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Nordfriesland Tageblatt

04. Dezember 2016 | 09:18 Uhr

Aus dem Amtsgericht : Frau aus Leck gesteht Einbruchsversuch

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Da die Wirkung der Ersatzdroge nachlässt, wollte eine 48-Jährige in die Praxis ihrer Ärzte einbrechen – das Verfahren wird gegen Auflage eingestellt

„Ich schäme mich.“ Elke S. (Name von der Redaktion geändert) muss mit den Tränen kämpfen, als sie gestern Mittag von Richter Christoph Salamon vor dem Amtsgericht Niebüll zu dem befragt wird, was sich am 2. April diesen Jahres im rückwärtigen Bereich einer Arztpraxis in Leck ereignet haben soll. Elke S. kennt diese Praxis gut, seit vielen Jahren wird die ehemalige Heroin-Abhängige dort mit einem Substitutionsmittel behandelt. Anfang April reicht die ärztlich verordnete Dosis Polamidon nach Angaben der Angeklagten nicht mehr aus, um die Folgen des Entzugs in den Griff zu bekommen. „Ich hatte einen Rückfall und habe mir auf dem Schwarzmarkt noch andere Tabletten besorgt, deren Wirkung denen von K.o.-Tropfen gleichen“, sagt die Angeklagte.

Dennoch wird Elke S. am Abend des 2. April richtig aktiv. Mit drei Schraubendrehern macht sie sich auf den Weg zu ihrer Arztpraxis, versucht dort gegen 21.20 Uhr ein Fenster aufzuhebeln. Dabei wird sie von der von Nachbarn alarmierten Polizei auf frischer Tat ertappt. Als sie die Polizisten kommen sieht, versteckt sich Elke S. zunächst hinter einem Busch, lässt sich jedoch ohne jeden Widerstand mit auf die Polizeiwache nehmen.

Juristisch gesehen hat die Mutter einer Tochter an diesem Abend einen „Versuchten Diebstahl in einem besonders schweren Fall“ begangen, der durchaus mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden kann. Doch die gestrige Verhandlung endet mit der Einstellung des Verfahrens – unter der Auflage, dass Elke S. innerhalb von sechs Monaten 50 Stunden gemeinnützig geleistete Arbeit nachweisen kann.

Für Elke S. sprechen ihre bisherige juristische Unbescholtenheit, ihre Geständigkeit sowie ihr glaubhaftes Bedauern der Tat. Gleich am folgenden Tag sei sie zu ihren Ärzten in die Praxis gegangen, um sich zu entschuldigen.

Während der Verhandlung gibt die Angeklagte dem Gericht und der Staatsanwaltschaft einen wichtigen Hinweis zu einem ganz anderen Problemfeld. „Ja, man könne auch im Raum Leck illegal an Tabletten und Drogen kommen“, sagt Elke S. dem Richter auf Nachfrage. Namen kenne sie nicht, aber es würde sich um mehrere Russen handeln. Der Kontakt zu dieser Szene sei durch ihren Ex-Freund zustande gekommen. Elke S. sei sogar gebeten worden, Drogen bei sich zu Hause zu bunkern, was sie abgelehnt habe.

In einer früheren Aussage habe Elke S. ausgeführt, dass sie Schulden bei diesen Russen gehabt habe und auch deshalb in die Praxis einbrechen wollte. Das bestätigt die Frau gestern vor Gericht nicht. „Ich hatte an diesem Abend einige Filmrisse. An sich wollte ich aber in die Praxis einbrechen, um an weitere Tabletten zu gelangen“, sagt sie in ihrem Geständnis – sichtlich aufgewühlt und unter Tränen. „Ich glaube Ihnen, dass Sie das Verfahren sehr mitgenommen hat“, sagt der Richter, der die Angeklagte auch fragt: „20 Jahre in der Substitution, das ist eine sehr lange Zeit. Warum kommen Sie nicht aus dieser Abhängigkeit heraus?“ Elke S. erzählt daraufhin von ihrem harten Leben während und nach der Heroinabhängigkeit. „Das Substitutionsprogramm hat mir das Leben gerettet, ohne dieses wäre ich heute nicht mehr hier“, sagt die seit zwei Jahren Arbeit suchende Hartz IV-Empfängerin. An sich sollte sie die Ersatzdroge nur für zwei Jahre bekommen, doch dann merkt Elke S.: „Der Entzug davon ist für mich noch schlimmer als der vom Heroin.“ Der Wunsch nach einem Ausstieg sei immer da gewesen, „schon weil meine Tochter mich doch brauchte.“ Diese habe mittlerweile ihren Schulabschluss geschafft und suche nun eine Lehrstelle.

Im Frühjahr sei es Elke S. besonders schlecht gegangen. „Die Wirkung der Substitutionsmittel ließ nach, ich hatte starke Depressionen, haderte mit dem Leben. Da habe ich mehrere Tabletten gleichzeitig genommen“, sagt sie. Auch am Abend des 2. April. „Dennoch hatten wir den Eindruck, die Frau wusste, was sie tat“, sagt einer der Polizeibeamten, der die Leckerin beim Einbruchsversuch ertappte, gestern vor Gericht aus. Der 34-Jährige beschreibt Elke S. an diesem Abend als „sichtbar nicht gut drauf“. Sie sei aber sehr kooperativ gewesen, habe die Tat sofort zugegeben und bedauert.

„Was machen wir denn jetzt mit Ihnen?“, fragte sich Richter Salamon, als es darum geht, ein Strafmaß festzusetzen. Es folgt die genannte Einstellung des Verfahrens. Die auferlegten 50 Arbeitsstunden bezeichnet die sichtlich erleichterte Elke S. als „ein sehr gutes Angebot“. Richter Salamon appelliert an die 48-Jährige, nicht noch mal einen Einbruch zu versuchen und diese Stunden möglichst zügig zu leisten, denn: „Wenn diese Auflage nicht erfüllt wird, gibt es ein Urteil“.

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erstellt am 02.Sep.2016 | 06:00 Uhr

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