zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

29. März 2017 | 03:39 Uhr

100 Jährige : „Es war eine schöne Zeit“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Sara Erdmann war Wirtin des Fraschlönj und tauschte „heiße Blicke“ mit Lokführern der Reichsbahn – jetzt ist sie 100 Jahre alt geworden.

Eine glückliche Ehe, zwei Kinder, zwei Kröge, den Führerschein mit über 50 Jahren und der Dienst in der Pflege: Das ist ihre Bilanz von 100 Jahren Lebenszeit. Im Gasthof Fraschlöner in Risum-Lindholm war der Sonnabend ein ganz besonderer Tag. Dort feierte seine frühere Wirtin Sara Erdmann ihren 100. Geburtstag. Vom Bundespräsidenten, vom Ministerpräsidenten und Kreispräsidenten und von allen Ebenen der nordelbischen Kirche hatte sie aus diesem Anlass Post bekommen. Bürgermeister Hauke Christiansen gratulierte namens der Gemeinde auf Friesisch.

Freunde, Wegbegleiter, einstige Kunden und Nachbarn gratulierten. Die örtliche Musikformation Klångspal sang und spielte mehrere Ständchen. Es war in der Tat ein besonderer Tag, an dem 60 Gäste der alten Dame die Ehre erwiesen.

Sara Erdmann, geborene Petersen, kam als Tochter und Nummer drei von fünf Kindern des Eisenbahners Heinrich August Petersen, genannt „Heie Nik“, am 11. März 1917 zur Welt. Es war ein Sonntag. Bei Lehrer Paul Burgwald lernte sie lesen und schreiben, und von Pastor Wohlenberg wurde sie 1931 konfirmiert. Vier Jahre diente sie als junges Mädchen im Haushalt von Meta Andersen auf der Abnahme des Andersen-Hauses – und verdiente acht Reichsmark im Monat. Danach war sie während der Saison in Westerland – und ab Oktober in der Bahnhofswirtschaft bei Claus Sievers, dem Opa von Thomas Heinsen, tätig. Seinen Haushalt führte sie auch nach dem Tode seiner Frau weiter und bediente Gäste in der Bahnhofskneipe.

Mit den Lokführern der Reichs- und Bundesbahn tauschte sie „heiße Blicke“ aus. Dafür warfen sie ihr vom Tender dann und wann ein Stück Steinkohle rüber, damit die Gaststube immer warm und gemütlich war.

Dabei lernte sie während der „Bahnhofszeit“ auch ihren Mann, den Tischlermeister Gustav Erdmann, kennen, den sie dann auch „auf Geheiß“ des Krögers am 9. Dezember 1944, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, heiratete. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Reinhold geboren 1945 und Heinrich, der 1949 das Licht der Welt erblickte.

Weitere neun Jahre wohnte die junge Familie im Bahnhof Lindholm. Dann ergab sich für die damals knapp über 40-Jährige Sara Erdmann die Chance, die Nachfolge von „Kicke“ Boysen zu übernehmen. Der kinderlose Kröger hatte auf dem Grundstück Fraschlönj einen Gasthof betrieben, der 1956 abgerissen wurde und Platz für einen Neubau machte. Dies war der erste vom Programm Nord geförderten Gewerbetrieb. Diesen sollte zunächst sein Neffe Carsten Boysen übernehmen, der aber eine Aussiedlung vorzog – und damit den Weg für das Ehepaar Erdmann ebnete. Gustav Erdmann führte seine Tischlerei weiter. Sara Erdmann wurde Gastwirtin. Die Qualifikation dafür hatte sie in der Bahnhofswirtschaft erworben. Der Neubau ging 1958 in Betrieb. Sara Erdmann führte den Gasthof, der den Namen „Fraschlönj“ erhielt, knapp zehn Jahre lang.

Für die Landwirte wurde der Gasthof zu einem zentralen Treff, an dem sich eine Viehwaage befand und zu dem Vieh angetrieben wurde, um von dort weitertransportiert oder verkauft zu werden. Der Saalbetrieb war bestimmt von den „interfriesischen“ Bauerntreffen, von Versammlungen, Festen aller Art, die etwa die Feuerwehr, die Ringreiter und die Schule feierten. 1967 zog sich Sara Erdmann aus der Gastronomie zurück. Ihre Nachfolger auf Fraschlönj wurden Pächter wie Johann Volquardsen, Max Knudsen, Thomas Ketelsen und Sven Stümer. Letzterer führt heute den Saalbetrieb.

Mit dem Abschied vom Gasthof Fraschlönj begann für Sara Erdmann eine weitere berufliche Phase in Diensten des Kreises Nordfriesland. Sie verrichtete bis 1980 Küchendienst im Alten- und Pflegeheim Deezbüll. Den Weg nach Niebüll legte sie zuerst mit dem Rad zurück, dann ab 1972 mit dem Auto, nachdem sie mit 53 Jahren den Führerschein gemacht hatte. Sie war zuweilen auch mal flott unterwegs und wurde einmal in der Dorfstraße geblitzt. Mit Schwester Hertha und „Frau Funk“ fuhr sie oft nach Bredstedt in die Sauna. Den Köm pflegte sie bei „Hermann G.“ zu ordern – Köm, der damals 1,80 Mark pro Liter kostete. Sara Erdmann hat ein erfüllte Leben hinter sich: „Ich danke dem lieben Gott für all die Jahre: Es war eine schöne Zeit.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen