin deinen Autospuren im Schnee gefolgt!“ Währenddessen habe sich der Bekannte über den anderen Ausgang der Halle aus dem Staub gemacht. Nachdem der Angeklagte, den Einbruch-Vorwurf vehement bestritten hatte, sei der Bestohlene nach Hause gefahren und habe die Polizei gerufen.

Doch der Fall wird noch kurioser. Am kommenden Tag soll sich ein Mann, den der Bestohlene nicht kennt, bei ihm gemeldet und gesagt haben, dass ihm das Diebesgut aus der Werkstatt angeboten worden sei und er dafür sorgen werde, dass der Geschädigte dieses zurück bekomme. Tatsächlich sei der Anrufer dann mit dem gestohlenen Werkzeug im Kfz-Betrieb aufgetaucht und habe dies übergeben. Ein Gerät sei defekt gewesen, dafür habe der Bestohlene von der Versicherung 2000 Euro bekommen.

Durch eindringliche Fragen des Richters, des Verteidigers und von der Vertreterin der Staatsanwaltschaft, warum sich der Bestohlene so sicher sei, dass er den Angeklagten in seiner Werkstatt gesehen habe, konnte der Anklagevorwurf nicht erhärtet werden – im Gegenteil. Denn der Kfz-Meister erinnerte sich nicht einmal daran, ob im Audi das Licht an war, was der Angeklagte angehabt oder ob er eine Mütze getragen hatte. Auch die Frage, ob er das Gesicht gesehen hatte, musste der Betriebsinhaber verneinen: „Nein, nur von der Seite.“

Die Befragung des Werkstatt-Inhabers ergab weitere Erinnerungs-Lücken und widersprüchliche Aussagen. „Wichtig ist, was Sie hier und heute vor Gericht aussagen“, betont der Richter, dem keine andere Wahl bleibt, als den Angeklagten frei zu sprechen. Auch aus Sicht der Staatsanwaltschaft kann dem glaubhaft wirkenden Angeklagten die Tat nicht nachgewiesen werden. Sogar von der Befragung eines als Zeugen geladenen Polizisten wird abgesehen. „Es bleibt ein großes Fragezeichen. Es gibt einige Denkmodelle für das, was passiert ist“, sagt der Richter. Diese reichten von einem Einbruch durch Unbekannte bis hin zum versuchten Versicherungsbetrug – kurioses Ende eines sonderbaren Falls.  

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erstellt am 20.Nov.2016 | 06:15 Uhr

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