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Filmpremiere im Niebüller Kino : Dokumentarfilm über Multiple Sklerose läuft am Sonnabend an

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

„Multiple Schicksale“ wird in Ecks Kino gezeigt. Filmemacher Jann Kessler kommt zur Vorführung.

Zeigen, wie Betroffene Multiple Sklerose (MS) erleben, ihre Sorgen und Ängste, Hoffnungen und unbeschwerte Momente beleuchten: Das war das Ziel des jungen Schweizer Filmemachers Jann Kessler, als er 2013 die autobiografische Dokumentation „Multiple Schicksale – Vom Kampf um den eigenen Körper“ drehte. Damals war er 18 Jahre alt und machte die Krankheit und damit auch die Geschichte seiner Mutter zum Thema seiner filmischen Abschlussarbeit für das Gymnasium. Die Dokumentation wird am 22. April um 19.15 Uhr in Ecks Kino gezeigt. Neben seiner Mutter hat Kessler sechs weitere Personen in ihrem Alltag mit der Krankheit begleitet.

Den Film nach Niebüll geholt hat Nadine Früchtnicht. Sie selbst ist mit 18 Jahren an MS erkrankt und steht gemeinsam mit Jann Kessler nach dem Film für Fragen aus dem Publikum bereit. „Die Doku zeigt, wie man damit lebt. Sie klärt auf und kann für mehr Verständnis sorgen.“ Die 31-Jährige selbst geht offen mit ihrer Diagnose um, doch das könne nicht jeder. „Es ist schon seltsam, wenn die Leute mich fast anstarren, nur weil ich mit einem Rollator unterwegs bin.“

Vielleicht erntet sie die Blicke, weil das Bild für die anderen Spaziergänger nicht zusammenpasst: Junge lächelnde Frau und eine Gehhilfe, die üblicherweise mit älteren Menschen verbunden wird. „Einmal wurde ich in der Stadt blöd angemacht, weil ich morgens mit Krücke und mittags mit Rollator unterwegs war.“ Nadine Früchtnicht hat mit Geheinschränkungen zu kämpfen. Ihre Stärke ist abhängig von Tagesform und Strecke.

„Die Krankheit ist vielen kein Begriff, oder sie haben ein falsches Bild von ihr. MS hat verschiedene Verlaufsformen und Schweregrade. Das ist auch in dem Dokumentarfilm gut zu sehen.“ Die neurologische Erkrankung gehört zu den häufigsten im jungen Erwachsenenalter. Dabei handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Krankheit des zentralen Nervensystems. Sie kann das Gehirn, das Rückenmark sowie die Sehnerven befallen.

Bei der 31-jährigen Fotografin begann alles mit einer scheinbaren Sehnenscheidenentzündung an der Hand. Als dann auf einmal die charakteristischen Sehstörungen auftraten, läuteten beim Arzt von Nadine Früchtnicht die Alarmglocken.

Wer Multiple Sklerose im Internet in eine Suchmaschine eingibt, findet viele medizinische Artikel, aber Berichte von Betroffenen sind schwierig zu finden. „Jann Kesslers Doku füllt diese Lücke und gibt den Zuschauern die Gelegenheit, die Thematik in Ruhe und für sich selbst zu erfassen. Als ich den Trailer das erste Mal gesehen habe, hatte ich Gänsehaut“, sagt Nadine Früchtnicht.

Ursprünglich ging es ihr gar nicht darum, den Film nach Südtondern zu holen, als sie Kontakt zu dem jungen Filmemacher aufnahm. „Ich habe die Dokumentation im Internet entdeckt und wollte von ihm wissen, wann sie auf DVD erscheint. Doch die Veröffentlichung dauerte noch, weil sie erst aus dem Schweizerdeutsch übersetzt werden musste.“

Nadine Früchtnicht und Jann Kessler blieben in Kontakt. Er bot ihr an, mit Film nach Niebüll zu kommen, wenn sie ein Kino findet, das seine Dokumentation zeigt. Im Ecks Kino wurde Nadine Früchtnicht schnell fündig. „Er wäre sogar auf eigene Kosten gekommen, doch zum Glück konnte uns da das Stadtmarketing weiterhelfen. Holger Heinke war super hilfsbereit. Ihm und der Familie Eck gilt mein Dank für ihren Einsatz.“

Mit der Multiplen Sklerose wird Jann Kessler das erste Mal konfrontiert, als er fünf Jahre alt ist und seine Mutter die Diagnose erhält. Mit zehn Jahren beginnt er Kurzfilme zu drehen. Darin habe er sich lange geflüchtet, um sich nicht mit der Erkrankung auseinandersetzen zu müssen, schreibt er in einem Text auf der Homepage des Filmverleihers. Das sei über viele Jahre gut gegangen, doch im Vorfeld seiner Matura-Arbeit habe er gemerkt, dass ihn die Situation immer stärker belaste und den Schlaf raube. Ihm sei bewusst geworden, dass er etwas ändern müsse. Deshalb entschloss er sich für die Flucht nach vorn: Ein Filmprojekt über MS.

„Der Film selbst ist schon eindrucksvoll, aber der Umgang und die Auseinandersetzung von Jann Kessler mit den Schicksalen geht nahe. Er hat einen Protagonisten in seinem Alltag begleitet, bis er starb.“ Rainer, Jahrgang 1957 und MS-Diagnose 2006, war ehrgeizig und fuhr über lange Zeit mit dem Fahrrad zur Arbeit, trotz seiner fortschreitenden Beeinträchtigungen. In der Zeitspanne der Filmaufnahmen verschlechterte sich sein Zustand so, dass er ständig hätte betreut werden müssen. Diesem Verlust der Selbstbestimmung kam Rainer mithilfe der Sterbehilfsorganisation Exit zuvor. „Er hat es Jann Kessler von sich aus angeboten, ihn auch auf diesem Weg weiter zu begleiten, und er tat es.“

Aber auch Frauen und Männer mit leichteren Verläufen begleitete er in ihrem Alltag: Graziella, Jahrgang 1967, hat die Krankheit zu dem Zeitpunkt seit drei Jahren. Ihr ist die Familie das Wichtigste. MS schränkt sie besonders in ihrer Gehfähigkeit ein. Doch sie ist nicht omnipräsent, weshalb es Graziella gelingt, ihr nicht zu viel Gewicht in ihrem Leben zu geben. Mit ihrer Familie spricht sie fast nie über die MS, um keine zusätzlichen Ängste zu wecken. Melanie, Ende 20, bekam die Diagnose 2012 und steht in der Dokumentation mitten im Verarbeitungsprozess und versucht, sich mit ihrer neuen Situation zu arrangieren.

Karten sind am Veranstaltungstag in Ecks Kino an der Kasse erhältlich.

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erstellt am 19.Apr.2017 | 11:40 Uhr

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