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Nordfriesland Tageblatt

08. Dezember 2016 | 23:08 Uhr

Windkraft : „Es ist nicht mehr auszuhalten“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Anlieger wollen keine neuen Windräder in ihrer Nähe, Risum-Lindholms Bürgermeister unterstützt die Bauvorhaben trotzdem.

Blitzende Schlagschatten und nächtliche Betriebsgeräusche im Haus – davon könnte es demnächst noch mehr für die Anwohner in Risum-Lindholm geben. Vier Windräder sollen neu aufgestellt und zwei durch modernere Anlagen ersetzt werden, geht es nach dem Willen der Windparkbetreiber und des Bürgermeisters, Hauke Christiansen. „Es ist nicht mehr auszuhalten“, sagt Günther Jacob. Er vertritt Anlieger, die in der Nähe der Windparks Bökingharde und Osterdeich wohnen. Sie klagen über Schlafstörungen und irritierte Tiere. Einige fürchten um die Gesundheit ihrer Kinder, andere um den Wert ihrer Häuser. Und manche fragen sich: Wozu weitere Windräder, wenn schon die alten zu viel Strom produzieren und sich selten alle zur selben Zeit drehen? Im Namen der Anlieger sagt Jacob: „Wir betonen ausdrücklich, dass wir keine Gegner erneuerbarer Energien und der Windenergie sind. Aber uns ist es jetzt schon zu viel, und nun soll auch noch eine Verdichtung erfolgen.“

Theo Steensen, Geschäftsführer der beiden Windparks, sagt: „Es ist wichtig, dass wir die Erweiterung noch in diesem Jahr anschieben.“ Im kommenden Jahr gilt eine Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Wie profitabel sich Windparks dann noch betreiben lassen, ist unklar. Viele Betreiber wollen daher Erweiterungen noch schnell zu den alten Bedingungen durchdrücken. Steensen: „Wir versuchen, die Leute so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Man kann es aber nicht allen recht machen.“

Eine Haltung, die Bürgermeister Christiansen teilt: „Wenn alle Rahmenbedingungen eingehalten und Auflagen erfüllt werden, dann dürfen die Windräder aufgestellt werden, auch wenn am Ende nicht alle damit einverstanden sind. Das ist Demokratie.“ Christiansen zufolge stünde die Region ohne Windparks viel schlechter da. Der Bürgermeister verweist auf Gewerbesteuer-Einnahmen und Arbeitsplätze. Durch Anteile können die Bürger zudem direkt vom wirtschaftlichen Erfolg der Windparks profitieren. Auch Christiansen besitzt entsprechende Anteile.

Jacob zufolge gab es im April auf Einladung der Geschäftsführung mit den Anliegern ein Gespräch, bei dem auch Christiansen und seine Stellvertreterin anwesend waren. „Über das Bauvorhaben wurde die Meinung von uns Anliegern eingeholt. Bei einer Abstimmung war die Mehrheit der Anlieger gegen das Bauvorhaben“, sagt Jacob. Der Bürgermeister habe zugesichert, nicht gegen die Entscheidung der Anlieger zu handeln. „Trotzdem wurden anschließend die Bauanträge gestellt, ohne uns zu informieren.“

Christiansen erwidert, er habe in den vergangenen Tagen viele Gespräche mit Betroffenen geführt. Er habe den Eindruck, dass außer Günther Jacob kaum ein anderer Anlieger komplett gegen zusätzliche Windräder sei.

Zum Gegenbeweis zeigt Jacob Dokumente. Da schreibt zum Beispiel Saskia Carstensen: „Ich bin sehr enttäuscht und erschrocken darüber, wie in dieser Gemeinde mit den Mitgliedern umgegangen wird. Menschlich eine glatte Sechs!“ 13 Familien haben ihre Bedenken geäußert. Jacob sagt: „Viele sehen nur das Geld. Aber die Anlieger in der Nähe der Windparks spüren direkt die Auswirkungen der Anlagen. Unsere Lebensqualität und unsere Gesundheit sind uns wichtiger als ein paar Euro mehr im Jahr.“ Die Anlieger wollen daher weiter versuchen, den Bau zusätzlicher Windräder zu verhindern.

 

Standpunkt: Eine Minderheit soll leiden, damit alle kassieren können; Risum-Lindholms Bürgermeister Hauke Christiansen nennt das Demokratie.  Dabei sind seine Argumente nicht demokratisch, sondern kapitalistisch.  Verhindern könnte Christiansen den Bau zusätzlicher Windräder wohl nicht, selbst wenn er wollte. Aber er müsste sich  nicht ohne Not so klar auf die Seite der Windpark-Betreiber stellen. Christiansen betont zwar, er sehe sich in der Rolle des Vermittlers, doch das nehmen die Betroffenen anders wahr. Noch verläuft die Diskussion sachlich.  Aber schon jetzt gibt es  Anlieger, die nur hinter vorgehaltener Hand ihre Bedenken äußern. Weil sie auf dem nächsten Dorffest nicht der Buhmann sein wollen und  geschäftliche Einbußen befürchten. Sie fühlen sich unverstanden und im Stich gelassen von ihrem Bürgermeister, der aufpassen muss, dass er am Ende nicht für ein paar Euro mehr den Gemeinde-Frieden opfert.

 

 

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erstellt am 30.Sep.2016 | 19:51 Uhr

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