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Nordfriesland Tageblatt

02. Dezember 2016 | 19:01 Uhr

Leck / Impfen : Kein Schutz gegen das Leid

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mit neun Monaten erkrankte Sandra Krützfeldt an Masern und ist seither schwerbehindert.

Sandra Krützfeldt war ein Wunschkind. Kerngesund kam sie zur Welt, erkrankte an Masern und alles veränderte sich. Seither lebt Sandra mit mehreren Behinderungen, sitzt seit über 40 Jahren im Rollstuhl. „Ich habe mein Schicksal angenommen“, sagt ihre Mutter Bärbel, streichelt und blickt ihre Tochter innig an.

Wie selbstverständlich schiebt Bärbel Krützfeldt den Rollstuhl mit ihrer Tochter an den Tisch. Sandra wird nicht ausgegrenzt von dem Gespräch, in dem die 70-Jährige Rückschau hält. Den Humor hat Bärbel Krützfeldt nicht verloren, doch die Erinnerungen wühlen sie auf. Spurlos scheint das auch an Sandra nicht vorbeizugehen. Ihrem Lächeln folgt Unruhe, später weint sie. „Ich weiß nicht, ob sie alles versteht und den Sinn erfasst“, gibt sich Bärbel Krützfeldt ratlos.

Sie erzählt von Sandras Geburt im September 1971. Seit den 70er-Jahren wird in Deutschland gegen den hochansteckenden Virus geimpft. Laut Studien haben Säuglinge die höchste Erkrankungsrate. Mediziner empfehlen daher die Impfung von Masern in Kombination mit Mumps und Röteln ab elf Monaten. Aber bereits mit neun Monaten steckte sich Sandra mit dem Virus an, ihre ältere Schwester überstand die Krankheit ohne Komplikationen. „Es ging Sandra sehr, sehr schlecht. Sie musste drei Wochen in ein Krankenhaus“, sagt Bärbel Krützfeld. Und: „Man hat uns gesagt, dass sie einen Hirnschaden nachbehält.“

Es folgte eine Therapie-Welle, schließlich ein dreimonatiger Aufenthalt in einer Spezialklinik für Cerebralparese (frühkindliche Hirnschädigungen). Sandra machte kleine Fortschritte in ihrer Entwicklung, aber jeder Infekt, wie Lungenentzündung oder Bronchitis, machte das wieder zunichte. Ihr Immunsystem verschlechterte sich immer mehr, dann litt sie zunehmend unter Krämpfen. „Sie hat keinen Halt in sich gehabt. Sie hat mich angeguckt mit einem Ausdruck, der sagte: ,Hilf mir.‘“ Vater Günter fühlte sich überfordert, zog sich zurück, wurde krebskrank und starb in seinem 35. Lebensjahr. Bärbel Krützfeldt schulterte das Schicksal von Anfang an allein. Die Familie wollte daran nicht teilhaben, nur der Schwiegervater besuchte die Witwe mit den zwei Kindern. „Ich hatte keine Zeit zum Essen und wurde immer dünner“, erinnert sie sich.

Das Haus in Henstedt-Ulzburg wurde ihr gekündigt, sie zog in eine Wohnung in Norderstedt. Bärbel Krützfeldt war traurig und einsam, fand Halt in der Kirche und in der Vereinsarbeit und machte sich für ihre behinderte Tochter stark. Sandras Körper veränderte sich im jugendlichen Alter: Diagnose Skoliose. Doch Bärbel Krützfeldt steckte nicht den Kopf in den Sand, ging offen auf die Menschen zu und erlebte eine zweite Liebe. 1987 wurde ein behindertengerechtes Haus in Leck gebaut, ein Jahr später kam ein Sohn auf die Welt. Längst sind die gesunden Kinder aus dem Haus, auch der neue Lebenspartner hat sich verabschiedet. „Seit sechs Jahren lebe ich mit Sandra allein“, erklärt Bärbel Krützfeldt. Hilfe erfährt sie von ihren Kindern und auch den zwei Enkelkindern. Allein lassen kann sie ihre behinderte Tochter nicht: „Wenn ich außer Haus gehe, kommt meine Tochter mit – ob Tag oder Nacht.“

Nie würde Bärbel Krützfeldt ihre Tochter in ein Heim geben: „Dann würde sie sterben. Wir sind ihre Welt.“ Immer wieder schaut sie Sandra an, die nur ihren Kopf bewegen kann. Über Zuwendungen freut sich die 45-Jährige. Durch Mimik und Laute gibt sie ihre Stimmungen preis. Gerade hat sie einen neuen Rollstuhl erhalten: „Der ist stabiler und speziell auf ihren Körper ausgerichtet.“

Doch damit tut sich ein Problem auf: Der Rollstuhl passt nicht in das vorhandene Fahrzeug. Bisher hat Bärbel Krützfeldt alle fünf Jahre ein neues Auto genehmigt bekommen, jetzt erhielt sie einen ablehnenden Bescheid. Begründung: Weil Sandra austherapiert ist, braucht sie nirgends mehr hingefahren zu werden. „Wir sitzen hier fest. Ich würde gern mal mit ihr an das Meer fahren oder einen Verwandtenbesuch machen. Das ist doch auch für Sandra ein Erlebnis“, wünscht sich Bärbel Krützfeldt ein wenig Abwechslung für sich und ihre Tochter.

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