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Nordfriesland Tageblatt

23. Juli 2016 | 17:00 Uhr

Modernisierung : Gedenken 2.0

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Nach 25 Jahren soll die Dauerausstellung der Ladelunder KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte komplett modernisiert werden.

Wie kann jungen Menschen das Grauen des Nazi-Regimes nachhaltig vermittelt werden? Was hilft, um die Vergangenheit zu verstehen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich aktuell das Team der  Ladelunder KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte, denn nach 25 Jahren soll die Dauerausstellung  komplett modernisiert werden. Leiter Raimo Alsen berichtet  im Interview vom  Planungsstand und von der Strategie, die hinter dem Neustart steckt. 

Schon seit ein paar Jahren beklagen sich die Museen und Gedenkstätten, dass das Interesse an ihnen schwindet. Wie sieht es in Ladelund aus?

Raimo Alsen: Auch bei uns sind die Besucherzahlen rückläufig. Dennoch können wir mit rund 4700 Gästen im letzten Jahr zufrieden sein.

 

Und trotzdem soll die gesamte Ausstellung in Ladelund grundlegend überarbeitet werden. Warum? Sind 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs die Geschehnisse zu sehr in Vergessenheit geraten?

 

Sie sprechen an, was ein Grundproblem ist. Gedenkstätte sollen gern ein Ort des Erinnerns und Nichtvergessens sein. Zeitzeugen, die sich erinnern können, gibt es aber nur noch wenige. Schüler, die hier oft mit ihrer Klasse zu Besuch sind, haben den zweiten Weltkrieg nicht miterlebt. Ich auch nicht. Und Sie auch nicht. Im neuen Konzept soll diese Tatsache auch eine Rolle spielen.

 

Was wird also anders?

Wir wollen in der Ausstellung nach den Interessen der Besucher mehr differenzieren. Ältere Gäste kennen sich mit der Geschichte meist recht gut aus. Für sie sollen ganz andere Informationen bereitstehen als für junge Leute, die erst an das Thema herangeführt werden müssen. Anderes Beispiel: Urlauber nehmen sich oft nur wenig Zeit und wollen in kürzester Zeit einen Überblick über das, was hier geschah, bekommen. Studierende wiederum beschäftigen sich viel länger und intensiver mit der Vergangenheit. Auf alle Besucher wollen wir eingehen. Verstärkt aber auch auf die Schüler und Konfirmanden.

 

Aber als Lösung sprechen wir dabei nicht von noch mehr Infotafeln, oder?

Streng genommen sind unsere Tafeln „Bleiwüsten“. Sie sind seit 25 Jahren angebracht. Fachlich sind sie wirklich gut. Sie haben überhaupt dafür gesorgt, dass wir hier Vermittlungsarbeit leisten können. Wir versuchen nun aber, die Vergangenheit konkreter dazustellen.

 

Greifbarer und erlebbarer?Das klingt nach modernen museumsdidaktischen Mitteln.

Wobei wir betonen, dass wir kein Museum, sondern eine Gedenkstätte sind. Leider haben wir für eine Neuaufarbeitung nur wenig Materialien zur Verfügung. Hier herrscht eine „Spurenarmut“. Im Grunde ist kaum etwas übrig geblieben vom Lager, das ja auch nur kurz bestand. Trotzdem versuchen wir, nicht nur mit Texten zu arbeiten. Seit Dezember 2014 bemüht sich eine Historikerin, mehr Relikte vom Lager zu finden. Sie hat die Dorfbewohner befragt, ob in den alten Fotoalben von früher noch Bilder vom Lager vorhanden sind – leider nur mit mäßigem Erfolg. Zudem haben wir das Gelände mit Metallsonden absuchen lassen. Auch dabei kamen nur kleine Funde zum Vorschein: ein Knopf, eine Münze, eine Patrone, solche Kleinigkeiten.

 

Also nichts, was Vitrinen ausfüllt. Und wenn Sie alternativ Dinge, die generell aus der Nazi-Zeit stammen, präsentieren? Beispielsweise eine Uniform?

Zum einen haben solche Stücke auf gewisse Leute mit rechter Gesinnung eine Anziehungskraft. Zum anderen könnte man uns damit den Vorwurf der Geschichtsfälschung machen. Wir haben in der Ausstellung in einer Vitrine beispielsweise eine Häftlingskleidung ausgestellt. Eine derartige wurde in Ladelund aber nie getragen. Wir werden sie in der neuen Dauerausstellung nicht mehr zeigen. Unser Weg kann es daher nur sein, Zugang zu der Materie über die Schicksale der Inhaftierten zu bekommen, über ihre Biografien. Wir werden Dokumente wie Sterbeurkunden, Beerdigungsregister und Transportlisten zeigen. Und wir haben Glück, denn wir können Briefe, die von den Häftlingen stammen, verwenden. Die Männer aus dem niederländischen Ort Putten wurden von der Wehrmacht mit dem Zug abtransportiert. Sie schrieben in den Waggons Briefe an ihre Verwandten und warfen sie während der Fahrt nach Neuengamme aus dem Zug. Viele von den letzten Nachrichten sind tatsächlich bei den Angehörigen angekommen. Einer von ihnen auch bei der Familie von Huib Bakker. Sein Vater Wichert Bakker gehörte zu den 588 Männern, die ins Konzentrationslager gebracht wurden. Er starb. Der 76 Jahre alte Huib Bakker kam nun Ende letzten Jahres mit seiner gesamten Familien nach Ladelund, um sich an das Grab seines Vaters zu stellen. Ein sehr ergreifender Moment. Immer wieder kommen Besucher in die Gedenkstätte, deren Väter oder Großväter hier starben. Solche Geschichten wie die von Wichert Bakker gibt es viele. Und von genau solchen Geschichten wollen wir noch mehr erzählen. Darauf basiert das Neukonzept – wobei wir moderne Medien einsetzen werden.

 

Also wird in der Gedenkstätte künftig mit Audioguides, Tastbildschirmen und modernen Videos gearbeitet?

Die neue Ausstellung wird die modernste der schleswig-holsteinischen Gedenkstättenlandschaft sein. Wie genau die Ausstellung über 160 Quadratmeter aussehen wird, das wird erst noch von professionellen Ausstellungsgestaltern entwickelt. Demnächst wird es dazu eine Ausschreibung geben. Wichtig ist auch, dass die Dauerausstellung nicht nur auf Deutsch sein wird, sondern auch auf Englisch, Dänisch und Niederländisch. Unsere Besucher sind nicht nur Deutsche.

 

Was wird die gesamte Überarbeitung kosten?

500  000 Euro werden es sein. 250  000 Euro zahlt der Bund, die andere Hälfte das Land, die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten sowie der Kirchenkreis Nordfriesland.

 

Wann wird sie fertig?

Eröffnen wollen wir im Oktober 2017.

 

Man merkt, sehr viel Arbeit steckt dahinter. Sie sind nicht nur Gedenkstättenleiter in Teilzeit, sondern auch Lehrer in Leck. Warum machen Sie das alles?

Das wurde ich schon einmal gefragt, vom Niederländer Huib Bakker, der ergriffen aber ausgesöhnt am Grab seines Vaters stand. „Weil es mich interessiert und ich es für eine sinnvolle Aufgabe halte“, hatte ich ihm damals geantwortet, nach einer kleinen Pause dann aber ergänzt: „für Momente wie diesen.“

 

Ladelund als Außenstelle vom KZ Neuengamme

Die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund zählt zu Deutschlands ältesten, den Opfern des Dritten Reichs gewidmeten Gedenkstätten.  Ladelund gehörte zu den  87 Außenkommandos des Konzentrationslagers Neuengamme und wurde  Ende 1944 für 2000 Häftlinge eingerichtet.  300 Zwangsarbeiter aus 13 Nationen wurden hier im Rahmen eines Endkampf-Wehrprojekts binnen sechs Wochen zu Tode geschunden und umgebracht. Mehr als ein Drittel davon stammte infolge der  Besatzung durch die  Wehrmacht aus dem niederländischen Putten. Ladelund ist die einzige deutsche KZ-Gedenkstätte in kirchlicher Trägerschaft. Die Ladelunder KZ-Opfer wurden am Rande des Dorffriedhofs beerdigt. Die dort  Ende 1944 angelegten neun Reihengräber (Foto) stehen im Zentrum  der Gedenkstätte.

Quelle: Auszug aus dem Antrag auf Projektförderung für die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund im Rahmen der Gedenkstättenkonzeption des Bundes/Harald Schmid.

 

 

 

 

 

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erstellt am 11.Feb.2016 | 10:33 Uhr

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