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Nordfriesland Tageblatt

10. Dezember 2016 | 02:12 Uhr

Alternative zum Schreddern : Ein Landwirt aus Südtondern gibt männlichen Küken eine Chance

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ralf Richardsen-Hantusch aus Enge züchtet und vermarktet sogenannte Zweinutzungshühner - mit Erfolg.

Enge | Das Töten von männlichen Küken sorgt nicht nur bei Tierschützern für Empörung. Auch der Verbraucher möchte zunehmend wissen, was mit dem „Bruderhahn“ passiert. Rund 60 Millionen Küken werden in Deutschland jedes Jahr getötet, weil sie die Brüder von Legehennen sind. Denn wer keine Eier legen kann, war bislang nutzlos. Ein Landwirt aus Südtondern stellt sich dieser Problematik. Ralf Richardsen-Hantusch aus Enge züchtet „Les Bleues“, ein sogenanntes Zweinutzungshuhn. Eine Marktnische, die er seit drei Jahren besetzt.

Hintergrund: Das ist ein Zweinutzungshuhn

Schon unsere  Vorfahren haben ihre Nutztiere nicht ausschließlich zu einem Zweck gehalten. Rinder wurden früher gemolken, das Fleisch gegessen, das Leder gegerbt und die Ochsen vor den Pflug gespannt. Ähnlich war es beim Geflügel. Doch Ende der 50er-Jahre haben die Bauern begonnen, entweder nur für eine hohe  Fleisch- oder  Eierproduktion zu züchten.  

Dabei fanden sie schnell heraus, dass, wenn sie genau auf das Gegenteil züchten, ein sogenannter Heterosis-Effekt erzielt wird. Das bedeutet, dass die Tiere eine besonders ausgeprägte Leistungsfähigkeit im Eierlegen oder Fleischansetzen aufweisen. Die daraus resultierende Unfruchtbarkeit wurde in Kauf genommen, und so gibt es seitdem fast ausschließlich Hybridhühner. „Zucht durch Inzucht“ lautet seitdem das gängige Paarungsverfahren, das im Fachjargon unter dem Begriff Hybridzucht  bekannt ist. Von nun an wurden Hybriden gezüchtet. 

Dadurch erreichten die Masthähnchen in fünf Wochen schon ihr Schlachtgewicht, was nicht lange vorher noch 20 Wochen dauerte. Die neue Form der Züchtung beschleunigte den Aufwuchs so vehement, wie es das zuvor in der Geschichte der Zucht und Entwicklung noch nicht gegeben hatte. Über 95 Prozent aller Hühner sind mittlerweile Hybridtiere. Das ganze System hat einen Nachteil: Die  männlichen Tiere  werden nach dem Schlüpfen getötet, weil sie keine Eier legen können und sich zur Mast nicht eignen.

 

Richardsen-Hantusch ist seit über 30 Jahren passionierter Geflügelzüchter. Derzeit versucht der Hobbylandwirt, der hauptberuflich als Fach-Krankenpfleger für Psychiatrie arbeitet, mit seiner Geflügelhaltung ein zweites Einkommen für sich und seine Familie zu generieren. Von einst 15 Hühnern am Anfang hat er seine Tierzahl auf 300 Legehennen vervielfacht – davon etwa 180 Les Bleues. Zusätzlich hat er rund 150 Bruderhähne aufgezogen, die zum Teil schon geschlachtet wurden.

Das Federvieh Les Bleues stammt ursprünglich aus Frankreich. Ausgewachsen präsentieren die Hühner ihrer Herkunft entsprechend die französischen Nationalfarben: roter Kamm, strahlend weißes Gefieder und blaue Füße. Richardsen-Hantusch bekommt seine Bruteier aus Bayern von einem Bekannten, der sich ebenfalls der Rasse verschrieben hat. „Nächstes Jahr ziehe ich die dann selber“, sagt er und zeigt mit einer schwungvollen Handbewegung zu einer Vielzahl von Hähnen, die zum Befruchten der Hühner in der Schar mitlaufen.

33 Cent kostet ein Ei bei Ralf Richardsen-Hantusch – für Nachbarn.
33 Cent kostet ein Ei bei Ralf Richardsen-Hantusch – für Nachbarn. Foto: Julia Nissen
 

Die Legeleistung seiner Hühner liegt bei 75 Prozent. Im Vergleich: Ein „konventionelles“ Hybridhuhn weist eine Legeleistung von 85 Prozent auf. Das Besondere am Zweinutzungshuhn „Les Bleues“: Die männlichen Küken werden nicht getötet, sondern aufgezogen. So lassen sich Fleisch und Ei gleichermaßen vermarkten, die Hennen legen die Eier, und die Hähne werden für die Mast verwendet.

Über einen Wochenmarktstand in Husum und einer Station vor der Haustür vermarktet er seine Erzeugnisse. Die Qualität der Eier ist vergleichbar mit der aus konventioneller Haltung. „Meine Kunden kaufen die Eier aufgrund der Bruderhahn-Geschichte.“ Für die Nachbarn gibt es einen extra Preis: 33 Cent für ein produziertes Ei. Die Wochenmarktbesucher hingegen greifen tiefer in die Tasche. Sie zahlen 50 Cent. Der reduzierte Eierpreis gehört für Richardsen-Hantusch zur Nachbarschaftspflege dazu. „Das morgendliche Hähnekrähen gibt es sogar gratis“, verrät er mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Aber würde Ralf Richardsen-Hantusch dem Ausspruch „dummes Huhn“ zustimmen? „Von wegen. Oft ärgere ich mich, dass die Tiere so plietsch sind und mir ein paar ausbüchsen.“ Doch wer nun ein gewollt-idyllisches Bullerbü-Bild vor Augen hat, der irrt. „Wir haben hier den Fuchs und den Habicht als natürlichen Feind. Beide freuen sich sehr über Hühnchen zum Mittag“, weiß er. Um die Tierverluste zu minimieren, hat der Nebenerwerbslandwirt einen Stromzaun um das Hühnerareal gezogen. „Davon lässt sich der Fuchs abhalten, nicht aber der Angreifer von oben.“ Richardsen-Hantusch greift in die Trickkiste und lässt auch kampflustige Gänse auf der Weide mitlaufen. „Die Gänse sind die fleißigsten Mitarbeiter und halten mir den Habicht fern“, freut sich der Geflügelwirt.

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erstellt am 27.Okt.2016 | 07:00 Uhr

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