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Nordfriesland Tageblatt

10. Dezember 2016 | 11:58 Uhr

Schleswig-Holstein Musikfestival : Ein Hörgenuss der Extraklasse

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ein altes Instrument und ein junger Künstler gaben sich in der Christuskirche die Ehre.

Schon beim Näherkommen ist das besondere Flair dieser Veranstaltung zu spüren. Ein einladendes Catering vor der Kirche erwartet die Konzertbesucher, die sich an diesem lauschigen Sommerabend sowohl musikalisch als auch kulinarisch verwöhnen lassen werden. Viele sind weitgereist, wie an den Autokennzeichen zu erkennen ist, auch Gäste aus Dänemark sind dabei.

Hat man das Gotteshaus betreten, fällt der Blick sofort auf das zentral im Altarraum vor passendem Sonnenblumen-Hintergrund aufgestellte Fortepiano. Interessierte treten näher und bestaunen das Instrument: ein Original von 1800, erbaut von Michael Rosenberger in Wien, aus der Sammlung Edwin Beunk. Wie ein wertvolles antikes Möbelstück wirkend, fallen gleich die kleinere Klaviatur (nur fünf Oktaven) in zierlicherer Dimension auf, ebenso die nicht sichtbaren Pedale.

In ihrer Begrüßung ermuntert die Pastorin Sylvia Kilian-Heins die rund 200 Zuhörer: „Hören wir also auf zu denken, sondern hören wir nur noch – mit den Ohren und mit dem Herzen.“ Und dann kommt Kristian Bezuidenhout. Im Zeitlupentempo, fast ehrfurchtsvoll nimmt er an dem Fortepiano Platz. Die ersten Töne überraschen. Verblüffend zart, aber gleichzeitig klar erklingt das Rondo c-moll Wq 59/4 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788). Ein besonderer Klang erfüllt den Kirchenraum: weniger voluminös als sein Verwandter, der moderne Konzertflügel, besticht das Fortepiano durch seinen leisen, obertonreichen und prägnanten Klang. Einen Nachhall der Töne gibt es kaum, was ihnen in der Abfolge einen sanft perlenden, ja kullernden Charakter verleiht. Der Künstler erweckt das Instrument mit seiner Fingerfertigkeit zum Leben, seine Hände scheinen über die Tasten zu fliegen.

Bezuidenhout, der Pianist mit dem ungewöhnlichen, fast unaussprechlichen Namen, wurde 1979 in Südafrika geboren. Er studierte in Australien und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die alten Tasteninstrumente. Heute lebt er in London und arbeitet mit zahlreichen Künstlern und Ensembles des Genres zusammen. Beeindruckend stellt er unter Beweis, dass er ein international gefeierter Spezialist auf dem Hammerklavier ist, ein Meister seines Fachs.

In den Sonaten c-moll (Hob.XVI:20) und g-moll (Hob. XVI:44) von Joseph Haydn (1732-1809) kommt die Virtuosität des jungen Künstlers zur Geltung. Die langen extrem rasanten Läufe spielt er federleicht, gepaart mit einer Präzision, die ihresgleichen sucht. Er ist in das Werk und sein eigenes Spiel tief versunken. Eine Mischung aus höchster Konzentration und Hingabe machen sich in seiner Mimik bemerkbar. Bei der erstgenannten Sonate folgt dem fast bedächtig wirkenden Moderato ein beschwingtes Andante con mote, im finalen Allegro bündeln sich schließlich die ganze Vielfalt von verspielt melodiösen Passagen und die sich steigernde Dramatik des Satzes.

Auch in allen anderen Kompositionen, die an diesem Abend erklingen, werden diese Stimmungen transportiert, jedoch etwas zarter und leiser, gerade dadurch aber deutlicher als beim Flügel. Die Faszination des filigranen Klangerlebnisses ergreift das Publikum: absolute Stille und gebanntes Lauschen. Der sympathische und ruhige, bescheiden und zurückhaltend wirkende Pianist nickt den Zuhörern freundlich zu, es wird bewundernd applaudiert.

Nach der Pause ziehen der Künstler und das Fortepiano die Zuhörer sofort wieder in ihren Bann. Es erklingen die Variationen in f-moll (Hob.XVII:6) von Joseph Haydn und danach das Rondo in Es-Dur Wq 61/1 von Carl Philipp Emanuel Bach. Bewusst hat Bezuidenhout sein Konzertprogramm nur diesen beiden Komponisten des Barock und der Wiener Klassik gewidmet. Gemeinsam war diesen beiden musikalischen Genies das Komponieren für das damals neu konstruierte Fortepiano. Im Gegensatz zum älteren Cembalo, das eine stets gleichbleibende Lautstärke aufweist, wurde mit der Erfindung des Fortepianos erstmals durch die Kraft des Fingeranschlags, mit der die Hämmer auf die Saiten treffen, eine Dynamik möglich: vom lauten Forte bis hin zum leisen Piano, daher der Name des Instruments.

Haydn und Bach kannten einander, pflegten Kontakt und Joseph Haydn hegte eine große Bewunderung für Bach, bezeichnete ihn gar als Vorbild. Obwohl beide Herren mit ihren Werken nicht den damaligen Zeitgeist trafen, ließen sie sich in ihrem Schaffensdrang nicht bremsen, wovon Zuhörer von heute profitieren.

So erklingt auch die abschließende Sonate in c-dur von Haydn (Hob.XVI:48) in der Christuskirche im Hier und Jetzt genauso, wie sie sich bereits vor über 200 Jahren angehört haben mag. Der charismatische Kristian Bezuidenhout beschert allen Anwesenden ein außerordentliches Erlebnis – exquisiter Hörgenuss. Viel zu schnell ist dieses Konzert der Extraklasse vorbei. Das Niebüller Publikum darf sich über eine Zugabe freuen, bevor es den still beeindruckenden Künstler der zarten Töne weiterziehen lässt.


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erstellt am 31.Jul.2016 | 12:22 Uhr

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