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Nordfriesland Tageblatt

03. Dezember 2016 | 03:34 Uhr

Einblicke in eine fremde Welt

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Im Andersen-Hüs stellte sich eine evangelischen Diözese aus Indien vor / Lindholmer Pastor hatte 1999 für den Erstkontakt gesorgt

Auf einem indischen Abend im Andersen-Hüs stellte sich eine achtköpfige Gruppe junger Inder ihren nordfriesischen Gastgebern mit Tanz und Spiel vor. Das Treffen basiert auf den Kontakten zwischen der Kirchengemeinde Risum-Lindholm und der evangelischen Diözese Nathanja am Rande der ostindischen Millionenstadt Vizakhapatnam.

1999 hatte alles begonnen, nachdem Lindholms Pastor Hans-Peter Spießwinkel (inzwischen im Ruhestand) sein Engagement in Tansania beendet und sich den Indern zugewandt hatte. Spießwinkel, missionarisch geprägt von seinem Vater, sorgte nicht nur für materielle Hilfen, sondern vermittelte auch Wissen: Er gab Anregungen zum Aufbau einer Hühnerfarm, hatte die Idee für einen Hof mit Wasserbüffeln, die Milch für Kinder lieferten, gab den Tipp zum Bau einer Solaranlage und erlebte, wie an ein Witwen- und Waisenheim eine Schule angegliedert wurde.

Frauen, Witwen, Waisenkinder und Kranke werden in Indien bisweilen auf nach europäischer Vorstellung unmenschliche Art aussortiert. Die kleine Nethanja-Kirche holte viele dieser Menschen ins Leben zurück. Bischof Dr. Komanpali Singh und Spießwinkel wurden Freunde. Seit dem ersten Kontakt sind 17 Jahre vergangen – und viel ist erreicht worden. Was genau, das wurde auf dem Indischen Abend im vollen Andersen-Haus deutlich, in dem Spießwinkel und Singh berichteten.

Außerdem erzählten Spiel, Tänze, Gestik und Berichte von Leprakranken, die geheilt in ihr normales Umfeld zurückkehren konnten, von jungen Waisenmädchen, die eigentlich „entsorgt“ werden sollten und stattdessen mit dem Doktorhut heimkehrten und von vermeintlich nutzlosen Witwen, die unter einem schützenden Dach weiterleben.

„Wir haben in Indien eine völlig andere Welt kennen gelernt“, sagte Spießwinkel, um zu verdeutlichen, dass der Spruch „andere Länder – andere Sitten“ durchaus seine Berechtigung hat. In Indien sei das offensichtlich. In dem Land leben 1,3 Milliarden Menschen, in der „Kleinstadt“ Vizakhapatnam 1,3 Millionen. 80 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 13 Prozent Moslems – und nur 3 Prozent Christen. Tröstlich sei, dass die Christen einen – wenn auch kleinen – Aufschwung erleben und neu entstehende Kirchen groß gefeiert würden. Deutlich würden aber auch Kontraste zutage treten, beispielsweise zwischen Mann und Frau. Oft würden sich Familien verschulden, um eine Tochter unter die Haube zu bringen oder Frauen sich prostituieren, um ihre Kinder durchzubringen.

Dennoch leuchten hier und da Hoffnungsschimmer auf – wenn eine Solaranlage Energie liefert, wenn eine Familie aus der Lüneburger Heide eine Schule baut, Aids-Waisen einen Heimplatz finden, junge Männer einen Platz in einer Bibelschule bekommen, aus der sie als Pastor oder Gemeindehelfer zurückkehren und sich freuen, wenn ein Gottesdienst von 1000 Menschen besucht wird.

Indien zeigte sich an dem Abend in Nordfriesland als Land voller Kontraste: im ländlichen Bereich mit dem Ochsenkarren als Taxi, mit der von der Gemeinschaft aussortierten Witwen, mit Schulklassen, die auf der Straße unterrichtet werden müssen und mit etwa 300 Urstämmen, die fernab der Zivilisation wie vor 1000 Jahren leben und Tauschhandel betreiben. Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer, die umso heller strahlen, als sie einer Welt mit überkommenen Wertvorstellungen verdeutlichen, dass es auch anders geht. Ein inzwischen emeritierter Pastor aus Nordfriesland hat das erkannt, sein indischer Freund ebenfalls. Beide bemühen sich, die kleine Welt um sich herum menschlicher zu machen.

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erstellt am 04.Aug.2016 | 11:54 Uhr

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