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Nordfriesland Tageblatt

11. Dezember 2016 | 12:54 Uhr

Husum : Kreistag: Tönning verliert sein Krankenhaus

vom

Nordfrieslands Krankenhäuser sind von der Insolvenz bedroht. Sie sollen umstrukturiert werden, um rentabler zu werden.

Husum | Wie soll das Klinikum Nordfriesland künftig aussehen? Über diese Frage stimmt der Kreistag von Nordfriesland am Mittwoch in einer Sondersitzung ab. Die Einrichtung mit den vier Standorten Husum, Niebüll, Tönning und Wyk auf Föhr ist von der Insolvenz bedroht. Eine Entscheidung steht fest: Tönning verliert sein Krankenhaus. Die Klinik soll vor dem Hintergrund einer drohenden Insolvenz zum 30. Juni 2017 geschlossen werden. Das hat der Kreistag in Husum am Mittwoch mit großer Mehrheit beschlossen. Voraussetzung ist jedoch, dass der Klinik-Betrieb noch bis zu diesem Termin gewährleistet werden kann. Es gebe bereits Hinweise auf Personalabwanderungen in Tönning, sagte ein Kreistagsabgeordneter.

Für die Menschen in Nordfriesland bedeutet eine Einschränkung oder gar Schließung von Standorten, dass viele künftig einen weiteren Weg zu einer Klinik haben. Das könnte bedeuten, dass nachts Notfälle aus dem Raum Niebüll bis nach Flensburg gebracht werden müssen, wenn die Chirurgie in Niebüll nicht besetzt ist. Der Trend, für anstehende Operationen eine größere Klinik außerhalb Nordfrieslands zu nutzen, bestand aber schon vorher und hat das wirtschaftliche Problem der Kliniken verstärkt. So fahren regelmäßig Patienten unter anderem bis nach Damp oder weiter.

Im Klinikum Tönning müssen außerdem die ambulante und die Notfallversorgung der Patienten sowie der Rettungsdienst gewährleistet sein, hieß es in der gemeinsamen Beschlussvorlage von sechs der sieben Kreistags-Fraktionen. 44 Abgeordnete von CDU, SPD, Grüne, Wählergemeinschaft, SSW und FDP stimmten mit Ja. Die drei Abgeordneten der FSD (Freie Soziale Demokraten) sowie je ein Abgeordneter von SPD und SSW stimmten dagegen. „Dieser Beschuss ist der beste unter schlechten Entscheidungsmöglichkeiten“, sagte Uwe Schwalm (Grüne).

Vor dem Kreishaus in Husum protestierten Nordfriesen am Montag für ihre Krankenhäuser.

Demo um die Kliniken im Kreis Nordfriesland vor dem Husumer Kreishaus.

Demo um die Kliniken im Kreis Nordfriesland vor dem Husumer Kreishaus.

Foto: Volker Bandixen
 

Die Klinikum Nordfriesland GmbH unterhält derzeit noch Einrichtungen an den Standorten Husum, Niebüll, Wyk auf Föhr und Tönning. Jede der vier Kliniken ist den Angaben zufolge bislang darauf eingerichtet, rund um die Uhr Akutfälle, wie Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Unfälle zu versorgen.

Darüber hinaus hat jedes Haus eigene Schwerpunkte gesetzt, die Klinik Niebüll etwa ist Standort eines Rettungshubschraubers. Neben den vier Einrichtungen ist das Klinikum auch in der ambulanten Versorgung aktiv und betreibt über drei Medizinische Versorgungszentren an den vier Standorten 13 Facharztpraxen.

Insgesamt sind in dem kreiseigenen Klinikum mit seinen 405 Betten rund 1500 Mitarbeiter beschäftigt. Vor dem Hintergrund einer drohenden Insolvenz schlägt ein Gutachten vor, die Klinik in Tönning zu schließen, den Standort Niebüll trotz mangelnder Wirtschaftlichkeit weiterzubetreiben und das Haus in Husum weiterzuentwickeln.

Eine Schließung des kleinen Tönninger Hauses würde dem Klinikum Nordfriesland jedes Jahr bis zu 800.000 Euro Ersparnis bringen. Alternativ könnte man die drei Standorte auf dem Festland aufgeben und mitten im Kreis eine neue Klinik in optimaler Größe bauen. Rund 150 Gegner der geplanten Umstrukturierung hatten bereits am Morgen vor dem Kreishaus friedlich für den Erhalt des Krankenhauses in Tönning demonstriert.

Um welche Kliniken geht es? Eine Übersicht:

Klinik in Tönning

Eine stationäre Versorgung  soll es in Zukunft in der Tönninger Klinik nicht mehr geben.
Eine stationäre Versorgung soll es in Zukunft in der Tönninger Klinik nicht mehr geben. Foto: bandixen

Die kleinste Festlandklinik steht komplett auf dem Prüfstand. Das Gutachten Vorwigs empfiehlt die Schließung des Standortes mit 29 Betten für eine stationäre Versorgung. Stattdessen soll eine rein ambulante Versorgung durch ein Medizinisches Versorgungszentrum aufgebaut werden. Die Neurochirurgie und das ambulante Adipositas-Zentrum sollen demnach geschlossen und nach Husum verlagert werden. Tönning ist ein kleiner Standort: 80 Mitarbeiter versorgen etwa 2500 stationäre und mehr als 9700 ambulante Patienten im Jahr.

Nach dem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO würde eine Schließung des kleinen Tönninger Hauses dem Klinikum Nordfriesland jedes Jahr bis zu 800.000 Euro Ersparnis bringen. Für die Patienten sei der längere Weg nach Husum beziehungsweise Heide zumutbar, heißt es weiter. Einzig die Versorgung von Urlaubern im Sommer werde schwierig. Das könnte jedoch durch Veränderungen im Bereich des Rettungsdienstes und andere Maßnahmen aufgefangen werden. Alternativ könnte sich Tönning auf die Innere Medizin konzentrieren und zusätzlich eine Geriatrie-Abteilung aufbauen. Doch auch in diesem Fall würde die kleine Klinik jedes Jahr rund eine halbe Million Euro Verlust einfahren, hieß es.

Fazit: Der Standort hat keine Zukunft. Die stationäre Versorgung wird zum 30. Juni 2017 eingestellt werden. Zur ambulanten Versorgung der Bevölkerung wird dort aber das Medizinische Versorgungszentrum weiterbetrieben.

Klinik in Niebüll

Das Klinikum Niebüll: Die 30 Amtsgemeinden kämpfen um den Beibehalt des sanierten und mit Hilfe der von Bürgerspenden modernisierten Krankenhauses.
Auch das Klinikum Niebüll steht auf dem Prüfstand. Foto: Stephan Bülck

In Niebüll stehen zwei Stationen vor dem Aus: Die Gynäkologie und die HNO. Die Chirurgie soll nach Empfehlung Vorwigs zurückgeschraubt werden. Statt rund um die Uhr für die Menschen in Südtondern bereit zu stehen, soll der Betrieb auf zwölf Stunden reduziert werden. Notfälle müssten dann nachts nach Husum oder Flensburg gebracht werden. Die Klinik in Niebüll hat 124 Betten. 280 Mitarbeiter versorgen etwa 5700 stationäre und mehr als 13.000 ambulante Patienten im Jahr.

Anders sieht es BDO. Das Krankenhaus in Niebüll sollte demnach ohne größere Veränderungen weiterbetrieben werden. So rät BDO zu einem Ausbau der geriatrischen Kapazitäten. Die Chirurgie soll nicht in eine Tages-Abteilung umgewandelt, sondern erhalten werden – ebenso wie der Hals-Nasen-Ohren-Bereich. Die Entfernung zu den nächsten Geburtskliniken mache eine Gynäkologie mit Geburtshilfe in Niebüll erforderlich. Da auch diese Klinik rote Zahlen schreibt, erwartet der Kreis Hilfe vom Land und den Krankenkassen in Form eines Sicherstellungszuschlages.

Klinik in Husum

Der Klinik-Standort Husum sollte laut Gutachter-Empfehlungen weiter gestärkt werden.
Der Klinik-Standort Husum sollte laut Gutachter-Empfehlungen weiter gestärkt werden. Foto: bandixen

Das Vorwig-Gutachten empfiehlt, den Standort Husum zu stärken und Kompetenzen hier zu bündeln. Denn je mehr Patienten auf einem Fachgebiet betreut werden, je häufiger beispielsweise ein Kind auf die Welt geholt wird, desto besser die Erfahrung der Ärzte. Husum ist der größte Standort mit 258 Betten. Bislang versorgen 450 Mitarbeiter etwa 11.500 stationäre und mehr als 15.000 ambulante Patienten im Jahr.

In Husum sollen laut Empfehlung des Gutachtens die Gynäkologie und Geburtshilfe ausgebaut werden. Andere Gebiete sollen umstrukturiert werden. Die Chirurgie würde dann in eine Allgemein- und eine Unfallchirurgie aufgeteilt. Eine spezielle Gefäßchirurgie sollte höchstens als Teil der Allgemeinchirurgie bedingt fortgesetzt werden. In der Medizinischen Klinik könnte in Gastroenterologie und Kardiologie differenziert werden. Die onkologischen Kapazitäten werden geprüft.

Andere Bereiche kommen auf den Prüfstand – das heißt, dass sie bei defizitärem Ergebnis geschlossen oder eingeschränkt werden: Der Neurochirurgie droht dann die Schließung, der Physiotherapie ein Abbau der Kapazitäten.

Insel-Klinik Föhr-Amrum

Das Föhr-Amrumer Krankenhaus
Das Föhr-Amrumer Krankenhaus Foto: pk
 

Vom Gutachten ausgenommen ist die Insel-Klinik mit nur 18 Betten. Solange die Krankenkassen ihren jährlichen Sicherstellungszuschlag gewähren, könne auch der Standort aufrechterhalten werden. Die Geburtshilfe auf Föhr wurde unabhängig vom Gutachten bereits eingestellt. In den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie sowie Gynäkologie und Geburtshilfe wurden bis dahin jährlich ca. stationäre 1500 Fälle behandelt. Hinzu kamen etwa 7200 ambulante Behandlungen.

(mit dpa)

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erstellt am 23.Mär.2016 | 13:55 Uhr

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