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Nordfriesland Tageblatt

10. Dezember 2016 | 02:14 Uhr

Mittelalter-Fans : Gefangen von friesischer Geschichte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Kultureller Hintergrund als Hobby: Den Verein „Frisia Historica“ gibt es seit zehn Jahren – das wird mit einem großen Trollfest in Stedesand gefeiert.

Im Arbeitsleben sind sie Finanzbeamte, Erzieher, Tischler oder Lehrer. In ihrer Freizeit legen sie mittelalterliche Gewänder an, genießen in der Sommersaison das Lagerleben, eignen sich Wissen an und geben es weiter. Und das seit zehn Jahren – so lange besteht nämlich der Verein Frisia Historica bereits.

Alles nahm 2006 an einem lauschigen Sommerabend seinen Anfang, als zwölf Menschen zusammenkamen, um einen Verein zu gründen. „Alle grundsätzlich historisch interessiert und begeisterte Besucher von Mittelaltermärkten“, berichtet Stefan Nissen, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Vereins. Laut eigener Aussage konnte der 48-Jährige schon als kleiner Junge nicht genug bekommen von Rittern, die im edlen Zweikampf ihre Ehre oder die ihrer Angebeteten verteidigten. Auch die Familie des Diplom-Sozialpädagogen teilt die Leidenschaft für gelebte Geschichte: Seine Frau und sein Vater sind ebenso aktive Mitglieder wie seine Geschwister.

Bei der Vereinsgründung trieb alle Interessierten eine Frage um: Was weiß ich eigentlich von der heimatlichen, friesischen Geschichte? Die ernüchternde Antwort war bei allen: „Nicht viel.“ Keiner habe wirklich eine Ahnung über die Geschichte der (Nord-)Friesen gehabt, mit der sich die meisten Mitglieder zwar verbunden fühlten, aber dennoch über so gut wie kein Hintergrundwissen verfügten. „Das wollten und wollen wir ändern – und unser Hobby, das lebendige Mittelalter mit stetig wachsendem Wissen über unseren kulturellen Hintergrund verbinden“, erzählt der Vereinschef.

Das ist bei Frisia Historica nicht nur graue Theorie: Einen großen Teil des Vereinsgeschehens macht bis heute das Lagerleben aus. Dann wird die Jeans gegen selbstgenähte Gewänder aus Leinenstoffen in gedeckten Farben getauscht, das bequeme Bett gegen ein Schaffell im Zelt. „Wir wollen so nah wie möglich an der Zeit um 800 bis 1000 nach Christus sein, in der sich die friesische Besiedelung unserer Region und somit die Entstehung unserer Kultur abspielte.“ Allerdings: Allzu dogmatisch werde das nicht gesehen. Die Unterwäsche etwa könne jeder frei wählen, auch Brillen, Pflaster und bei Bodenfrost Schlafsäcke seien erlaubt, berichtet der Vereinsvorsitzende auf Nachfrage. „Der Spaß soll im Vordergrund stehen.“ Auch Geselligkeit und Gespräche werden großgeschrieben: „An so einem Wochenende ohne Fernseher, ohne Computer und ohne Handys wird sich viel unterhalten“, sagt Stefan Nissen. Gekocht wird über offenem Feuer, gejagt wird im Supermarkt. „Wir achten aber darauf, dass unser Essen der Zeit entspricht, Kartoffeln sind zum Beispiel ein No-Go, die haben die Spanier erst viel später mitgebracht.“

Das Wissen um die Zeit, die sich „Frisia Historica“ als Vereinsthema erwählt hat, reichern die Mitglieder beständig an, die teilweise extra Friesisch gelernt haben. Ein beständiger und über die Jahre gewachsener Austausch mit dem Friisk Foriining gehört ebenso dazu wie Bildungsausflüge nach Haithabu oder zum Rungholt-Museum. Und sie geben ihre Kenntnisse gerne weiter, zum Beispiel in Kindergärten oder Schulen.

Die Zahl der Mitglieder ist mittlerweile auf 24 angewachsen. Kinder sind ebenso dabei wie Erwachsene von Anfang 20 bis Ende 60. „Jeder, der sich in unseren Verein miteinbringen will, ist herzlich willkommen“, so der Vorsitzende. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft sei eine Teilnahme an mindestens drei Lagern, damit sich die Anwärter davon überzeugen könnten, dass sie sich auch die richtige Gruppe ausgesucht hätten. Frisia Historica hat auf jeden Fall noch viel vor. Stefan Nissen: „Wir haben noch jede Menge Ideen und Ziele, die wir umsetzen wollen.“

Auch im Feste feiern sind die Frühmittelalter-Begeisterten groß, haben sie doch das „Friesisch-Historische Treyben“ und andere regelmäßige Veranstaltungen für die ganze Familie etabliert. Das Vereins-Jubiläum wird natürlich entsprechend begangen: Zum zehnjährigen Vereinsbestehen hebt Frisia Historica am Sonnabend, 17., und Sonntag, 18. September, das 1. Hunnebüller Trollfest aus der Taufe.  Gefeiert wird im Hunnebüller Koog, Klinkerstraße 4, in Stedesand. Die Eröffnung ist am Sonnabend gegen 14 Uhr, offizielles Ende ist gegen Mitternacht. Am Sonntag wird von 12 bis 17 Uhr Betrieb auf dem Vereinsgelände sein. Auf dem Programm stehen  an beiden Tagen viel Musik mit Bands wie „Baldrs Draumar“ und „Wortsatia“, magische Gauklerei, Feuerspiel, ein wenig Markt- und Lagerleben, Schwertkampf und   die 7. Hunnebüller Meisterschaften im mittelalterlichen Langbogenschießen.  Am Sonnabend steht zusätzlich ab 21 Uhr eine feierliche frühmittelalterliche Hochzeitszeremonie an.  Auch  an das  leibliche Wohl ist gedacht – oder wie es die Mitglieder von Frisia Historica ausdrücken: „Auf dass ihr nach Herzenslust fressen und saufen möget!“

www.frisia-historica.de


 

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erstellt am 10.Sep.2016 | 06:00 Uhr

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