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Nordfriesland Tageblatt

06. Dezember 2016 | 17:09 Uhr

Niebüll : Hilfe für verwaiste Eltern

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ein neues Angebot im Niebüller Wilhelminen-Hospiz: Im November startet eine Trauergruppe für Mütter und Väter, die ihr Kind verloren haben.

„Wenn ein Kind stirbt, bleibt die Welt stehen und wird danach nie mehr so, wie sie einmal war“, sagt Ute Matthiesen. Die ausgebildete Trauerbegleiterin weiß genau, wovon sie spricht. Vor 16 Jahren verunglückte ihr damals 21-jähriger Sohn tödlich. Heute geht es Ute Matthiesen, die noch zwei weitere Kinder hat, gut. Und es geht ihr auch gut dabei, Mütter und Väter zu begleiten, deren Kind erst vor kurzer Zeit gestorben ist. „Anfragen von Menschen in dieser Extrem-Situation gibt es bei uns schon länger, daher möchten wir nun ein regelmäßiges Angebot schaffen“, sagt die Trauer-Expertin. So wird es unter dem Dach des Wilhelminen-Hospizes in Niebüll ab November eine Trauergruppe für verwaiste Eltern geben. Diese wird sich an jedem dritten Sonnabend im Monat von 15 bis 16.30 Uhr im „Underwood Haus“, Westersteig 6, treffen. Das erste Mal am 19. November, die Teilnahme ist kostenlos.

„Trauer ist keine Krankheit, aber sie kann krank machen – jeder Mensch geht anders damit um, wenn ein Kind stirbt“, sagt Ute Matthiesen. Viele Menschen in der Familie und im Freundeskreis wissen nicht, wie sie mit verwaisten Eltern umgehen sollen, sind verunsichert. Worauf kommt es in der Akutzeit, in den ersten Tagen, Wochen und Monaten besonders an? „Einfach da zu sein. Etwas Schönes zu kochen, mit den Betroffenen spazieren zu gehen, Musik zu hören, ihre Hand zu halten“, sagt die verwaiste Mutter, die die Sterbebegleitung für den ambulanten Hospizdienst koordiniert und als Teilzeitkraft hauptamtlich für das Hospiz arbeitet. Stunden zählen darf sie in manchen Wochen nicht. „Auch Einzelgespräche wird es weiter geben, wenn Menschen Hilfe brauchen, bin ich da. Es gibt auch mal wieder ruhigere Phasen“, sagt Ute Matthiesen.

Alleine hätte sie die Verantwortung für die neue Trauergruppe aber nicht übernommen. Kontinuität und Erreichbarkeit müsse bei einer so wichtigen Aufgabe gesichert sein, auch wenn Ute Matthiesen, im Urlaub, krank oder auch mal verhindert ist. Ihr zur Seite steht daher ehrenamtlich der Mediziner Detlef Bobrowski, ebenfalls ein persönlich Betroffener, der in seiner Bredstedter Praxis psychotherapeutisch arbeitet.

Viele Eltern haben vor dem Tod ihres Kindes dieses jahrelang gepflegt, das ganze Familienleben wurde auf den kleinen, schwer kranken Patienten konzentriert. „Oft ist soziale Isolation die Folge. Das merken viele Mütter und Väter erst, wenn das Kind gestorben ist. Zu einer schon unerträglichen Trauer kommt dann noch eine große Leere hinzu“, sagt Ute Matthiesen.

Was sind die wichtigsten Ziele der neuen Trauergruppe? „Ich glaube, allen Eltern tut es gut, über ihr verstorbenes Kind zu reden, Erfahrungen auszutauschen, besonders mit Menschen, die ein vergleichbares Schicksal teilen“, sagt die gelernte Krankenschwester. Zunächst dienen der Austausch oder auch Einzelgespräche den Fragen: Kann man überhaupt mit so einem Verlust leben? Muss man verrückt werden? Ist eine so unfassbare Verzweiflung normal? „Alles ist normal, alles darf sein, es gibt in so einer Lebensphase, in der es unmöglich ist, nach vorne zu schauen, keine Regeln“, weiß Ute Matthiesen.

Erinnerung tut gut, das Bedürfnis, über die verlorenen Kinder zu sprechen, bleibt – oft viele Jahre über deren Tod hinaus. Dann habe das Umfeld der Betroffenen dieses Thema aber oft schon abgehakt. „Ihr totes Kind begleitet die Eltern ihr Leben lang, sie sollen sich erinnern. Aber sie müssen die Bereitschaft entwickeln, ohne die Verstorbenen leben zu lernen“, betont Ute Matthiesen. Auch dafür soll die neue Trauergruppe Hilfe und Halt bieten.

Sind die Grenzen der Trauerbegleitung erreicht, werden Eltern ernsthaft krank, depressiv oder gar suizidgefährdet, werden die Trauerbegleiter sie an die entsprechenden Stellen weiterleiten. „Wir haben eine große Verantwortung, wir müssen in jedem Fall genau hinsehen und hören, was es ist“, weiß Ute Matthiesen, die ihrer neuen Aufgabe mit Freude entgegensieht. Sensible Aufmerksamkeit sei auch mit Blick auf die Geschwisterkinder gefordert, um die sich manche Eltern nach dem Tod eines Kindes nicht mehr ausreichend kümmern können.

Die für verwaiste Eltern meist schmerzende Frage „Habt ihr Kinder?“ sollte ehrlich beantwortet haben. Ja, wir haben eine Tochter, die ist vor drei Jahren gestorben – könnte eine mögliche Antwort lauten. Ute Matthiesen betont: „Keine Mutter, kein Vater muss sein Kind loslassen, man kann es für immer im Herzen behalten.“

Nähere Informationen über die Trauergruppe für verwaiste Eltern unter Telefon 04661/6070755.

 

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erstellt am 14.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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