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Nordfriesland Tageblatt

02. Dezember 2016 | 19:12 Uhr

Niebüll : Große Kunst in einer Kleinstadt

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Zum 30-jährigen Jubiläum des Richard-Haizmann-Museums präsentiert Dr. Uwe Haupenthal Werke des weltberühmten Malers Sigmar Polke.

Er war kritisch, spöttisch, provozierte und galt als Exzentriker. Zum 30-jährigen Bestehen stellt das Richard-Haizmann-Museum 40 Werke von dem weltberühmten Künstler Sigmar Polke (1941 - 2010) aus. Museumsleiter Dr. Uwe Haupenthal ist stolz, dass dieser Coup in einer Kleinstadt wie Niebüll gelang. In einem Interview hebt er hervor, worauf sich nordfriesische Kunstfreunde in der Ausstellung, die am 15. Juli startet, freuen können.

Polke in der Provinz – eine Sensation. Wie ist das möglich?
Dr. Uwe Haupenthal: Das haben wir uns verdient; durch unsere 30-jährige Arbeit. Wir haben immer auf Qualität gesetzt. Das dadurch entstandene Netzwerk hilft nun, den Meister in den Norden zu holen.

Warum nun gerade Sigmar Polke?
Er ist der prägende deutsche Künstler der Nachkriegszeit. Ein subversiver Künstler, der Sichtweisen unterläuft. Zum einen: Ein Mann, der gegen den Mainstream malte beziehungsweise arbeitete – wie Richard Haizmann in den frühen 20er-Jahren. Zum anderen: Polke machte alles. Er nutzte und benutzte alles. Mit einer Intensität wie kein Zweiter. Er bediente sich bei Dürer, bei Goya, bei Rembrandt, nahm den Comic hinzu, steigerte sogar die Pop-Art mit enormer Bildrasterung, griff auf Materialien wie Stoffe zurück, bezog sich auf das Informel (Anmerkung der Redaktion: Informel ist ein Sammelbegriff für die Stilrichtungen der abstrakten also gegenstandslosen Kunst in den europäischen Nachkriegsjahren). Polke mixte alles auf eine magische Art und Weise. Er setzte sich mit der Realität auseinander, ohne sich Schranken zu setzen.

Und sein Ziel?
Die Störung gesellschaftlicher Ordnungen durch seinen unglaublichen, ganz besonderen Bildwitz, seine Kommentare auf das Zeitgeschehen verschonen nichts und niemanden. Polkes großes Zeichnungen-Konvolut aus der Zeit von 1963 bis 1970 wirkt in seiner Gesamtheit wie ein flirrendes All-over aus unterschiedlichsten Stilen und Formen, es bewegt sich am Rand der Abstraktion und wimmelt absichtlich nur so von Fehlern, Leerstellen und Flecken.

Woher kommt Polke?
Zunächst vom Handwerk. Seine Lehrer waren Informel-Maler. Von 1959 bis 1960 absolvierte Polke zunächst eine Glasmaler-Lehre in Düsseldorf-Kaiserswerth. 1961 nahm er ein Studium bei Gerhard Hoehme und Karl Otto Götz an der Kunstakademie Düsseldorf auf, das er 1967 beendete.

Womit fing Polke an?
Seine bildnerischen Wurzeln stammen aus der Kunstgeschichte. Doch er nutzte letztlich alles für alles, auch die Fotografie. Er benutzte für seine Bilder schlichte Deko-Textilien, Plüschstoffe oder Plastikfolien, die er zu Collagen verarbeitete. Er blieb nie stehen, denn auch die Pop-Art-Kunst von Roy Lichtenstein oder Robert Rauschenberg entwickelte Sigmar Polke weiter: Er vergrößerte die Rasterpunkte ins Gigantische und malte Filmidole auf Schlafanzüge. So viel Leichtigkeit und Witz, Können und Esprit machte Polke, der persönlich scheu war und sich dem Kunstbetrieb weitgehend entzog, weltweit begehrt.

Was bedeutet Ihnen der Künstler persönlich?
An Sigmar Polke kommt man einfach nicht vorbei. Er begleitet einen das ganze Leben lang. Ich habe ihn schon früh wahrgenommen; seine großen Retrospektiven und Ausstellungen immer wieder besucht. Besonders spannend: Er entwickelte sich immer weiter. Die Leinwand überschüttete er beispielsweise mit Lacken, Säuren, Salzen und überließ sie der chemischen Reaktion. So entstanden Bilder, die je nach Temperatur, Beleuchtung oder Raumfeuchtigkeit anders schimmerten, sich stets änderten. Flexibel – so wie seine Kunst.

Seine Botschaft?
Kunst solle man nicht zu ernst nehmen. Schon gar nicht die Moderne. Ein Beispiel: Ein kleiner Bereich einer Postkarte ist dunkel ausgemalt, der Rest bleibt weiß, bis auf eine dünne, auf Schreibmaschine getippte Erklärung: „Höhere Mächte befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen.“ Dieses Bild ist zu dem postmodernen Ironie-Poster geworden. Und man kann es nun in Niebüll bewundern.

❍ Die Vernissage der Sigmar-Polke-Ausstellung findet am Freitag, 15. Juli, ab 20 Uhr im Museum statt und läuft bis zum 4. September.

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erstellt am 06.Jul.2016 | 06:00 Uhr

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