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Nordfriesland Tageblatt

03. Dezember 2016 | 12:33 Uhr

Ein Tag für die „Moderspraak“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Hat das Plattdeutsche immer noch ein Imageprobleme und überhaupt eine Zukunft? Ein Interview mit Malene Gottburgsen und Ingwer Oldsen

Die ehemalige Lehrerin Malene Gottburgsen (66) ist Sprecherin des Plattdeutschen Forums Nordfriesland. Ingwer Oldsen (64), früher ebenfalls Realschullehrer, ist Leiter des Zentrums für Niederdeutsch. Beide haben in ihren ersten Lebensjahren nur Plattdeutsch gesprochen und das Hochdeutsch erst später in der Schule gelernt. Und beide spüren bis heute eine tiefe Verbundenheit zur Muttersprache. Mit einem „Plattdüütschen Dag in Leck“ am 25. September wollen sie das Niederdeutsche lebendig erhalten.

Ältere Leser haben mir erzählt, dass das Plattdeutsche in der Schule früher verpönt war. Wer kein Hochdeutsch sprach, bekam schlimmstenfalls ein paar hinter die Ohren und galt als Bauerntölpel. Man kann sagen: Plattdeutsch hatte ein Imageproblem, oder?
Ingwer Oldsen: Der Mensch neigt dazu, für alles einen Schuldigen zu suchen. Und wenn jemand in der Schule nicht mitkam, dann war man sich schnell einig, dass es am Niederdeutschen lag. Alles Quatsch. Ich habe erst in der Schule Hochdeutsch gelernt und trotzdem Abitur gemacht.

Warum zählt das Plattdeutsche heute mehr?
Malene Gottburgsen: Je größer und globaler unser Umfeld wird, desto mehr Wert wird auf regionale Besonderheiten gelegt. Das Plattdeutsche bedeutet Heimat. Und je stärker sich unser Umfeld verändert, desto mehr wird auch wieder die Heimat geschätzt – und damit ebenfalls die Sprache. Inzwischen haben sich aber auch die Rahmenbedingungen geändert. Die Aufnahme in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen hat für das Plattdeutsche viel bewirkt. Vor vielen Jahren wollte ich Plattdeutsch studieren, dafür fand sich aber niemand in der PH-Flensburg. Heute gibt es Professoren für die Sprache. Und während früher das Niederdeutsche vor allem ehrenamtlich an den Schulen unterrichtet wurde, ist das Plattdeutsche mittlerweile an 29 Schulen in Schleswig-Holstein im Regelunterricht fest aufgenommen. So können junge Leute die Sprache wieder leichter lernen. Bis dahin war es aber ein langer Weg.

Sie beide werden nicht müde, sich für das Plattdeutsche einzusetzen. Wie sehen Sie sich selbst? Als Retter der Sprache? Oder sind Sie die Ewiggestrigen?
Ingwer Oldsen: Wenn wir die Ewiggestrigen wären, dann würden wir nur noch jaulend in der Ecke sitzen und jammern, wie schön es doch früher war. Wir sind eher Kämpfer. Wenn man in mehreren Gremien arbeitet und sich durchsetzen will, dann muss man ein Kämpfer sein. Ich möchte die Sprache aber immer als Angebot sehen, und ich möchte sie so modern darstellen, dass dieses Angebot gerne angenommen wird. Ich will nicht als Vorschreiber gelten, sondern Möglichkeiten bieten.

Das wollen Sie nun am Sonntag, dem europäischen Sprachentag, mit einem Plattdeutschen Tag in der Nordsee-Akademie tun. Wie ist das Programm konzipiert?
Ingwer Oldsen: Wir wollen zeigen, welche Vielfalt das Plattdeutsche bietet. Für jeden ist am kommenden Sonntag etwas dabei. Für Ältere, aber auch Jüngere. Zwischen 10 und etwa 18 Uhr wird diskutiert, informiert, vorgestellt und ausprobiert. Die Minderheitenbeauftragte Renate Schnack und Bürgermeister Andreas Deidert werden Grußworte sprechen und Amtsvorsteher Peter Ewaldsen wird aus seiner Arbeit als Bürgermeister einer mehrsprachigen Gemeinde berichten. Unsere Lammkönigin Nele Christine Kahl wird den Tag eröffnen. Auch wird diskutiert, wie man unsere Regionalsprache stärker sichtbar und hörbar machen kann. Dafür nehmen Werner Junge vom NDR und Chefredakteur Stefan Hans Kläsener vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag an einer kleinen Gesprächsrunde mit Christianne Nölting teil. Man kann sagen, dass wir die ganze Nordsee-Akademie „Plattdüütsch maken“. Auch Plattdüütsche Musik wird nicht fehlen. Die nordische Band Godewind hat zugesagt. Enden soll der Tag mit einem gemeinsamen Singen, ich nenne es „Rudelsingen“.


Malene Gottburgsen: So einen Tag stellen wir zum ersten Mal auf die Beine. Das besondere an ihm ist auch, dass er vom Nordfriesischen Verein mitfinanziert und mitorganisiert wurde.

Dabei könnte das Friesische doch eigentlich als Konkurrenz zum Plattdeutschen gesehen werden, oder?
Ingwer Oldsen: Der Tag stellt eine Chance für beide Sprachen dar, weil unsere Besucher sehen und hören können, was alles mit unserer Heimatsprache Plattdeutsch „geht“. Wir wollen die Ohren für unsere „kleinen“ Sprachen öffnen. Mittlerweile hat man erkannt, dass es von Vorteil ist, wenn man mehr als eine Sprache spricht – egal welche.

Glauben Sie denn, dass beide Sprachen eine Zukunft haben?
Ingwer Oldsen: Wir sehen unsere Sprachen als Angebot und als großartige und typische Besonderheit in unserem Zuhause. Über die Zukunft entscheiden die Sprecher – wir können nur werben.

Gehen wir noch einmal zurück. Früher gab es ein paar hinter die Ohren, wenn man in der Öffentlichkeit Plattdeutsch sprach. Was gibt es heute?
Malene Gottburgsen: Vertrauen. Das Plattdeutsche öffnet beispielsweise Türen und Pforten. Wer plattdeutsch spricht, dem vertraue ich eher. Das ist bei vielen älteren Menschen auch so.

Ich greife das Wort „Vertrauen“ noch einmal auf. Vertrauen Sie darauf, dass das Plattdeutsche erhalten bleibt?
Ingwer Olsen: Das Plattdeutsche ist ein Schatz, den wir haben. Den zu bewahren muss unser Ziel sein. Unsere besondere Sprache ist gleichsam die Würze im täglichen Umgang miteinander. Reden, Lachen, Diskutieren und mit Sprache spielen – das ist etwas ganz Tolles. Da muss die Sprache erhalten bleiben.



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erstellt am 19.Sep.2016 | 14:08 Uhr

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